Donna Leon & Commissario Brunetti - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J√ľdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.09.2003

Donna Leon & Commissario Brunetti
Ilka Fleischer

Weder gelesen, noch gesehen oder gehört hat die Brunetti-Bestseller der US-amerikanischen Donna of Crime wohl kaum jemand - abgesehen von den italienischen Landsleuten des venezianischen Commissario.




W√§hrend Commissario Brunetti - trotz elf brillant gel√∂ster F√§lle und der Aufdeckung zahlloser politischer Skandale - noch immer nicht den Aufstieg zum Vice-Questore geschafft hat, heimst seine Kreatorin, Donna Leon die Lorbeeren ein: Seit ihrem ersten gemeinsamen Fall, "Venezianisches Finale" (1992), gilt sie als Bestseller-Garantin, kann auf die Ver√∂ffentlichung von 10 Romanen in 19 Sprachen zur√ľckblicken und fr√∂nt "la dolce vita" bei ihrem Lieblingshobby - regelm√§√üigen Opern-Besuchen in der Loge. Auf den Stra√üen ihrer Wahlheimat Venedig bleibt sie dennoch weitgehend unerkannt.

Wie kann millionenfach publizierte Gesellschaftskritik dem Objet de critique verborgen bleiben? - Wenn das Beispiel Donna Leon & Commissario Brunetti repr√§sentativ ist, scheint es zu reichen, die skeptischen √Ąu√üerungen einfach in einer fremden Sprache und in belletristischer Weise zu tun. "Ich will nicht, dass man glaubt, ich ma√üe mir an, √ľber mein Gastland zu urteilen" - mit dieser Begr√ľndung soll die geb√ľrtige US-Amerikanerin die √úbersetzung ins Italienische verweigert haben. Eine recht bizarre Auffassung in Anbetracht der weitfl√§chigen Ver√∂ffentlichung eben dieses Urteils - zumal f√ľr eine Autorin, die immer wieder moralische Integrit√§t und Political Correctness ins Zentrum ihrer Romane stellt.

Vor allem verwundert diese Haltung vor dem Hintergrund ihrer sehr differenziert und oft geradezu liebevoll ge√§u√üerten Kritik, die sie in der Ambivalenz und Empathie ihrer Hauptcharaktere zum Ausdruck bringt. So sehen sich der Commissarios und seine Frau Paola im vorletzten Fall "Feine Freunde" z.B. mit Ermittlungen in eigener Sache konfrontiert: Eines Tages steht Franco Rossi, Beamter des Katasteramtes, vor ihrer Wohnung, von der er behauptet, sie sei illegal gebaut worden. Brunetti reagiert darauf - aus "deutscher Sicht" - in eigent√ľmlicher Weise:
"Zu keinem Zeitpunkt w√§re es ihm - so wenig wie Paola - in den Sinn gekommen, die Sache legal anzugehen, also die zust√§ndigen Dienststellen und die Namen der richtigen Leute herauszufinden und dann die geeigneten Schritte einzuleiten. Venezianer pflegten es zu ignorieren, weil man wusste, dass solche Dinge sich nur mit ¬īconoscenze¬ī regeln lie√üen, als da waren: Bekannte, Freunde, Beziehungen und geschuldete Gef√§lligkeiten."

Als der integre Beamte nur kurz darauf unter ungew√∂hnlichen Umst√§nden um¬īs Leben kommt und Brunettis Weg wenig sp√§ter von einem weiteren mysteri√∂sen Mord gekreuzt wird, beginnt der Commissario in gewohnt-loyaler Begleitung von Sergeante Vianello mit den Ermittlungen. Mit jeder neuen F√§hrte geraten sie tiefer in den Morast aus Drogen, Wucher, Gewalt und Korruption, mit jedem neuen Indiz verst√§rken sich die Zweifel, inwieweit die Verbrechensbek√§mpfung auf derart maroder gesellschaftlichen Basis Fr√ľchte tragen kann.

