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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.07.2012

Eva Z├╝chner - Der verbrannte Koffer. Eine j├╝dische Familie in Berlin
Anke Gimbal

Die Recherche ├╝ber einen Berliner Mordfall aus dem Jahr 1938 f├╝hrte die Autorin zur Geschichte von Walter Caro, der erfolglos versuchte, dem NS-Terror zu entkommen, und zur Geschichte seiner ...



... Familie und des Berliner Umfelds.

Walter Caro, stellvertretender Gesch├Ąftsf├╝hrer der Fabrikations- und Exportfirma Siegfried Heumann, war Jude. Er war "Volljude" wie die Nazis es ausdr├╝ckten, wenn jemand vier j├╝dische Gro├čeltern hatte. 1938 wurde er verd├Ąchtigt, seine Freundin, das Mannequin Tilly Albrecht ermordet zu haben. Trotz erwiesener Unschuld geriet er in die M├╝hlen der NS-Justiz, denn Tilly war "arisch" und die kurze, m├Âglicherweise sogar beendete Verbindung zwischen den beiden eine "Rassenschande". Eva Z├╝chner rekonstruiert sein Leben bis zu seiner Ermordung 1944 oder 1945 in Auschwitz. Sie rollt dabei das Schicksal einer alteingesessenen Berliner Kaufmannsfamilie w├Ąhrend der NS-Zeit auf und bezieht weitere Lebensl├Ąufe sowohl der HelferInnen als auch der Verfolger mit ein, deren Lebenswege sich hier kreuzen.

Die ProtagonistInnen stehen f├╝r zahllose ├Ąhnliche Schicksale, darunter:

Siegfried Heumann und seine Frau, die nach dem Boykott ("Kauft nicht bei Juden") ihres Unternehmens, der "Arisierung" des Betriebes und der Liquidation in die Niederlande emigrierten und schlie├člich doch in Auschwitz ermordet wurden.

Das Ehepaar Bernstein, Freunde der Caros, die nach Shanghai auswanderten, weil sie keinen anderen Aufnahmestaat fanden. Salomon Bernstein starb dort nach kurzer Zeit an der Ruhr, seiner Frau gelang die Weiterreise in die USA.

Kurt Caro, Walters ├Ąlterer Bruder, der im Sammellager Rosenstra├če landete, das durch die "Fabrikaktion", ein Protest im Jahre 1943 meist weiblicher nichtj├╝discher Angeh├Âriger gegen die Internierung der j├╝dischen Ehem├Ąnner oder Familienmitglieder, bekannt wurde.

Dr. Georg Grosscurth, ein Arzt, der Untergetauchte in seiner Wohnung und im Krankenhaus versteckte, zum Freundeskreis des Chemikers Robert Havemann geh├Ârte, 1943 von der Gestapo verhaftet, wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Rolf Isaaksohn, ein "U-Boot", d.h. ein untergetauchter Jude, der erst P├Ąsse f├╝r andere Juden f├Ąlschte, darunter auch f├╝r die Br├╝der Walter und Werner Caro, dann aber zum "Greifer", d.h. Denunzianten und T├Ąter wurde.

Werner Togotzes, der als Kriminalkommissar und Leiter der Mordkommission "Albrecht" Walter Caro "verh├Ârte", in verschiedenen Funktionen Karriere in der SS machte und 1954 zum Leiter der West-Berliner Mordkommission ernannt wurde. Im Ruhestand wurde er 1964 noch einmal kurz und ohne Konsequenzen mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Sein Nachruf schlie├čt mit den Worten "Er war ein braver Mann."

Walter Caros Geschichte zeigt, und das ist nicht neu, wird aber hier durch die Familiengeschichte sehr pers├Ânlich: Viele T├Ąter f├╝hrten nach 1945 ein normales Leben mit ihren Familien und setzten ihre Karrieren fort. Dar├╝ber kann mensch, wenn sie denn aufgearbeitet wurden, unter anderem in den Nachkriegsgeschichten der Polizei oder den der Ministerien lesen. Die Opfer waren entweder tot, waren nach der Ermordung ihrer Familien alleine und/oder k├Ąmpften mit den Folgen der Schikanen, Folter, Zwangsarbeit und Entrechtung. Eine Entsch├Ądigung wenigstens f├╝r die verlorenen materiellen G├╝ter blieb ihnen verwehrt oder sie war nach jahrelangem Kleinkrieg mit den ├ämtern l├Ącherlich gering.

AVIVA-Tipp: Lesen gegen das Vergessen. Es gibt Archive, Schreiben, Projekte und Vereine gegen das Vergessen. Dieses Buch sollte mensch lesen, um nicht zu vergessen, nicht die Geschichte aber vor allem auch nicht Menschen wie Walter Caro und seine Familie.

Zur Autorin: Eva Z├╝chner, geboren 1942 in Berlin, wuchs in Kleinmachnow bei Berlin und Barcelona auf. In Berlin studierte sie Vergleichende Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte. Sie arbeitete als Ausstellungskuratorin und Archivleiterin am Landesmuseum Berlinische Galerie. Schwerpunkte ihrer bisherigen Publikationen sind die klassische Moderne und Dada Berlin. Ihr erstes Buch "Der verschwundene Journalist" (2010) portr├Ątiert Eva Z├╝chners Vater, ein Journalist im "Dritten Reich". (Quelle: Verlagsinformationen, www.berlinverlage.com)


Eva Z├╝chner
Der verbrannte Koffer. Eine j├╝dische Familie in Berlin

Bloomsbury Verlag im Berlin Verlag, erschienen 2012
Gebunden, 159 Seiten
ISBN-13: 9783827010506
Euro 18,90

Weitere Infos unter:
www.berlinverlage.com

Literatur Beitrag vom 29.07.2012 AVIVA-Redaktion 





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