Julia Zange - Die Anstalt der besseren M├Ądchen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.09.2008

Julia Zange - Die Anstalt der besseren M├Ądchen
Stefanie Denkert

Die depressive Kindfrau Loretta ist mit ihrem Leben ├╝berfordert und landet auf der Flucht vor ihrem bevormundenden Freund in der "Anstalt der besseren M├Ądchen" - doch bessern will Lo sich gar nicht.



Doppelkindchen - doppelt Kindchen?

Die Mittzwanzigerin Loretta ist sowohl ├Ąu├čerlich als auch innerlich eine Lolita-artige Kindfrau, die dieses Bild mehr oder weniger bewusst forciert: mit Ballerinas und Mickey Mouse-Shirts kleidet sie sich im Girlie-Look, und bleibt innerlich in der Kinderrolle durch die Beziehung mit ihrem langj├Ąhrigen Freund Malte, einem Assistenzarzt mit Helfersyndrom. Beide stammen aus einer hessischen Kleinstadt und leben nun zusammen im hippen Berlin-Kreuzberg, wo sie ihrer hedonistischen Kauflust von Designer-Produkten nachgehen k├Ânnen. Dazu tr├Ągt finanziell allerdings nur Alleinverdiener Malte bei, denn nachdem Loretta ihr Studium der Kunstgeschichte abgebrochen hat, wei├č sie nichts mit sich anzufangen, wenn Malte, der seine M├Ądchen "klein, blond und problematisch" mag, ihr keine To-Do-Liste f├╝r den Tag schreibt. Und so kommt es, dass die apathisch-depressive Loretta, die kaum ein soziales Netzwerk neben ihrem Partner hat, schlie├člich in psychiatrischer Behandlung landet ÔÇô nat├╝rlich hat Malte das gedeichselt.

Als w├Ąre das Leben an sich nicht schon f├╝r Loretta anstrengend und ├╝berfordernd genug, wird die Kindfrau auch noch schwanger. Zuerst will sie abtreiben, doch als Malte sie darum bittet, entscheidet Loretta sich aus Trotz dazu, das Baby zu behalten. Eine der wenigen selbst├Ąndigen Entscheidungen, die Loretta trifft ÔÇô jedoch mit zweifelhafter Motivation. So entsteht schlie├člich das ┬┤Doppelkindchen┬┤, das Autorin Julia Zange bereits im Prolog beschreibt. Loretta gebiert Marla, ein ebenfalls engelsgleiches M├Ądchen, um das sie sich wegen der au├čergew├Âhnlichen Sch├Ânheit sorgt, sich insgesamt in ihrer Mutterrolle jedoch als komplett unf├Ąhig herausstellt. Bei so viel Selbsthass ist das auch kein Wunder: "Ich hasse es, dass Marla Teile von mir in sich tr├Ągt", und Loretta schlussfolgert, dass sie die Tochter als Jungen erziehen will. Sie f├╝rchtet, dass beim Anblick von Marla "in sp├Ątestens zwei Jahren die M├Ąnner steife Schw├Ąnze bekommen werden ".

Und dann pl├Âtzlich nimmt die Geschichte eine neue Wendung, als Loretta ihre Tochter ins Auto packt und vor Malte, der psychiatrischen Behandlung und vor dem Erwachsenwerden fl├╝chtet. Der Zufall f├╝hrt sie in eine Art M├Ądchen-Camp, das sich selbstironisch die "Anstalt f├╝r bessere M├Ądchen" nennt und zwischen feministischer Kommune, Reality-Show ├í la Super-Nanny in Eigenregie und einem Arbeitsamt-Projekt f├╝r erfolglose Frauen schwankt. Doch hier findet Loretta weder Erf├╝llung, noch Besserung und auch die besseren M├Ądchen sind genervt, dass Loretta kein Engagement und keine Eigeninitiative an den Tag legt. Und so muss sie sich entscheiden, ob sie wieder zu Malte zur├╝ckkehrt als dieser "seine M├Ądchen" in der Ein├Âde ausfindig macht. Oder war die Flucht ins Camp wom├Âglich nur eine wahnhafte Halluzination?

AVIVA-Fazit: Nur wenige, fast versteckte Andeutungen lassen die Vermutung zu, dass Loretta als junges M├Ądchen missbraucht wurde und seitdem verst├Ârt durch ihr Leben driftet. Diese Lesart w├╝rde hoffen lassen, dass Loretta ihre Opferrolle irgendwann ablegt ÔÇô was sie leider nicht tut.
Lorettas finale Erkenntnis, dass Marla ein eigenst├Ąndiges Wesen ist und ihre Tochter nicht zwangsl├Ąufig das gleiche Schicksal ereilt, ist ein Hoffnungsschimmer, mit dem das Buch endet. So viel zum Inhalt, denn auch der Stil von Julia Zanges "eigenwilligem" (Spiegel Online) Debutroman ist problematisch. Zwischen Neo-Realismus und Surrealismus, der die Welt aus verzerrten Sicht der psychotischen Loretta repr├Ąsentiert, schwankt die omnipotente Erz├Ąhlperspektive und treibt die neugierigen LeserInnen rasch durch die Geschichte. Der Roman kann sich leider nicht entscheiden, was er kritisieren will, falls er das ├╝berhaupt soll. Und die Kindsfrau Loretta bietet weder eine gute M├Âglichkeit zur Identifikation, noch zur Kritik. Sie steht nicht f├╝r die Gro├čstadt-Boh├ęme, nicht f├╝r moderne Frau, die Kind und Beruf vereinbaren will, auch nicht f├╝r eine weibliche ┬┤lost generation┬┤ ÔÇô sie steht einzig f├╝r sich, doch warum uns Lorettas Geschichte interessieren sollte, wird nicht deutlich genug.

Zur Autorin: Julia Zange wurde 1983 in Darmstadt geboren, sie lebt und studiert in Berlin. 2005 gewann sie den Hildesheimer PROSANOVA-Wettbewerb, 2006 belegte sie zusammen mit zwei weiteren Kandidatinnen den ersten Platz beim ┬┤open mike┬┤ Berlin. "Die Anstalt der besseren M├Ądchen" ist ihr erstes Buch. (Verlagsinfo)


Julia Zange
Die Anstalt der besseren M├Ądchen

Suhrkamp Verlag, erschienen im September 2008
Gebundene Ausgabe, 157 Seiten
ISBN-10: 3518420259
ISBN-13: 978-3518420256
15 Euro

Literatur Beitrag vom 30.09.2008 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken