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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.11.2007

Barbara Bronnen, Fliegen mit gestutzten Fl├╝geln
Yvonne de Andr├ęs

Die letzten Jahre der Richarda Huch. Zum 60. Todestag der gro├čen - fast vergessenen - Grande Dame der deutschen Literatur werden ihre letzen Lebensjahre beleuchtet.



In diesem Buch sucht Barbara Bronnen der Grande Dame der deutschen Literatur, Ricarda Huch ein Denkmal zu setzen. Huch ist am 17. November 1947 gestorben. Im November 2007 erschien "Fliegen mit gestutzten Fl├╝geln". Die Geschichte, die sie ├╝ber die letzten Lebensjahre Huchs zu erz├Ąhlen hat, ist in der Tat dramatisch.
Ricarda Huch war im Jahr 1926 "als erste Frau in die neugegr├╝ndete Sektion f├╝r Dichtkunst in der Preu├čischen Akademie der K├╝nste" berufen worden. Sie verlie├č die Akademie jedoch nach der Macht├╝bernahme der Nazis. Gottfried Benn hatte 1933 allen nicht hinausgeworfenen Mitgliedern der Akademie die Frage gestellt, ob sie bereit w├Ąren, "unter Anerkennung der ver├Ąnderten geschichtlichen Lage weiter ihre Person der Preu├čischen Akademie der K├╝nste zur Verf├╝gung zu stellen". Huch hatte sich f├╝rs Gehen entschieden. Die neuen Machthaber wollten die bekannte und ber├╝hmte Richarda Huch unbedingt als Aush├Ąngeschild in der Akademie halten. Aber sie lehnte erhobenen Hauptes ab: "Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum".

Nach ihrem Austritt aus der Akademie wurde es um "den weiblichen Goethe" ÔÇô so wurde Huch damals allgemein gehandelt ÔÇô ruhig. Huch war isoliert. Ihre B├╝cher lagen nicht mehr in den Schaufenstern der Buchl├Ąden und wurden immer weniger gelesen. Der Insel Verlag verlegte nur noch Nachauflagen Huchs, keine Novit├Ąten mehr. Richarda Huch, 59 Jahre alt, dachte nicht ├╝ber ein m├Âgliches Exil nach, sie begab sich in die "innere Emigration".

Sie f├╝hlte sich alt und mochte keine neuen Wurzeln mehr schlagen. Mit ihrer Tochter und ihrem Enkel zog sie nach Heidelberg und pendelte von dort aus h├Ąufig zu ihrem Schwiegersohn nach Freiburg. Sie versuchte m├Âglichst wenige Kompromisse mit den Nationalsozialisten einzugehen. Alfred D├Âblin schrieb ├╝ber sie: "Sie warÔÇŽ viel zu stolz, um nicht mutig zu sein".

1936 zog sie, hoch betagt, mit ihrer Familie nach Jena. Ihre Wohnung in der Stra├če Oberer Philosophenweg 72 wird eine Adresse f├╝r Gespr├Ąche mit Gegnern des Nationalsozialismus, wie Helmut Gollwitzer, Ernst von Harnack und anderen. Von den Nazis wurde Richarda Huch zur gleichen Zeit "als politisch unzuverl├Ąssig" eingestuft. Heinrich Lilienfein, der Generalsekret├Ąr der Deutschen Schillerstiftung in Weimar regt 1940 bei der Reichsschriftungskammer an, Richarda Huch eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung zur Verf├╝gung zu stellen. Huch lehnte ab. Sie wollte sich nicht vereinnahmen lassen. Dies ist sicher zu loben. Aber ist es schon Widerstand? Barbara Bronnen schreibt: "Mit Hilfe des Widerstands sollte es gelingen, ihr Land aus Schimpf Schande, Schuld herauszuf├╝hren und Opferwille, Mut und Zivilcourage, nicht zuletzt Hoffnung auf einen neuen Anfang hin├╝berzuretten."

Nach der Befreiung hat die zweiundachtzigj├Ąhrige Huch nur noch ein Ziel, sie will den Frauen und M├Ąnnern des deutschen Widerstandes ein w├╝rdiges Denkmal setzen. Sie arbeitet an einem Buch, das biographische Portraits der Mitglieder der Wei├čen Rose, der Frauen und M├Ąnner des 20. Juli und der Roten Kapelle (der Gruppe um Schulze-Boysen-Harnack) darstellen sollte. 1946 konnte sie den jungen Arche Verlag in der Schweiz f├╝r die Ver├Âffentlichung gewinnen. Das "Gedenkbuch" erschien 1947 unter dem Titel "Bilder deutscher Widerstandsk├Ąmpfer". Das Kapitel ├╝ber die Rote Kapelle hatte Huch jedoch nicht mehr geschafft. Sie bat G├╝nther Weisenborn, es zu schreiben. 1953 ver├Âffentlichte er "Der lautlose Aufbau".

Noch vor ihrem Tod er├Âffnete Ricarda Huch als Ehrenpr├Ąsidentin 1947 den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress im Hebbel-Theater in Berlin. Man traute ihr diese Position wegen der Herausgabe des "Gedenkbuches" zu, und glaubte auch, sie k├Ânne gen├╝gend Fingerspitzengef├╝hl aufbringen, um in einer solchen Versammlung ausgleichend zu wirken. Mehr als 250 AutorInnen und VerlegerInnen nahmen an der Tagung teil. Viele der SchriftstellerInnen aus den Westzonen jedoch waren skeptisch und hatten abgesagt. Barbara Bronnen beschreibt Ricarda Huch und ihre Rede auf dem Kongress so: "Hinter ihr die Toten. Vor ihr die Davongekommenen."

Huchs Rede "Ruf an die Schriftsteller" setzt sich deutlich "f├╝r ein nat├╝rliches Nationalgef├╝hl, distanziert von Fremdenhass, Chauvinismus und D├╝nkel" ein. Wer die Rede im Protokoll des Schriftstellerkongresses nachliest, wird feststellen, dass sie so "fulminant", wie Bronnen sie darstellt, nicht war. Die Situation in Berlin damals ist angespannt. Die Zwangsvereinigung von SPD und KPD hat gerade stattgefunden und der politische Druck in der Sowjetische Besatzungszone nimmt deutlich zu. Der Autor Melvin J. Lasky provoziert den Eklat zwischen Ost und West: "Mein Gegenstand ist der freie, unabh├Ąngige Schriftsteller und sein unabh├Ąngiges Bem├╝hen um die kulturelle Freiheit."

Nachdem Huchs Schwiegersohn in Hessen Kulturminister geworden war und der politische Druck und die Abkehr von bildungsb├╝rgerlichen Traditionen in der SBZ zunahmen, floh Huch von Jena nach Kronberg-Sch├Ânberg im Taunus. Die Strapazen dieser Reise waren so gro├č, dass sie ihnen am 17. November 1947 erlag. Barbara Bronnen gelingt es, die letzten Lebensjahre Huchs sehr plastisch einzufangen. An vielen Stellen jedoch ├╝bertreibt sie. Die gro├če Literatin erscheint in gro├čem, manchmal zu hellem Glanz.

Zur Autorin: Barbara Bronnen, 1938 in Berlin geboren. Studium der Germanistik und Philosophie. Seit 1957 wohnt sie in M├╝nchen. 1962 Promotion, danach T├Ątigkeit als Lektorin und Journalistin. 1987 nimmt sie eine Gastprofessur f├╝r Poetik an der Universit├Ąt Bamberg an. 1988/89 wird sie Stadtschreiberin von Linz. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und publiziert Erz├Ąhlungen, Essays, Features, Romane und Sachb├╝cher. Ihre letzten erschienen Publikationen sind: "Am Ende ein Anfang" (2006), "Du brauchst viele Jahre, um jung zu werden" (2004). Weitere Informationen finden sich unter: www.bronnen.de

AVIVA-Tipp: Es ist sicher schwierig, nur ├╝ber die letzten Jahre einer heute fast vergessenen Autorin zu schreiben. F├╝r das Verst├Ąndnis der Person Ricarda Huch w├Ąre es hilfreich gewesen, auch einen Einblick in ihr Gesamtwerk zu erhalten, da sich erst vor diesem Hintergrund die Ereignisse, die hier besonders hervorgehoben werden, erschlie├čen k├Ânnen. Nur aus dieser Perspektive w├╝rde man vielleicht auch richtig begreifen, warum Huch selbst nicht den Weg in die Emigration oder/und den in den Widerstand fand. Dar├╝ber hinaus fehlt dem Buch h├Ąufig die Einbettung des Lebens und der Haltungen von Huch in die Konflikte der damaligen Zeit. Auch fehlt im Anhang eine Kurzbiographie mit den wichtigsten Lebensstationen, Publikationen und Auszeichnungen. In diesem Buch wird all das, was in Vergessenheit geraten ist, bereits vorausgesetzt. Die Autorin erz├Ąhlt nur das Ende einer Geschichte, den Anfang l├Ąsst sie weg.



Barbara Bronnen
Fliegen mit gestutzten Fl├╝geln

Die letzten Jahre der Ricarda Huch 1933 - 1947.
Arche Literatur Verlag, erschienen November 2007
Gebunden - 187 Seiten15 Fotos.
ISBN: 9783716023730
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 30.11.2007 Yvonne de Andr├ęs 





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