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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.07.2012

Beatriz Preciado - Pornotopia
Maria Mikityla

Der "Playboy" wurde Ende der 1950er Jahre von Hugh Hefner gegr├╝ndet. Das Heft, das heute haupts├Ąchlich Frauen als "Playmates" inszeniert, begann urspr├╝nglich als neues Lebenskonzept f├╝r ...



... "den Mann von Welt". In "Pornotopia" wird dieses Konzept genauer untersucht. Die Intention der Autorin ist es, das Heft aus dem Fokus des Sexismus herauszuholen und auf einer ├Ąsthetischen und soziokulturellen Ebene zu betrachten.

Die spanische Philosophin und Queer-Theoretikerin Beatriz Preciado nimmt in "Pornotopia" die Konzepte des "Playboy" unter die architektonische und stilistische Lupe.
Ihr Ziel ist es, den "Playboy" nicht als Institution zu sehen, die Frauen ausbeutet und zu Objekten degradiert, vielmehr betrachtet sie das Heft auf einer rein philosophischen Ebene. Sie m├Âchte zeigen, dass der Lebensentwurf von Hugh Hefner, der sich seit den 1950er Jahren mit Frauen in Hasenkost├╝men im Bett ablichten lie├č, durchaus als queer betrachtet werden kann. Sie beschreibt diese Selbstdarstellung als v├Âllig neuen Aspekt von Heterosexualit├Ąt, der die damaligen Geschlechterbilder v├Âllig neu konzipierte. Auf dieser Basis l├Ąsst sie die Lesenden ZeugInnen der Entstehungsgeschichte des Playboy werden und f├╝hrt auf eine stilistische und soziokulturelle Reise durch die Zeit.

Die Erfindung des "Playboy" bedeutete f├╝r das pr├╝de Amerika der 1950er Jahre einen drastischen mentalen Einschnitt: Die permanente Inszenierung des Mannes in Bademantel und Pfeife bewirkte eine pl├Âtzliche Emanzipation des Mannes als Junggeselle. Dieses Bild grenzte sich unmissverst├Ąndlich von dem Ideal des gl├╝cklichen und arbeitsamen Familienvaters der Eisenhower-├ära ab. Dem Mann wurde erstmals zugesprochen, seine Freiheit zu genie├čen und auch im r├Ąumlichen Sinne unabh├Ąngig zu sein.

Was Viele nicht wissen: Der Playboy stellte neben viel weiblicher nackter Haut au├čerdem zahlreiche Hochglanzfotos von Designobjekten in sein Heft. So gab es neben dem klassischen Pin up-M├Ądchen eben auch ein Pin up-Apartment. Es wurden Lobges├Ąnge auf Charles und Ray Eames, Mies van der Rohe, Eero Saarinen abgedruckt und das Penthouse wurde zum Kultobjekt des stilsicheren Lebemannes. Gleichzeitig sorgten die d├╝rftig angezogenen Frauen daf├╝r, dass der geneigte Leser sich vom Verdacht befreien konnte, homosexuell zu sein. Sich als gl├╝cklicher Junggeselle f├╝r Design zu interessieren, konnte in den 1950er Jahren diesen R├╝ckschluss zulassen. Damit hatte der "Playboy" f├╝r unverheiratete M├Ąnner (auch) eine "Alibi-Funktion" - der Zwang, verheiratet zu sein und sich in einer gem├╝tlichen Vorstadt-Idylle einzurichten, wurde langsam umgekehrt. Es entwickelte sich der Trend, in die Gro├čstadt zu ziehen und dort Teil der kulturellen Entwicklungen und Ver├Ąnderungen zu sein. Der "Playboy" war, laut Preciado, die erste Institution, die auch M├Ąnnlichkeit im privaten Wohnraum inszenierte.

Zeitgleich artikulierten sich Forderungen nach der Gleichberechtigung der Frauen, die sich ebenfalls von den Zw├Ąngen der ehelichen Moral befreien wollten und den h├Ąuslichen Raum als alleiniges weibliches Bet├Ątigungsfeld in Frage stellten.

