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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.09.2012

Gabriele Anderl - 9096 Leben. Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer
Judith Kessler

Eine Biografie ├╝ber die facettenreiche Pers├Ânlichkeit Berthold Storfers (1880-1944), der durch illegale Schiffstransporte nach Pal├Ąstina mehr Juden als Oskar Schindler rettete, aber fast unbekannt..



... geblieben ist.

Helfer, T├Ąter, Opfer?

Arno Lustiger verstarb wenige Tage vor dem Erscheinen von Gabriele Anderls akribisch recherchierter Biographie "9096 Leben" ├╝ber den "unbekannten Judenretter" Berthold Storfer, dem "die gr├Â├čte maritime Rettungsaktion w├Ąhrend des Krieges" zu verdanken war, wie Lustiger noch in seinem Vorwort zu dem Buch schrieb. F├╝r ihn war Storfer, der direkt oder indirekt fast zehntausend Menschen zur Flucht verhalf, "ein Held der Rettung", dem die Aufnahme als Gerechter unter den V├Âlkern in Yad Vashem jedoch versagt blieb, weil er sich hatte taufen lassen.

Der Wiener Kommerzialrat Berthold Storfer, 1880 in einer j├╝dischen Familie in Czernowitz geboren, Weltkriegsteilnehmer und erfolgreicher Bankier, kam bereits unmittelbar nach dem "Anschluss" an das Deutsche Reich im M├Ąrz 1938, als er angesichts der neuen Realit├Ąten schon im April eine Hilfsorganisation f├╝r die j├╝dische Auswanderung gr├╝nden wollte, in Kontakt mit Adolf Eichmann, damals Leiter der "Zentralstelle f├╝r j├╝dische Auswanderung" in Wien. Der SS-Obersturmbannf├╝hrer beauftragte Storfer auf Empfehlung der J├╝dischen Gemeinde mit der Einrichtung des "Ausschusses f├╝r j├╝dische ├ťberseetransporte", der praktisch ausschlie├člich illegale Transporte in das britische Mandatsgebiet Pal├Ąstina zu organisieren hatte. Denn zu dieser Zeit forcierte die NS-F├╝hrung noch die Auswanderung, besser gesagt: Vertreibung der Juden (bei gleichzeitigem Einbehalt ihres gesamten Verm├Âgens), andererseits war die Einwanderungspolitik der Briten restriktiv. Und nicht nur der Briten.

Ein Kapitel im Buch befasst sich mit der besch├Ąmenden Abwehrpolitik der meisten "freien" L├Ąnder gegen├╝ber Fl├╝chtlingen und der ergebnislos verlaufenden Fl├╝chtlingskonferenz von Evian 1938, an der auch Storfer f├╝r die Wiener Gemeinde teilgenommen und in deren Nachgang der V├Âlkische Beobachter geh├Âhnt hatte, dass Deutschland der Welt seine Juden anbiete, aber niemand sie haben wolle.
Die ebenfalls bei der Organisation der Auswanderung t├Ątigen zionistischen Organisationen Hechaluz, Betar und Mossad beschuldigten Storfer, der mit dem Pal├Ąstina-Amt, aber auch mit der "Reichsstelle f├╝r das Auswanderungswesen" in Berlin in Kontakt stand, mit der SS zu kollaborieren. Der wiederum sorgte ÔÇô anders als diese ÔÇô auch f├╝r die Flucht ├Ąlterer und kranker Menschen aus Danzig, Wien und Bratislava, freigekaufter KZ-H├Ąftlinge aus Buchenwald und Dachau und daf├╝r, dass Beg├╝terte die Fahrt f├╝r Mittellose mitbezahlten. Viele Bewerber musste er aber auch abweisen.

Berthold Storfer war wie die Offiziellen der J├╝dischen Gemeinde gezwungen, zu kooperieren. Anderl meint, Storfer habe sich "in ein gef├Ąhrliches Nahverh├Ąltnis zum NS-Regime" begeben ÔÇô so, als er im Oktober 1939 bei den ersten Deportationen von Wien ins "Generalgouvernement" gemeinsam mit anderen j├╝dischen Funktion├Ąren in S├╝dostpolen eine Selbstverwaltung aufbauen sollte und wollte. Doron Rabinovici schreibt, Storfer habe sich "auf seine Art dagegen gewehrt, zum ┬┤Untermenschen┬┤ degradiert zu werden" und auch Hannah Arendt w├╝rdigte Storfers Rolle als Retter. Aus der Ferne ist leicht urteilen ├╝ber einen Mann, der mit immer neuen, kaum ├╝berwindbaren Problemen zu k├Ąmpfen hatte und sich auf einer st├Ąndigen Gratwanderung befand ÔÇô die NS-Beh├Ârden im Nacken, die zionistischen Aktivisten als Konkurrenten, raffgierige Reedereibesitzer, erpresserische Reiseb├╝ros und korrupte Mittelsm├Ąnner als Partner, irrwitzige Devisenbestimmungen, schrottreife Schiffe, kriminelle Besatzungen und meuternde Fl├╝chtlinge, die schon monatelang in Notunterk├╝nften hatten ausharren m├╝ssen und von R├╝ckschiebung bedroht waren.

Die Autorin beleuchtet all diese Widrigkeiten und zeichnet ein detailliertes Bild von Storfers Aktivit├Ąten, seinem Umfeld und dem Zeitgeschehen. Klar wird: Es war eine organisatorische Gro├čleistung und grenzt an ein Wunder, dass es ihm am Ende gelang, trotz aller Widrigkeiten im September 1940 vier Transporte loszuschicken, erst mit Flussschiffen ├╝ber die Donau, anschlie├čend auf umger├╝steten Seefrachtern weiter Richtung Haifa. Auf den ├╝berladenen Schiffen fehlte es an allem: an Kohle, Platz, Trinkwasser und Lebensmitteln, auf einem der Schiffe mussten sogar Kabinenw├Ąnde, Masten und Pritschen verfeuert werden und es brach Typhus aus. Nach sechs Wochen Fahrt erreichten die Schiffe nacheinander schlie├člich Haifa. Doch durften die Passagiere nicht an Land, sondern mussten auf ein anderes Schiff, die "Patria" umsteigen, das sie in eine britische Kolonie abschieben sollte. Daraufhin ver├╝bte die Hagana einen Bombenanschlag auf die "Patria", um sie unbrauchbar zu machen. Ungl├╝cklicherweise sank das Schiff. 267 Menschen starben. Ein Teil der ├ťberlebenden wurden in das Internierungslager Atlith bei Haifa gebracht, der andere auf die Pazifikinsel Mauritius...

Berthold Storfer jedenfalls hatte insgesamt 9096 Juden zur Flucht verholfen. Er selbst hatte bei seinen Auslandsreisen mehrfach die Gelegenheit, nutzte sie jedoch nicht, so wie er auch ÔÇô trotz Taufe ÔÇô seine Konfession in der NS-Zeit immer wieder als "mosaisch" angab.

Im Oktober 1941 verbot Heinrich Himmler die Ausreise von Juden, bald folgte die beabsichtigte "Endl├Âsung". Die "Zentralstelle f├╝r j├╝dische Auswanderung" wurde aufgel├Âst. Als Storfer erfuhr, dass auch seine Deportation bevorsteht, tauchte er Anfang September 1943 unter, wurde jedoch erwischt und nach Auschwitz deportiert. Adolf Eichmann sagte bei einer Vernehmung in Jerusalem 1961 ├╝ber seine letzte Begegnung mit Berthold Storfer in Auschwitz: "Storfer ... hat mir sein Leid geklagt. Ich habe gesagt: Ja, mein lieber guter Storfer, was haben wir denn da f├╝r ein Pech gehabt? Und ich habe ihm auch gesagt, schauen Sie, ich kann Ihnen wirklich gar nicht helfen, denn auf Befehl des Reichsf├╝hrers kann keiner Sie herausnehmen (...) Und dann hab ich H├Â├č gesagt: Arbeiten braucht Storfer nicht.".

Berthold Storfer wurde im November 1944 ermordet.

Zur Autorin: Gabriele Anderl war Mitarbeiterin der ├ľsterreichischen Historikerkommission und hat sich in zahlreichen zeitgeschichtlichen Publikationen mit der NS-Zeit, der "Arisierungspolitik" und dem NS-Kunstraub sowie Aspekten der j├╝dischen Geschichte befasst. Sie lebt als freie Journalistin und Autorin in Wien. U.a. hat sie mit W. Manoschek "Gescheiterte Flucht. Der Kladovo-Transport auf dem Weg nach Pal├Ąstina" verfasst und mit A. Caruso "NS-Kunstraub in ├ľsterreich und die Folgen" herausgegeben.

Gabriele Anderl
9096 Leben. Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer

Rotbuch Verlag, erschienen 2012
Gebunden, 400 S.
19,95 Euro

Gabriele Anderl und Prof. Wolfgang Wippermann (Freie Universit├Ąt Berlin) stellen vor:
Gabriele Anderl: "9096 Leben". Der unbekannte Judenretter Berthold Storfer

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Dank: Dieser Artikel von Judith Kessler ist unter dem Titel "Helfer, T├Ąter, Opfer?" in der Zeitschrift J├╝disches Berlin, 01. September 2012, unter "Beitr├Ąge ÔÇô j├╝disches berlin, Gedenken" im September 2012 erschienen und wurde AVIVA-Berlin von der Autorin freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt.

Literatur Beitrag vom 10.09.2012 AVIVA-Redaktion 





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