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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.08.2012

Elena Chizhova - Die stille Macht der Frauen
Dana Strohscheer

Susanna ist sechs Jahre alt, ein waches und aufmerksames M├Ądchen. Sie beobachtet die Welt um sich herum sehr genau und verst├Ąndigt sich durch Mimik und Gestik. Denn sie hat seit ihrer Geburt...



...noch kein Wort gesprochen. Ihre Mutter Antonina ist ├╝berzeugt, dass Susanna irgendwann reden wird, auch wenn die Hoffnung langsam schwindet.

Das Prek├Ąre an der Situation: Mutter und Tochter leben im sowjetischen Leningrad der 1960er Jahre. Die staatlichen Zugriffsm├Âglichkeiten sind zahlreich - bereits in Kindergarten und Schule wird Einfluss auf die Erziehung zu k├╝nftigen Staatsb├╝rgerInnen im sozialistischen Kollektiv genommen.

Privatsph├Ąre und pers├Ânliches Miteinander in der Sowjetunion

Antonina wuchs in einem Dorf auf und kam wie viele junge Menschen in die Stadt, um zu arbeiten. Ein ├Ąlterer Mann verf├╝hrte sie, ohne sich um die Folgen zu k├╝mmern. Mit der Geburt ihrer unehelichen Tochter ergab sich f├╝r Antonina die M├Âglichkeit, aus ihrem ArbeiterInnenwohnheim in eine "kommunalka", eine Gemeinschaftswohnung zu ziehen, in der mehrere Familien jeweils ein Zimmer bewohnen. Dies sollte von staatlicher Seite dem Wohnungsmangel in den St├Ądten entgegen wirken. Gleichzeitig bedeutete es f├╝r die Menschen aber auch den Verlust jeglicher Privatsph├Ąre, gegenseitige Bespitzelung unter den BewohnerInnen war an der Tagesordnung.

Die junge Mutter hat jedoch Gl├╝ck: in ihrer kommunalka wohnen drei alte Frauen (babuschki), die sich der Frau und deren Tochter annehmen. Denn Antonina bef├╝rchtet, dass ihre Tochter wegen der "Sprachlosigkeit" in einem Heim oder Krankenhaus behandelt werden soll und m├Âchte dies um jeden Preis verhindern. W├Ąhrend Antonina arbeiten geht, ├╝bernehmen die babuschki die Betreuung des kleinen M├Ądchens. Als Gegenleistung verpflichtet sich Antonina, sich um die Greisinnen zu k├╝mmern und sie zu versorgen.

Susannas Erziehung erfolgt jedoch entgegen dem sowjetischen Leitbild: da die drei Damen selbst gebildet sind und im adeligen, vorrevolution├Ąren Russland aufwuchsen, bringen sie dem M├Ądchen die franz├Âsische Sprache bei, f├╝hren sie ins Theater und taufen sie heimlich auf den biblischen Namen der heiligen Sofia. Damit setzen sie das Kind einer gro├čen Gefahr aus, denn in der Sowjetunion wurden religi├Âse Handlungen streng verfolgt. Susannas Schweigen kommt ihnen somit entgegen.

Doch dann geschieht das Ungl├╝ck: Antonina erkrankt unheilbar an Krebs. Die drei alten Frauen setzen nun alle Hebel in Bewegung, um das Kind dem staatlichen Zugriff zu entziehen, gehen dabei ├Ąu├čerst erfinderisch zu Werke und lassen sich nicht einsch├╝chtern.

Lebenswirklichkeit und Zukunftsglaube

In ihrem Roman f├Ąngt die Gewinnerin des russischen Booker-Prize 2009, Elena Chizhova, die Lebenswirklichkeit in der Sowjetunion authentisch ein. Eindringlich und trotzdem beil├Ąufig schildert sie den Alltag der BewohnerInnen, die immense Aufbauarbeit, welche die Menschen nach Kriegsende leisteten, aber auch die Schrecken des stalinistischen Terrors, die im Schweigen der ├Ąlteren Generation nachwirken. Die schwierige Versorgungslage der St├ĄdterInnen und das Streben nach dem kleinen pers├Ânlichen materiellen Gl├╝ck kontrastiert sie mit absurden b├╝rokratischen Bedingungen. So werden in Antoninas Betrieb Listen f├╝r die Ausgabe von Fernsehger├Ąten erstellt, in die sich alle eintragen m├╝ssen, ohne dass es jemals gen├╝gend Ger├Ąte geben wird, um die Nachfrage zu befriedigen.

Aus unterschiedlichen Perspektiven - mal aus Sicht des Kindes, mal aus Sicht der Mutter oder einer der babuschki webt Chizhova einen vielschichtigen Erz├Ąhlteppich, der mehr verschweigt, als er Preis gibt. Diese Verschlossenheit dr├╝ckt sich auch in der Sprache aus - rau und schn├Ârkellos berichten die Figuren ├╝ber ihre Gef├╝hlswelten und Erlebnisse. Gerade daraus bezieht das Buch seine Spannung und l├Ąsst die LeserInnen die Angst vor Verrat oder Repressionen nachempfinden. Gleichzeitig macht diese Erz├Ąhlung deutlich, dass menschliche W├╝rde auch in totalit├Ąren Systemen m├Âglich und notwendig ist. Ja, die Macht der Frauen ist still - aber daf├╝r umso wirkungsvoller.

Zur Autorin: Elena Chizhova, 1957 in Leningrad geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und war an der Universit├Ąt und in der freien Wirtschaft t├Ątig, bevor sie sich Mitte der neunziger Jahre dem Schreiben zuwandte. Ihre bislang sieben Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, f├╝r "Die Stille Macht der Frauen", der jetzt erstmalig auf Deutsch erschienen ist, erhielt sie 2009 den angesehenen russischen Booker-Prize. Chizhova ist Vorsitzende der St. Petersburger Sektion des PEN-Clubs. (Quelle:Verlagsinformationen)

Zur ├ťbersetzerin: Dorothea Trottenberg studierte Slawistik in K├Âln und Leningrad. Sie arbeitet als Bibliothekarin und als freie ├ťbersetzerin klassischer und zeitgen├Âssischer russischer Literatur, unter anderem von Michail Bulgakov, Nikolaj Gogol, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj, Ivan Turgenev und Ivan Bunin. 2007 wurde sie mit dem Cristoph-Martin-Wieland-├ťbersetzerpreis ausgezeichnet. Im Oktober 2012 erh├Ąlt sie den Paul-Celan-Preis f├╝r ihre Arbeit. (Quelle:Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Sprachlosigkeit als Form des passiven Widerstands gegen ein repressives System - mit diesem Buch nimmt Elena Chizhova die LeserInnen mit in eine Zeit, die von der Sehnsucht nach dem Unangepassten gepr├Ągt war. Sie zeigt, dass es auch aus der ├ťberwachung in der Sowjetunion Auswege gab und Individualit├Ąt und Humanit├Ąt sich durchsetzen konnten, wenn auch unter gro├čen Gefahren.

Elena Chizhova
Die stille Macht der Frauen

Originaltitel: Vremja ┼żen┼í├Ęin
Aus dem Russischen ├╝bersetzt von Dorothea Trottenberg
DTV premium, erschienen Juni 2012
Broschiert, 280 Seiten
ISBN: 978-3-423-24919-5
14,90,- Euro
www.dtv.de

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