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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.05.2012

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen
Sharon Adler

Die Mitbegr├╝nderin der "Stiftung Zur├╝ckgeben" w├╝rdigt mit ihrer Recherche- und Erinnerungsarbeit eine au├čergew├Âhnliche Frau, die trotz ihres Wirkens in keiner Studie zur Frauenbildung oder zum ...



... Nationalsozialismus erw├Ąhnt wird.

Mehrere Jahre lang hat Hilde Schramm dem Leben von Dora Lux, geborene Bieber, akribisch nachgeforscht. Die Lehrerin Lux geh├Ârte zu den f├╝nfzig ersten Abiturientinnen Deutschlands, war Sch├╝lerin von Helene Lange und selbst eine Wegbereiterin des Frauenstudiums. Sie geh├Ârte zu den ersten Frauen, die vollimmatrikuliert studieren konnten. Unter den NationalsozialistInnen verweigerte sie sich rigoros den gesetzlichen Vorschriften, sich als J├╝din registrieren zu lassen, und ├╝berlebte dadurch. Im Nachkriegsdeutschland schlie├člich konnte sie wieder unterrichten, sie lehrte Latein und Geschichte und bot regelm├Ą├čig Arbeitsgemeinschaften in Griechisch und Philosophie an.

"Dr. Dora LuxÔÇŽ war von 1953 bis zum Abitur 1955 meine Geschichtslehrerin ÔÇŽ Mein Vater ist Albert Speer. Meine Herkunft zwang mir eine fr├╝he und nicht abschlie├čbare Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf. F├╝r meine Selbstfindung war jedoch der Einfluss von Menschen entscheidend, die eine Gegenwelt zur NS-Ideologie verk├Ârperten, ... eine solche Erfahrung verdanke ich meiner Lehrerin." so Hilde Schramm in ihrer Einf├╝hrung.

Hilde Schramm, deren Vater als Kriegsverbrecher in Berlin-Spandau im Gef├Ąngnis sa├č, traf mit ihrer Lehrerin die erste J├╝din, die sie bewusst wahrnahm. F├╝r die Sch├╝lerin eine pr├Ągende und aufw├╝hlende Erfahrung, deren Aufarbeitung sie lange plante, der sie jedoch erst nach Ende ihrer eigenen Berufst├Ątigkeit nachgehen konnte. Eines der gr├Â├čten Probleme ihrer jahrelangen Recherche war der Umstand, dass der Name Dora Lux in keinem Archiv gelistet war und ihr als Informationen lediglich einige knappe Lebensl├Ąufe dienten. Jedoch gab ein zehnseitiger Brief, den sie an ihre 1940 in die USA emigrierte Schwester Annemarie Bieber geschrieben hatte, Aufschluss ├╝ber ihre Situation und Haltung.

Hier schildert sie, die stets als unpr├Ątenti├Âs und unbeirrbar beschrieben wird, ihre Verzweiflung ├╝ber das Leben in Nazi-Deutschland:

"Wo soll ich nun anfangen zu berichten, was uns diese furchtbaren Jahre gebracht haben? Wenn ich daran denke, verliere ich fast den Mut, es ist ja alles so entsetzlich traurig, und kein Lichtblick dringt durch das Dunkel.
Merkw├╝rdig, dass man trotzdem immer noch den Wunsch hat, sich zu erhalten, ich h├Ątte nie geglaubt, dass ich noch so am Leben festhalten w├╝rde, auch wenn es einem nur Tr├╝bes bringt. Aber es ist immer noch eine leise Hoffnung da, dass es noch einmal besser werden wird und man dann noch Freude an irgendetwas haben kann, so viel inzwischen auch schon unwiderruflich verloren ist."


In ihrer Spurensuche n├Ąhert Hilde Schramm sich ihrer ehemaligen Lehrerin von mehreren Seiten an. Sie zog nicht nur ihre eigenen Erinnerungen, sondern auch die ihrer damaligen Mitsch├╝lerinnen zu Rate. ├ťber drei├čig der ehemaligen Sch├╝lerinnen des evangelischen M├Ądchengymnasium Wieblingen bei Heidelberg schickten der Autorin f├╝nfzig Jahre nach ihren Schulabschl├╝ssen ihre aufgezeichneten Erinnerungen. Diese zeigen, dass Frau Dr. Lux nicht nur im Nachhinein viele nachhaltig beeindruckt hatte, sondern auch, dass ihr der Ruf einer ungew├Âhnlichen Lehrkraft vorauseilte. So wurde Hilde Schramm nach ihrer R├╝ckkehr von einem einj├Ąhrigen Schulaufenthalt 1952/1953 in den USA von einer Mitsch├╝lerin ├╝ber die Neuigkeit informiert, die Klasse habe jetzt eine Geschichtslehrerin, die, w├╝rde man abschreiben, was im Brockhaus steht, alles f├╝r falsch erachte. "Ich erinnere mich noch an die Irritation der Mitsch├╝lerin und zugleich an meine Neugier auf eine Frau, die kl├╝ger zu sein beansprucht als ein Lexikon." so Hilde Schramm in ihren Erinnerungen.

Zus├Ątzlich forschte Schramm unter anderem in den Archiven der Staatsbibliothek in Berlin, wo sie zu ihrer gro├čen ├ťberraschung entdecken konnte, dass Dora Lux von 1933 bis 1936 an die drei├čig regimekritische Artikel in der Zeitschrift "Ethische Kultur" ver├Âffentlicht hat. In Ber├╝hrung mit der Ethischen Kultur kam Dora Lux bereits in ihrer Jugend, um 1900, ├╝ber ihren Onkel Dr. jur. Richard Bieber und seine Frau Hanna Bieber-B├Âhm, eine bekannte Frauenrechtlerin.

In ihren Beitr├Ągen verteidigte Dora Lux die Pressefreiheit und die B├╝rgerInnenrechte f├╝r alle, einschlie├člich der RegimegegnerInnen und Minderheiten. Sie trat f├╝r die Selbstbestimmung der Frauen ein und erinnerte an die Verdienste nun verfemter deutscher Juden im Staat und in der Kulturnation - so in einem Nachruf auf Jakob Wassermann, dessen B├╝cher verbrannt worden waren, und in einem Beitrag zum Oratorium "Elias" von Felix Mendelsohn, dessen Werke nicht mehr aufgef├╝hrt werden durften.

Weitere Informationen zum beruflichen Werdegang und privatem Leben bezog Frau Schramm aus diversen pers├Ânlichen Gespr├Ąchen mit ZeitgenossInnen und den T├Âchtern von Lux, die Aufschluss dar├╝ber gaben, wie und warum diese so und nicht anders handelte. Ein Kapitel widmete sie insbesondere den Jahren 1933-1945 und der Komplexit├Ąt, die in der Weigerung lag, sich als J├╝din registrieren zu lassen, was ein nicht geringes Risiko darstellte:
Ab Ende 1938 galt der "Kennkartenzwang" f├╝r Juden, zudem wurden sie gezwungen, die Vornamen "Sara" oder "Israel" anzunehmen, um als Jude bzw. als J├╝din identifizierbar zu sein. Es wurde au├čerdem von ihnen verlangt, alle Eintragungen, so im Postausweis, in den Lebensmittelkarten, im Adressbuch "unaufgefordert" vornehmen zu lassen.

Hierzu zitiert die Verfasserin die Tochter Gerda Voss: "Fast jeder befolgte die Anordnung, so auch Mutters Schwestern, weil sie die angedrohten Repressalien f├╝rchteten. Friedl ÔÇô [gemeint ist Friedrich Bieber, der Bruder von Dora Lux, der in Auschwitz ermordet wurde] - und meine Mutter haben es nicht getan. (...).`Ich lege keinen Strick um meinen Hals, nur weil sie es mir befehlen`, sagte sie. `Ich bin nichtj├╝disch und mein Name ist nicht Sara. Lass sie kommen.`"

Dora, die in einer sogenannten "Mischehe" mit dem Physiker und politischem Publizisten, Redakteur f├╝r technische Zeitschriften, Sozialisten, Patentanwalt und Freimaurer Dr. Heinrich Lux einigerma├čen gesch├╝tzt lebte und deren Eltern bereits, wie so viele, Ende des 19. Jahrhunderts konvertiert waren, erlaubte es den Nazis nicht, sie aufgrund ihrer perfiden Rassegesetze zur J├╝din zu erkl├Ąrten. Die eigene st├Ąndige Gef├Ąhrdung hielt sie nicht davon ab, anderen zu helfen. So hat sie Anfang 1943 ├╝ber mehrere Wochen eine J├╝din in ihrer Wohnung versteckt, bis sie f├╝r diese eine weniger unsichere Unterkunft bei nichtj├╝dischen FreundInnen gefunden hatte. Auch ihrem inhaftierten Bruder versuchte sie, zu helfen. Vergeblich.

In den Kontext der Lebensgeschichte der Dora Lux neben ihrer beruflichen Laufbahn bettete Schramm besonders auch die Fr├╝hzeit des universit├Ąren Frauenstudiums und der akademischen Berufsausbildung, insbesondere der Gymnasiallehrerinnen ein. Gegr├╝ndet worden waren die Gymnasialkurse von Helene Lange, einer der Wortf├╝hrerinnen der b├╝rgerlichen Frauenbewegung. Bis dahin endeten alle h├Âheren M├Ądchenschulen nach der neunten oder bestenfalls zehnten Klasse.
In ihren Erinnerungen ├╝ber Dora Lux spannt die Autorin den Bogen ├╝ber die Biographie der von ihr verehrten Lehrerin zu historischen Zusammenh├Ąngen.
Im Zuge ihrer Recherche fand sie auch heraus, wer den Grundstein f├╝r deren liberale Einstellung gelegt hatte: Georg Bieber, ihr Vater, der seine beiden T├Âchter f├╝r die "Gymnasialkurse f├╝r Frauen zu Berlin" anmeldete und bereits Studienpl├Ąne f├╝r sie machte, als sie noch gar kein Abitur hatten.
1901 bestanden Dora und Annemarie Bieber die Reifepr├╝fung. Dora studierte in Berlin, Heidelberg und M├╝nchen, wo sie 1906 in Latein, Griechisch und Geschichte promovierte. Anschlie├čend machte sie das beide Staatsexamen f├╝r das H├Âhere Lehramt und schloss ihre Ausbildung zur Gymnasiallehrerin im Jahr 1909 ab.