Auch wenn der erhobene Zeigefinger hier und da durchscheint, l√§uft Donna Leon - dank der ausgepr√§gt selbstkritischen Z√ľge ihrer Haupt-ProtagonistInnen und ihrer eigenen Italo-Passion - niemals Gefahr, verurteilend daher zu kommen. Nicht selten wirft sie allerdings moralisch-ethische wie polit-philosophische Fragestellungen durch die Literatur-Professorin und Brunetti-Gattin Paola auf. Indem diese den oberfl√§chlichen Pragmatismus des venezianischen Polizei-Apparates zuweilen radikal anzweifelt und nach einer "tieferen Gerechtigkeit" sucht, stellt sie nicht nur f√ľr die Leserin ein anregendes Komplement dar, sondern auch f√ľr ihren Guido.

Trotz aller Partnerschaftlichkeit des Brunetti-Paares r√ľhrt ihre Popularit√§t wom√∂glich aber eher von den traditionellen Seiten ihres Ehe- und Familienlebens:
"In diesen Momenten bitterer Erkenntnis hilft Brunetti nur noch der R√ľckzug ins Private. In seiner Familie findet er R√ľckhalt und Geborgenheit - im trauten, harmonischen Heim ist die Welt (noch?) in Ordnung. Ehefrau Paola, eine Literaturprofessorin, verw√∂hnt ihn mit frischen Krabben oder Erbsenrisotto, und er kann sich seinen Leidenschaften, klassischer Literatur und Opernarien, hingeben," so kommentieren die KollegInnen von Amazon.com das gut-b√ľrgerliche Nest.

Die Anspielung auf die latente eheliche Disharmonie aufgreifend, handelte der letzte Fall Brunettis Gesetz der Lagune denn auch von den amour√∂sen Gef√ľhlen des Commissario f√ľr seine junge Kollegin Elettra. Vor den Toren Venedigs, im Hafen des kleinen Fischerd√∂rfchens Pellestrina, wird ein Schiff in Brand gesetzt - an Bord befinden sich der Muschelfischer Giulio und sein Sohn Marco.

Als Brunetti und Vianello mit den Ermittlungen beginnen, zeigen sich die Fischers-NachbarInnen der Insel bedeckt. Au√üerhalb der venezianischen Stadtgrenzen kann sich der Commisario nicht auf seine √ľblichen Ermittlungsmethoden zur√ľckgreifen, die vor allem auf ¬īconoscenze¬ī basieren. Daher nimmt er Elettras Angebot, sich unter die InsulanerInnen zu mischen, zwar z√∂gerlich, aber dankbar an. Schlie√ülich reicht das weite verwandtschaftliche Netz der Sekret√§rin noch in den letzten Winkel Pellestrinas. Bald zeigt sich, dass die Bef√ľrchtungen um das Wohlergehen Elettras nicht unberechtigt waren.

Neben den widerstrebenden Gef√ľhlen Brunettis, der zwar seine lange vitale PartnerInnenschaft mit Paola zu w√ľrdigen wei√ü, aber dennoch dem Reiz des Neuen nicht widerstehen kann, wird das "Gesetz der Lagune" besonders von den off-touristischen Attraktionen der Serenissima getragen. Die vielen venezianischen Alltags-Impressionen erg√§nzend, tr√∂sten hier auch die verlockenden Schilderungen adriatischer "Naherholungsgebiete" √ľber die menschlichen Grausamkeiten hinweg und stellen selbst den feinsinnigen kriminalistischen plot in den Schatten.

