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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.12.2012

Marie-Luise Scherer - Die Bestie von Paris und andere Geschichten
Sonja Baude

Ihre Reportagen sind Schaupl├Ątze der Sprache, auf denen sich ganze Welten auftun: meisterhaft sachlich und bestechend lebendig. Vier Pariser Geschichten der Journalistin sind erneut erschienen.



"Zwei gute S├Ątze an einem Tag sind ein Gl├╝ck." Dieser Satz stammt von der Autorin und mit ihm erkl├Ąrt sich also ihr schmales und hervorragendes Werk, denn in keinem ihrer Texte hat sie sich je mit einem weniger guten Satz zufrieden gegeben. Die geb├╝rtige Saarbr├╝ckerin, die zuletzt im November 2012 mit dem Kunstpreis des Saarlandes ausgezeichnet wurde, hat vielfach Beachtung gefunden ob ihrer pr├Ązisen Beobachtungs- und Wahrnehmungsgabe und deren Versprachlichung. Bei Matthes und Seitz sind nun vier ihrer Geschichten erneut erschienen. Alle vier Reportagen wurden erstmalig im SPIEGEL ver├Âffentlicht, wo Scherer in den Jahren von 1974 bis 1998 arbeitete, und dann 2004 nebst weiteren Geschichten in Der Anderen Bibliothek des Eichborn Verlages herausgegeben.

Die hier ausgew├Ąhlten Texte haben den Schauplatz Paris gemein, ansonsten aber k├Ânnten sie kaum unterschiedlicher sein. Die titelgebende Reportage rekonstruiert eine spektakul├Ąre Mordserie, die in Paris an ├╝ber 20 ├Ąlteren Damen ver├╝bt wurde. Ein Kriminalfall, der Frankreichs Gesellschaft in den 1980er Jahren in Schrecken und Aufruhr versetzt hatte. Marie Luise Scherer rollt jeden einzelnen Tathergang minuti├Âs von Seiten der ÔÇô und das ist sicher die unvermutete und eben auch so besondere Herangehensweise ÔÇô T├Ąter auf. Neben der kaum aushaltbaren m├Ârderischen Kaltbl├╝tigkeit entwirft sie zeitgleich eine Sozialskizze, indem sie Herkunft und Hintergr├╝nde der T├Ąter beleuchtet, nicht als Rechtfertigung, sondern um des Verstehens willen.

Die Besonderheit ihrer Beschreibung liegt nun in der Detailgenauigkeit, in der schichtenweisen Abtragung und also Sichtbarmachung von Realit├Ąt. Sie geht vor wie eine Arch├Ąologin, untendenzi├Âs, nicht wissend oder vorahnend und also absolut wertfrei. