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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.08.2007

Marieluise Flei├čer - Eine Biographie von Hiltrud H├Ąntzschel
Sabine Grunwald

Mit "Fegefeuer in Ingolstadt" hatte die junge Dramatikerin ihren ersten gro├čen Erfolg. Nach langen schweren Jahren wurde sie Ende der 60er Jahre wiederentdeckt und auch in ihrer Heimatstadt gefeiert



Ihr erstes St├╝ck Fegefeuer in Ingolstadt, das 1926 erschien, machte die junge Dramatikerin zu einer Person non grata in ihrer Heimatstadt. Marielouise Flei├čer wurde 1901 in Ingolstadt geboren und sch├Âpfte auch k├╝nstlerisch aus diesem Erfahrungshintergrund. Ihre dialektgef├Ąrbte, volksnahe Sprache, zusammen mit einer sexuell aufgeladenen Atmosph├Ąre und sozialkritischen Tendenzen, verlieh ihren St├╝cken und Erz├Ąhlungen (u.a. Abenteurer aus dem Englischen Garten und Ein Pfund Orangen) einen Reiz, der in der Literatur ihrer Zeit einzig war.
Sie lernt Lion Feuchtwanger, Bertold Brecht, Helene Weigel und Elisabeth Hauptmann kennen und reist zur Auff├╝hrung von Fegefeuer in Ingolstadt nach Berlin, das dort am Deutschen Theater seine Urauff├╝hrung erlebt.

Die KritikerInnen sind beeindruckt von dem neuen Talent aus der Provinz und erkennen ihre Begabun. Marielouise Fleischer, der ÔÇ×Shooting-StarÔÇť aus der Provinz wird zum neuen ÔÇ×Fr├ĄuleinwunderÔÇť der Zwanziger Jahre.
Selbst das Urteil des scharfz├╝ngigen und gef├╝rchteten Starkritikers Alfred Kerr f├Ąllt ├╝berraschend positiv aus.
Der Ullstein Verlag garantiert der jungen K├╝nstlerin ein monatliches Einkommen von 200 Mark. Zwei Wochen nach der sensationell erfolgreichen Auff├╝hrung ihres zweiten St├╝ckes Pioniere in Ingolstadt, 1929 erh├Âht der Verlag die Zahlung auf 300 Mark.
Im Mai 1926 erweitert die Magdeburgische Zeitung ihre Unterhaltungsbeilage f├╝r anspruchsvolle Literatur, um den Lesebed├╝rfnissen besonders auch den Frauen Rechnung zu tragen, und Marielouise kann dort zusammen mit der ersten Garde der deutschen Literatur 16 Prosaarbeiten ver├Âffentlichen.
Am 5. Januar 1927 siedelt die Autorin nach Berlin ├╝ber und zieht nach Wilmersdorf in die Pariser Str. 63. Nach f├╝nf Monaten voller Begegnungen, Anregungen aber auch Entt├Ąuschungen kehrt sie der Gro├čstadt wieder den R├╝cken. Die sch├╝chterne, passive Ingolst├Ądterin findet nicht den gew├╝nschten Anschluss und kehrt ├╝ber einen Umweg, dem Ostseebad Kolbert, wieder nach Ingolstadt zur├╝ck. Berlin wird sie erst wieder zur Auff├╝hrung der Pioniere Ende M├Ąrz 1929 am Schiffbauerdamm besuchen.

Nach ihrer Heimkehr verlobt sie sich mit dem drei Jahre ├Ąlteren Joseph Haindl, ein H├Ąndler in Weinen, Spirituosen und Tabakwaren, nebenbei Ruderer und Sportschwimmer. Die beiden k├Ânnten unterschiedlicher nicht sein, er der Antiintellektuelle, sie die Literatin.
Die Auff├╝hrung der Pioniere in Ingolstadt wird zum Politikum und die rechte Presse verunglimpft das St├╝ck ├╝ber ÔÇ×Soldaten und Dienstm├ĄdchenÔÇť als unmoralisch und antimilitaristisch. Nach der Trennung von Haindl lernt sie den gl├╝ck- und talentlosen Poeten Hellmut Draws-Tychsen kennen und lieben, der in ihrem pers├Ânlichen und beruflichen Leben eine verh├Ąngnisvolle Rolle spielen sollte. Mit der Hinwendung zu diesem Mann bezieht sie gerade das Lager ihrer Feinde, die wegen ihres St├╝ckes frauenverachtend gegen sie polemisierten. Nach der masochistisch gef├Ąrbten Beziehung zu Draws-Tychsen, der ihre Schaffenskraft als K├╝nstlerin beinahe zerst├Ârte, heiratete sie Haindl und arbeitete erst nach dessen Tod 1958 weiter an ihrer Karriere.
Erst gegen Ende der 60er Jahre entdeckten junge Dramatiker wie Franz Xaver Kroetz und Rainer Werner Fassbinder wieder den brisanten Stoff ihrer St├╝cke und verhelfen Marielouise Flei├čer zu einem sp├Ąten, aber verdienten Ruhm.

Zur Autorin: Hiltrud H├Ąntzschel lebt als Literaturwissenschaftlerin und freie Autorin in M├╝nchen. Publikationen u.A: Brechts Frauen: Ich wurde eine Romanfigur. Wolfgang Koeppen 1906-1996 (zus. Mit G├╝nter H├Ątzschel), Diese Frau ist ein Besitz, Marieluise Flei├čer zum 100. Geburtstag, Marbacher Magazin zur Jubil├Ąumsausstellung in Ingolstadt 2001.

AVIVA-Tipp: Reich an Details und bisher unver├Âffentlichten Materialien gibt diese Biographie einen detaillierten Einblick in das private Leben und k├╝nstlerische Schaffen einer gro├čen deutschen Schriftstellerin.


Hiltrud H├Ąntzschel
Marieluise Flei├čer

Eine Biographie
Insel Verlag, erschienen 2007
ISBN 978-3-458-17324-3
Gebunden, 374 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
22,80 Euro

Literatur Beitrag vom 30.08.2007 Sabine Grunwald 





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