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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.07.2012

Bei Ling - Ausgewiesen. ├ťber China
AVIVA-Redaktion

Im August 2000 wird der Autor, Verleger und Dissident Huang Bei Ling nach zweiw├Âchiger Untersuchungshaft von den chinesischen Beh├Ârden in die USA ausgewiesen. Seither lebt er im Exil und die...



... Einreise in seine Heimat ist ihm verboten. In seiner Autobiographie erz├Ąhlt Bei Ling von Stationen seines Lebens in China und im Exil.

"Sie sind eine in unseren Landesgrenzen unerw├╝nschte Person."

Die Erfahrung der Ablehnung ist ein zentrales Thema in Bei Lings Leben. Noch ehe er seine Entwicklung als Autor und Verleger und seine Ausweisung aus China nachzeichnet, greift er zwei Episoden der j├╝ngeren Vergangenheit auf: Im Herbst 2009 landet er auf der R├╝ckreise von der Frankfurter Buchmesse in Peking. Schnell wird das Flughafenpersonal auf ihn aufmerksam, nimmt ihn in Gewahrsam und ├╝berwacht ihn, bis er mit einer Maschine in Richtung Taipeh, seinem neuen Wohnsitz, abhebt. Die Anweisung lautet: "Sie sind eine in unseren Landesgrenzen unerw├╝nschte Person. Es ist ihnen nicht erlaubt, nach Peking einzureisen."

Auch zuvor auf der Frankfurter Buchmesse hat Bei Ling die Ablehnung der Chinesischen Regierung zu sp├╝ren bekommen. Im Vorfeld wurde er als Redner zu einem Symposium im Rahmen der Messe eingeladen, doch die Delegation des Gastlandes China reagiert emp├Ârt und die Leitung der Buchmesse zu verunsichert - Bei Ling wird wieder ausgeladen. Erst nach der Berichterstattung deutscher Medien bittet man ihn, doch wenigstens als Zuh├Ârer und Diskutant der Veranstaltung beizuwohnen. Bei Ling willigt ein und muss erleben, wie w├Ąhrend seiner kurzen Rede die Abgesandten Chinas den Raum verlassen. Die Kluft zwischen dem im Exil lebenden Verleger und der Volksrepublik China l├Ąsst sich auch auf deutschem Boden nicht umgehen.

R├╝ckblende: Die Macht des geschriebenen Wortes

Aber nicht nur Erfahrungen der Ausgrenzung pr├Ągten Bei Ling. Noch viel zentraler ist seine Leidenschaft f├╝r die Literatur, die ihn einerseits mit der Volksrepublik China in Konflikt treten l├Ąsst und andererseits zum Ort geistiger Freiheit avanciert, in einem Alltag, der von Zensur und (Meinungs-)Kontrolle bestimmt wird. Bei Ling erkennt seine Begeisterung f├╝r die Literatur w├Ąhrend seines Studiums in Peking am Ende der 1970er Jahre. Nach den Zeiten der Kulturrevolution, in denen Bibliotheken versiegelt und B├╝cher, die mit "Feudalismus, Kapitalismus und Revisionismus" in Verbindung gebracht werden konnten, verbrannt wurden, wird 1977 in China "der B├╝cherbann" langsam aufgehoben. Die Zensur bleibt zwar, aber Klassiker und auch ├ťbersetzungen westlicher Texte werden neu aufgelegt. Bei Ling beginnt, die gro├čen Bibliotheken der Stadt f├╝r sich zu entdecken, die Literatur wird f├╝r ihn zum Tor in andere Welten, denn "dem eint├Ânigen Leben und der eisernen Kontrolle konnte man allein durch das Lesen entfliehen."

Seine Faszination f├╝r die Literatur f├╝hrt ihn in dieser Zeit auch in den chinesischen Untergrund. Er trifft auf AutorInnen und Kunstschaffende, die abseits der staatlich regulierten Kultur ihre Werke in Zirkeln gemeinsam diskutieren und ohne Zensur ├╝ber illegale Publikationen unter der Hand verteilen. 1979 wird er Mitarbeiter bei der von Zhao Nan ins Leben gerufenen illegalen Untergrundliteraturzeitschrift "Jintian" (Heute). Hier setzt er sich besonders f├╝r die zeitgen├Âssische chinesische Dichtung ein. Doch im Sommer 1982 ger├Ąt Zhao Nan ins Visier des Pekinger Sicherheitsb├╝ros und wird zu zwei Jahren Umerziehung verurteilt. Der Kreis um die Literaturzeitschrift wird damit zerschlagen.