Der Fokus auf die ehemalige Lehrerin und das Wissen um deren Kampf um Anerkennung sensibilisierte die Autorin f├╝r die Frauenbewegung ebenso wie der Besuch der Elisabeth-von-Thadden-Schule das Fundament f├╝r ein antifaschistisches Selbstverst├Ąndnis gelegt hat. Dies m├╝ndete bei Schramm in der Gr├╝ndung der "Stiftung Zur├╝ckgeben" und in ihrem Engagement als Abgeordnete der Alternative Liste im Berliner Landesparlament.

"Gelegentlich lie├č unsere Lehrerin in ihren Geschichtsunterricht Bruchst├╝cke ihres Lebens einflie├čen, die mich staunen lie├čen. So zum Beispiel, dass ihr Mann unter Otto von Bismarck als Sozialist im Gef├Ąngnis war.
Ein anderes Mal erw├Ąhnte sie, dass sie durch die Nationalsozialisten ihre Stelle verlor. Aus diesem Hinweis schloss ich, sie sei J├╝din. Vielleicht hatten mich entsprechende Ger├╝chte aber auch bereits davor erreicht. Gerne h├Ątte ich gewusst, wie sie und ihre Familie die NS-Herrschaft ├╝berlebten. Aber danach zu fragen, lag damals jenseits des f├╝r mich Vorstellbaren. Und sie selbst hat nie dar├╝ber gesprochen."


Im Fr├╝hjahr 1956 nahm Frau Lux zum letzten Mal ein Abitur ab, danach schied sie aus dem Schuldienst aus. Eine Weile noch gab sie Nachhilfestunden in Wieblingen, bis ihre Parkinsonsche Krankheit auch dies nicht mehr zulie├č. Ende 1958 holte ihre Tochter Eva sie nach Hamburg. Dort starb Dora Lux im Juni 1959 mit sechsundsiebzig Jahren.

Zur Autorin: Hilde Schramm, 1936 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Latein, Erziehungswissenschaften und Soziologie, promovierte und habilitierte. F├╝r die Alternative Liste sa├č sie als Abgeordnete im Berliner Landesparlament. Sie setzt sich ├Âffentlich f├╝r die Interessen der Opfer des Nationalsozialismus ein und ist Mitbegr├╝nderin der Stiftung Zur├╝ckgeben, die j├╝dische Frauen in Kunst und Wissenschaft f├Ârdert. Sie tut dies im Wissen um die Beraubung der J├╝dinnen und Juden im Nationalsozialismus und der Vorteilsnahme vieler nicht-j├╝discher Deutscher. 2004 erhielt Dr. Hilde Schramm den Moses-Mendelssohn-Preis f├╝r ihr Lebenswerk.

Weitere Infos finden Sie unter: www.stiftung-zurueckgeben.de

Aktuelle Lesungstermine erhalten Sie unter: www.rowohlt.de

F├╝nf Exkurse erweitern und vertiefen die Biografie ├╝ber Dr. Dora Lux kulturhistorisch, bildungs- und frauengeschichtlich, darunter sind "Die Gymnasialkurse f├╝r Frauen 1893 bis 1909 und Helene Lange als P├Ądagogin", "Gesuch von Abiturientinnen von 1902 auf Immatrikulation an preu├čischen Universit├Ąten", "Zeitschrift und Gesellschaft ethische Kultur 1931 ÔÇô 1936" und "Aus den Memoiren des Dr. Heinrich Lux ÔÇô der Zeitraum 1863 bis 1909". Sie stehen auf den Seiten des Rowohlt Verlags zum kostenlosen Download bereit unter: www.rowohlt.de

AVIVA-Tipp: Hilde Schramms Anliegen war es, mit ihrer Recherche, die nun mit diesem Buch der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich ist, ihrer Lehrerin ein ehrendes Gedenken zu geben, ohne sie auf ihre j├╝dische Herkunft und ihre daraus folgende Geschichte unter der NS-Herrschaft zu reduzieren. Das ist ihr gelungen, mehr noch ÔÇô durch ihre intensive Arbeit und ihre Beharrlichkeit, sich durch ein Wirrwarr von Daten hindurchzuarbeiten, gibt sie nicht nur Dr. Dora Lux ein Gesicht, sondern auch denen, die bis heute in Vergessenheit geraten sind und es wohl auch f├╝r immer bleiben werden.

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux
1882-1959. Nachforschungen

Rowohlt, erschienen April 2012
Hardcover, 432 Seiten, mit Leseb├Ąndchen
19,95 Euro
ISBN 978-3-498-06421-1




(Quelle: ┬ę Hilde Schramm, Sharon Adler)

Literatur Beitrag vom 15.05.2012 Sharon Adler 





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