Dass damals sowohl m├Ąnnliche, als auch weibliche Emanzipationsbestrebungen zwei Seiten derselben Medaille waren, wird nachvollziehbar im Buch dargestellt. Die Playboybewegung verfolgte zwar den urspr├╝nglichen Plan, auch Frauen als zahlende Konsumentinnen am st├Ąndig verf├╝gbaren k├Ąuflichen Sex teilhaben zu lassen, allerdings m├╝ndete diese Idee lediglich in einer einseitigen Sexualkontrolle. Die bis heute regelm├Ą├čig aufgefrischten jungen M├Ądchen in der Playboy Mansion sind nun keine freigeistigen Hippies mehr, sondern gleichen eine wie die andere dem k├╝nstlichen Vorbild Pamela Andersons. Diese synthetische Austauschbarkeit der Frauen setzt sich bis heute unter anderem in Musikvideos und in der Pornoindustrie fort. Diese klare Aufteilung von Mann als Konsument und Frau als Konsumierbare ist das v├Âllige Gegenteil von dem eigentlichen Ziel einer Gleichberechtigung. Diese Sichtweise wird in "Pornotopia" leider nur angedeutet.

"Pornotopia" entwirft viele spannende Aspekte und, indem es die Lesenden auffordert, den Playboy stilistisch und gesellschaftlich zu interpretieren, auch neue Betrachtungsweisen. Gleichzeitig irritiert Preciado jedoch damit, dass sie ethische Erw├Ągungen kaum in Betracht zieht. Sie positioniert sich zwar zu Beginn des Buches, diese Perspektive bewusst au├čer Acht zu lassen, doch w├Ąhrend des Lesens erscheint diese Haltung gew├Âhnungsbed├╝rftig. So erw├Ąhnt sie suspekte Einrichtungen, wie das "H├Ąschenhandbuch", in dem die korrekten Verhaltensregeln eines "Bunnys" festgelegt werden, v├Âllig unkommentiert und l├Ąsst die Lesenden etwas ratlos zur├╝ck.

Die Playboy-Bewegung ist f├╝r die Autorin das m├Ąnnliche Gegenst├╝ck zur Emanzipationsbewegung der ersten und zweiten Welle. Dass diese m├Ąnnliche Befreiung jedoch mehr oder weniger auf dem R├╝cken der Frauen ausgetragen wird, bleibt im Buch beinahe unerw├Ąhnt.

Zur Autorin: Beatriz Preciado, geboren 1970 in Burgos, studierte Philosophie in Madrid, New York und promovierte 2005 in Princeton. Heute lehrt sie an der Universit├ę de Paris VIII. 2002 brachte sie das "Kontrasexuelle Manifest" heraus, das 2004 auf Deutsch im b-books Verlag, Berlin erschien. Mit diesem, in nur einem Jahr verfassten Werk, wurde sie zu einer der f├╝hrenden Queer-Theoretikerinnen. Sie orientiert sich an der Schule von Judith Butler, Jaques Derrida und Michel Foucault und entwickelt genderkritische Konzepte, die sich jenseits der Oppositionen maskulin/feminin, heterosexuell/homosexuell bewegen.

AVIVA-Fazit: Preciado geht es, wie vielen Gender-kritischen WissenschaftlerInnen darum, Geschlecht als Kategorie in Frage zu stellen. Mit ihrer Betrachtungsweise erhebt sie sich ├╝ber alle aktuellen Gender-Diskurse, um eine Art post-gender Dimension zu er├Âffnen. Damit l├Ąsst sie die Lesenden, die nicht in der Thematik stecken, m├Âglicherweise in einigen Kapiteln zwei Schritte hinter sich zur├╝ck. Wer allerdings ├╝ber das, in diesem Fall notwendige, Vorwissen verf├╝gt, bekommt bei der Lekt├╝re interessante Gedankenanregungen und Lust, Preciados philosophische Exkurse weiter zu verfolgen.

Beatriz Preciado
Pornotopia. Architektur, Sexualit├Ąt und Multimedia im `Playboy`

Originaltitel: Pornotop├şa. Arquitectura y sexualidad en ┬┤Playboy┬┤ durante la guerra fr├şa. Anagrama, Barcelona, 2012
Verlag Klaus Wagenbach, erschienen im Januar 2012
Aus dem Spanischen von Bettina Engels und Karen Genschow
168 Seiten. Gebunden mit Schildchen und Pr├Ągung
ISBN 978-3-8031-5182-7
24,90,- Euro
www.wagenbach.de


Weiterf├╝hrende Links:

www.taz.de, ein Beitrag zu Beatriz Preciados┬┤ "Kontrasexuelles Manifest"

www.spiegel.de, ein Beitrag zu Beatriz Preciados┬┤ "Pornotopia"


Literatur Beitrag vom 09.07.2012 AVIVA-Redaktion 





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