Aber Bei Ling engagiert sich weiter f├╝r die chinesische Untergrundliteratur. 1983 ver├Âffentlicht er unter dem Titel "Streifz├╝ge im M├Ąrz. Gedichte" einen Band mit eigener Lyrik und arbeitet an Anthologien mit, allerdings m├╝ssen auch diese Werke illegal ohne ISBN-Nummern gedruckt werden.
F├╝nf Jahre sp├Ąter entschlie├čt er sich als Mitarbeiter der Shenzhen-Universit├Ąt f├╝r einen Aufenthalt in den USA. Von hier aus verfolgt er auch das Tian`anmen-Massaker und ger├Ąt in einen Gewissenskonflikt, da er, anders als sein damaliger Mitbewohner und sp├Ątere Friedensnobelpreistr├Ąger Liu Xiaobo, nicht zur├╝ck nach China reist. Er bleibt in den USA und wird Mitarbeiter der Brown University im Programm "Writers in Residence".

Aber auch im Ausland besch├Ąftigen ihn seine Heimat und vor allem die chinesische Literatur. Er entschlie├čt sich zur Gr├╝ndung der Literaturzeitschrift "Qingxiang" ("Tendenzen") in chinesischer Sprache, die sich besonders der chinesischen Exilliteratur widmen soll. Als Beraterin f├╝r dieses Projekt gelingt es ihm, Susan Sontag zu gewinnen, zu der er eine enge Freundschaft aufbaut. Zw├Âlf Ausgaben erscheinen im Ausland, doch Bei Ling m├Âchte, dass die Zeitschrift auch in China ver├Âffentlicht wird, denn schlie├člich richtet sie sich vorrangig an ChinesInnen. Beim Druck der 13. Ausgabe in Peking kommt es zu seiner Verhaftung wegen illegaler Publikationen, obwohl er zuvor noch versuchte, "Tendenzen" in Peking anzumelden.

Auf Druck Susan Sontags, G├╝nter Grass` und der US-amerikanischen Regierung sind die chinesischen Beh├Ârden aber schlie├člich bereit, ihn wieder frei zu lassen. Die Bedingung: Er wird ins Exil in die USA ausgewiesen und darf nie wieder nach China einreisen.

Bei Ling gelingt es in seiner Autobiographie, durch einen essayistischen Stil seinen Lebensweg zu reflektieren. Er gibt den LeserInnen einen Einblick in sein Denken und die Beweggr├╝nde f├╝r seine Entscheidungen. Die empfundene Gefangenschaft durch die Zensur und das Fehlen der Meinungsfreiheit im Heimatland werden ebenso deutlich, wie das Gef├╝hl der Entwurzelung im Exil. Er spricht seine Entmutigung und seine Angst offen aus und zeigt gleichzeitig, wie es immer wieder sein Bestreben war, mit seinem Handeln etwas zu ver├Ąndern.

AVIVA-Tipp: Bei Ling schreibt nicht einfach einen Bericht "├╝ber China", sondern r├╝ckt vielmehr die Bedeutung von Literatur in China in den Mittelpunkt. In ihr findet er jene geistige Freiheit, welche die MachthaberInnen in seinem Heimatland zu unterbinden versuchen, und gleichzeitig ist es die Literatur, mit der er f├╝r diese Freiheit k├Ąmpft. Damit beleuchtet er auf vielschichtige Weise die Kraft des geschriebenen Wortes.

Zum Autor: Bei Ling wurde 1959 in Shanghai geboren. Er arbeitet im Exil in Taiwan und den USA als Verleger und Autor. Im Jahr 2001 gr├╝ndete er mit anderen im Exil lebenden SchirftstellerInnen den Unabh├Ąngigen Chinesischen P.E.N. und 2010 erschien die von ihm verfasste Biographie des Friedensnobelpreistr├Ągers Liu Xiaobo in deutscher Sprache.

Bei Ling
Ausgewiesen. ├ťber China

Aus dem Chinesischen von Katrin Betz
Suhrkamp, erschienen: M├Ąrz 2012
Gebunden, 194 Seiten
ISBN-13: 978-3518423004
19,95 Euro
www.suhrkamp.de

Literatur Beitrag vom 17.07.2012 AVIVA-Redaktion 





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