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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.03.2008

Irina Liebmann, WÀre es schön - Es wÀre schön
Yvonne de Andrés

Die Schriftstellerin Irina Liebmann erinnert an ihren Vater Rudolf Herrnstadt, den ehemaligen Chefredakteur der SED-Parteizeitung "Neues Deutschland", der 1953 in Ungnade fiel.



Das Besondere an "WĂ€re es schön? Es wĂ€re schön!" ist die Art, wie Irina Liebmann es erzĂ€hlt. Selbst Menschen, die mit Rudolf Herrnstadt - dem Vater der Autorin - und den MachtkĂ€mpfen in der Weimarer KPD, ihrer Exilgruppe in Moskau und der SED-FĂŒhrung in Ost-Berlin nichts am Hut haben, werden ihm noch etwas abgewinnen. Aber, vielleicht, liegt darin ja auch das große Problem dieses Buches?

Das von vielen BrĂŒchen gekennzeichnete Leben Rudolf Herrnstadts, der in einer jĂŒdischen Familie in Gleiwitz aufwuchs, beginnt im bĂŒrgerlichen Milieu. Sein Vater war dort ein angesehener Rechtsanwalt und Mitglied der SPD. Der Sohn beginnt ein Studium der Rechtswissenschaft in Berlin und Heidelberg, findet jedoch keine rechte Freude daran und arbeitet deshalb zunĂ€chst als Praktikant in der Industrie und seit 1924 als Lektor in verschiedenen Berliner VerlagshĂ€usern. Er wird einer der angesehensten Journalisten des "Berliner Tagblatt", ab 1931 arbeitet er konspirativ fĂŒr einen Nachrichtendienst der Sowjetunion. Auch seine erste große Liebe Ilse Stöbe verfĂŒhrt er zu dieser TĂ€tigkeit. Sie wird eine der ersten Agentinnen sein, die einen bevorstehenden Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion nach Moskau melden wird. 1942 wird sie von den Nazis ermordet.

Herrnstadt verliert im Nationalsozialismus all seine Angehörigen, als Auslandskorrespondent verschiedener Zeitungen geht sein Weg ĂŒber Warschau in das Exil in die Sowjetunion. In Moskau stĂ¶ĂŸt er zu der Gruppe um Walter Ulbricht, die nach 1945 unter dem Schutz der Sowjetunion die DDR diktatorisch regieren wird. In Moskau lernt er seine spĂ€tere Frau, die Germanistin Valentina, kennen, die ihm, nur ihr ist er bereit zu glauben, zum ersten Mal von den Massenverbrechen Stalins erzĂ€hlt.

Die Kenntnis der Verbrechen Ă€ndert Herrnstadts Hingabe an den Kommunismus nicht Er ist der Autor des GrĂŒndungsaufrufs des "Nationalkomitees freies Deutschland". 1945 kehrt er nach Berlin zurĂŒck, wird zum Chefredakteur zunĂ€chst der "Berliner Zeitung" spĂ€ter des "Neuen Deutschland", kann im Gefolge des Volksaufstandes des 17. Juni 1953 seine Kritik an Ulbricht nicht lĂ€nger verbergen, fĂ€llt in Ungnade und muss dann bis zu seinem Tod in einem Archiv in Merseburg ein Ă€rmliches und verfemtes Leben fristen. Eine Wiederaufnahme in die SED, ohne wirkliche Rehabilitation, lehnt er ab. Er stirbt im Jahr 1966.

Seine Tochter, die Autorin dieser Biographie, die bereits mit vielen anderen Veröffentlichungen wie "Berliner Mietshaus" (1982), "Ich bin ein komischer Vogel" (1988), "Die freien Frauen" (2004) bekannt geworden ist, verfolgt in "WĂ€re es schön? Es wĂ€re schön! den Weg ihres Vaters mit deutlicher Kritik und gleichzeitig mit hoher Sympathie. Sie fĂŒhrt, und deshalb liest Frau es sehr gerne, ein nachtrĂ€gliches GesprĂ€ch mit ihrem Vater, also besser gesagt eine Art SelbstgesprĂ€ch. Irina Liebmann hat mit einigen Menschen gesprochen, die ihren Vater kannten, sie hat Archivrecherchen unternommen, neue Dokumente gehoben und verwendet außerdem eine bislang nicht publizierte Selbstbeschreibung ihres Vaters.

Letztlich bleibt offen, ob Irina Liebmann ihren Vater fĂŒr die Mitarbeit in den hohen RĂ€ngen der SED eher verurteilt, bemitleidet oder ablehnt. Jedefrau, die dieses Buch liest, wird am Ende sagen, dass solche Fragen den Kern der Geschichte nicht berĂŒhren. ÜberflĂŒssig sind sie natĂŒrlich nicht, aber es gelingt Irina Liebmann die Geschichte ihres Vaters mit soviel Empathie, Kritik und Eigenreflexion vorzustellen, dass die Leserin zumindest von den redlichen Absichten der Autorin vollkommen ĂŒberzeugt ist und, wie die vielen bereits veröffentlichten Rezension zu dem Buch zeigen, ihre Sympathie nicht selten von der Tochter auf den Vater ĂŒbertrĂ€gt. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen fĂŒhrenden Kommunisten der DDR, der nachtrĂ€glich so sympathisch vorgestellt wird, wie neuerdings Rudolf Herrnstadt.

Die LektĂŒre lohnt trotz allem, denn es gibt nicht viele BĂŒcher von Kindern fĂŒhrender Kommunisten in der DDR, die das Leben ihrer Eltern reflektieren und in der Abnabelung einen eigenen Weg suchen. Letztlich bleibt Irina Liebmanns Buch in der Schwebe. Sie kann dem Heroismus ihres Vaters, seiner unbedingten Hingabe an die Sache des Kommunismus – bei aller Kritik – sehr viel abgewinnen. Letztlich lĂ€sst das Buch die Leserin mit der Aussage einer ehemaligen Kollegin ihres Vaters zurĂŒck, einer Fotografin, die, von Irina Liebmann nach einer ErklĂ€rung fĂŒr diese unbedingte Hingabe Herrnstadts an den Kommunismus gefragt, antwortet: "Das lĂ€sst sich nicht mehr vermitteln".

Man könnte auch sagen, Irina Liebmann gelingt es nicht, sich von ihrem Vater zu lösen. Sie selbst hat auf die Frage, wie sie ihren Vater nach der Recherche sĂ€he, im Deutschlandfunk (15.3.2008) geantwortet: "Einerseits ist mein Respekt gewachsen, weil ich eine solche Menge an Arbeit gefunden habe, so eine Leidenschaft eines Menschen, sich mit seiner ganzen Kraft wirklich in diesen bewegenden Zeiten mit seiner ganzen Kraft, mit allem, was er hatte, sozusagen in die Waagschale der Zeit zu werfen, wie BĂŒchner gesagt hat, das habe ich da wirklich gefunden, und ich war sprachlos. Und andererseits natĂŒrlich die Zerrissenheit und die Ausweglosigkeit, die am Ende entsteht, in so einer Partei sich disziplinieren zu lassen, geistig disziplinieren zu lassen, sich instrumentalisieren zu lassen fĂŒr Propaganda, fĂŒr, ja, eine Partei, die selber die Menschen nicht schont und im Grunde dann wegwirft, ohne Respekt, ohne alles eigentlich, da so zu gehen und da auch noch Parteidisziplin zu halten, ja, das zeigt eine tiefe Zerrissenheit, in der Ideale eigentlich alles ĂŒberdecken und fĂŒr alles dann auch die Rechtfertigung sein sollen". Das vollstĂ€ndige Interview mit dem Deutschlandfunk vom 15.03.2008 finden Sie unter: www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/754727

AVIVA-Fazit:
Bislang haben noch nicht so viele Kinder fĂŒhrender DDR-Politiker Einblick in ihre Auseinandersetzung mit ihren Eltern gegeben. Irina Liebmann tut dies auf eine Weise die sehr nachdenklich macht. Letztlich kann sie sich dem Heroismus ihres Vaters aber nicht entziehen. Obwohl Liebmann ihren Vater in großen Teilen dieses Buch rechtfertigt, bleibt seine Person umstritten.

Zur Autorin: Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau, studierte Sinologie in Leipzig. Seit 1975 lebte sie als freie Schriftstellerin in Ost-, ab 1988 in Westberlin. FĂŒr ihre BĂŒcher erhielt sie zahlreiche Preise, u.a. 1989 den Aspekte-Literaturpreis, 1998 den Berliner Literaturpreis und 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse Kategorie Sachbuch fĂŒr "WĂ€re es schön? Es wĂ€re schön!" Mein Vater Rudolf Herrnstadt. "Irina Liebmann stellt auf unglaublich eindrĂŒckliche Weise Familiengeschichte als Weltgeschichte dar", so Jurymitglied Volker Weidermann (FAS) zur Entscheidung.
Lesen Sie auch unsere Rezension zu "Die freien Frauen".
Weitere Infos und Kontakt: www.irina-liebmann.de

Irina Liebmann
WÀre es schön? Es wÀre schön!
Mein Vater Rudolf Herrnstadt.

Berlin Verlag, erschienen im MĂ€rz 2008
LesebÀndchen, gebunden - 413 Seiten
ISBN: 9783827005892
19,90 Euro

Literatur Beitrag vom 31.03.2008 Yvonne de AndrĂ©s 





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