Dass Donna Leon ihre eigenen Erfahrungen und Lebensgef√ľhle in der Wahlheimat als Ausgangsbasis ihrer Romane nimmt, hat sie von je her betont. Ihr Erstlingswerk "Venezianisches Finale" gilt als Produkt eines anstrengenden Opern-Besuches, bei dem ihr Begleiter gesagt haben soll: "Ich k√∂nnte den Dirigenten umbringen!" Darauf hin h√§tte sie ihn mit dem Versprechen beruhigt: "Ich mach¬īs f√ľr dich, aber in einem Roman." Ein ebenso pers√∂nlicher Bezug f√ľhrte zu ihrem j√ľngsten Brunetti-Krimi Die dunkle Stunde der Serenissima, bei dem die verschwundene Kunst aus den Kriegsjahren im Zentrum steht:
"Ein befreundeter Kunsth√§ndler sagte mir, was man 30 Jahre in seinem Besitz habe, geh√∂re einem, ganz gleich, wo es herkommt. Das wollte ich nicht glauben und habe weiterrecherchiert," so erkl√§rte die Autorin den Ausl√∂ser f√ľr Commissario Brunettis 11. Fall.

Auf die Spuren des moralischen Verfalls der Kriegsjahre ger√§t unser Ermittler durch den Wunsch seiner Frau. Eine ihrer Studentinnen m√∂chte ihren Gro√üvater von dem Vorwurf reinwaschen, er habe im Kriegsverlauf die Kunstwerke verfolgter J√ľdInnen und Widerstandsk√§mpferInnen unrechtm√§√üig erstanden. Kurze Zeit nachdem sie Brunetti in seinem B√ľro aufgesucht hat, wird sie erstochen in ihrer Wohnung entdeckt. Wenig sp√§ter findet der Commissario ihre Gro√ümutter tot auf - inmitten einer imposanten Kunst-Sammlung.

Mithilfe seines bew√§hrten "Teams" - einschlie√ülich seiner Frau Paola und des Schwiegervaters Conte Falier - sp√ľrt Brunetti den Zeiten Mussolinis und ihren zahllosen Ausl√§ufern in die Gegenwart nach. Ob Widerstandsk√§mpferInnen, FaschistInnen oder Mitl√§uferInnen - alle scheinen damals Gesetz und Moral mit F√ľ√üen getreten zu haben. Aber wer w√ľrde eine Studentin und eine Rentnerin im Hier und Jetzt ermorden?

In gewohnter Differenziertheit schildert die Autorin die unterschiedlichen Charaktere und ihre jeweiligen Motive, die weite Schnittmenge und vielen Nuancen von Gut und B√∂se, Recht und Unrecht. Und sie pr√§sentiert einen alles andere als selbstgef√§lligen Commissario, der sowohl an der Aufkl√§rung wie an der Vereitelung von Straftaten beteiligt ist und einen neuen Helden-Epos zu begr√ľnden scheint - fernab von Macho-Bullen oder kriminalistischen √úberfliegern.

Somit hinterl√§sst auch der elfte Fall Brunettis eine ungen√ľgende Erkl√§rung auf die Frage, warum diese erhellend-kritische Serie den ItalienerInnen vorenthalten wird. Der WDR kommentierte zurecht: "Schade eigentlich: Nun m√ľssen sich die Italienerinnen einen idealen Mann wie Guido Brunetti tats√§chlich im realen Leben suchen."





Die dunkle Stunde der Serenissima. Commissario Brunettis elfter Fall.
von Donna Leon

Preis: EUR 19,90
Gebundene Ausgabe - 373 Seiten
Diogenes 2003
ISBN: 325706343190008115&artiId=2091123" .

Das Gesetz der Lagune. Commissario Brunettis zehnter Fall.
von Donna Leon

Gebundene Ausgabe - 321 Seiten
Diogenes 2002
ISBN: 325706313X90008115&artiId=1372785" .

Feine Freunde. Commissario Brunettis neunter Fall.
von Donna Leon

Preis: EUR 9,90
Broschiert - 332 Seiten
Diogenes Verlag 2002
ISBN: 325723339690008115&artiId=1372780" .


Literatur Beitrag vom 05.09.2003 Ilka Fleischer 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken