Gabriele Goettle - Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 25.09.2012


Gabriele Goettle - Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag
Dana Strohscheer

Hier sprechen Frauen für sich, nur für sich. Über ihren Beruf, ihre Träume, ihr Leben und ihre Überzeugungen. Ohne Abwägen und Zaudern. Sie berichten, was sie antreibt und wie sie die Welt sehen.




Ausgewählt nach ihren unterschiedlichen Berufen und Berufungen zeigt dieser Band, wie interessant und schwierig das tägliche Bestehen in der Arbeits- und Lebenswelt für Frauen in Deutschland sein kann. Und wie oft sich Berufliches und Privates nicht trennen lassen.

Da ist zum Beispiel Bettina Wassmann, Jahrgang 1942, die als "linke" Buchhändlerin der ersten Stunden die Hochzeit der Diskussionen um neue Lebens- und Gesellschaftsentwürfe der 1968er Generation erlebte und mitgestaltete. Die Verlegerin und Inhaberin eines kleinen Buchladens in Bremen hat heutzutage genauso um das wirtschaftliche Überleben zu kämpfen wie andere Gewerbetreibende. Doch sie zeigt im Gespräch, wie mit Erfindungsreichtum und Mut zu Neuem auch schwierige Zeiten gemeistert werden können.

In 26 Interviews folgt die Autorin und Journalistin Gabriele Goettle ihren Gesprächspartnerinnen in deren Entwicklung. Dies geschieht auf unaufdringliche Weise, wodurch die Schilderungen an Tiefe und Klarheit gewinnen. Zwischenfragen werden nur selten gestellt, vielmehr kommen die Frauen von allein ins Erzählen. Ihnen wird die Zeit und der Raum gegeben, ihre Beweggründe für Entscheidungen darzulegen oder deutlich zu machen, wie sehr sie für eine Sache "brennen".

So auch die Philosophieprofessorin und Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmann, die sich gegen die gängige Organspendepraxis wendet. Im Gespräch mit Goettle zeigt sie eher unbekannte Aspekte der gängigen Prozedur auf, berichtet von Depressionen, die bei den EmpfängerInnen von Organen auftreten können und weist auf die ethischen Bedenken im Umgang mit der Diagnose "hirntot" hin. Verstörend und aufrüttelnd entsteht das Bild einer Frau, die allein gegen bestehende gesellschaftliche Überzeugungen ankämpft.

Oder die Kioskfrau Ingrid Reinke, die seit ihrer Schulzeit im Kiosk des Vaters am Wittenbergplatz in Berlin aushalf. Das Büdchen sicherte später ihr und ihren Kindern die Existenz, und noch heute sitzt sie dort, versteckt hinter ihrer kleinen Luke und weiß doch mehr über das Leben draußen zu berichten, als die vielen Menschen, die jeden Tag an ihr vorbeihasten.

Goettle gelingt es immer wieder, zu vergessenen oder verdrängten Erinnerungen der Frauen vorzudringen. Dadurch zeigen die Interviews eine Bandbreite von Lebenserfahrungen auf und zeichnen gleichzeitig ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte auf. Allesamt sind sie gestandene Frauen, die Kinder groß gezogen haben oder nicht, die verheiratet sind/waren oder nicht und die ihren eigenen Weg gehen, wenn auch manchmal notgedrungen. Ob Bestatterin oder Bienenforscherin – sie haben ihren Platz im Leben gefunden. Auch die Zweiflerinnen und verzweifelten Frauen finden ihren Platz. Dadurch entsteht ein differenzierter Blick auf weibliche Lebensentwürfe. Am Anfang jeden Kapitels sind im Telegrammstil die wichtigsten Lebensstationen der Gesprächspartnerinnen aufgelistet, bei unbekannten Themen folgt eine kurze Einführung in das jeweilige Spezialgebiet.

Allerdings hat der Band ein Manko: Jüngere Frauen kommen ebenso wenig zu Wort wie Frauen mit anderen als mehrheitsdeutschen sozio-kulturellen Wurzeln. Schade, denn die Art, wie Goettle ihre Gesprächspartnerinnen zum Reden bringt, hätte sicherlich einer größeren Bandbreite Frauen Bekenntnisse entlockt. So zeichnet das Buch zwar ein vielschichtiges Bild der Situation mancher Frauen in diesem Land, aber einige Gruppen fehlen dann eben doch. Vielleicht kommen diese im nächsten Buch der Autorin zu Wort. Spannend wäre es allemal.

AVIVA-Tipp: Ein Buch über einen unbekannten Alltag von Frauen in diesem Land, das die LeserInnen mitnimmt in ganz unterschiedliche Lebenswelten. Ungekünstelt und zugleich empathisch führt Gabriele Göttle im Gespräch ihre Gegenüber zu dem, was für diese Frauen besonders ist und zeigt, wie sie sich behaupten. Wenn auch nicht alle Gruppen und weiblichen Lebensentwürfe vertreten sind, so ist es trotz allem bereichernd und spannend, diese Frauen zu begleiten.

Zur Autorin:Gabriele Goettle Jahrgang 1946, studierte Bildhauerei, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin. Seit den 1980er Jahren arbeitet sie als freie Journalistin und schreibt Reportagen über den Alltag in Deutschland, vor allem für die TAZ. In der Reihe der Anderen Bibliothek erschienen u.a. folgende Sammelbände: "Deutsche Sitten" (1993), "Deutsche Bräuche" (1994) und "Die Experten" (2004). 1995 erhielt sie den Ben-Witter-Preis und 1999 den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen. Gabriele Goettle lebt in Berlin und ist Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. (Quelle: Verlagsinformationen)

Reportage von Gabriele Goettle in der TAZ im Juni 2012: Arbeit für 0,00 Euro. Kostenlose Ressource Ehrenamt

Gabriele Goettle
Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag

Verlag Antje Kunstmann, erschienen am 05. September 2012
Gebunden, 400 Seiten
ISBN 978-3-88897-781-7
22,95 Euro
www.kunstmann.de

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Literatur

Beitrag vom 25.09.2012

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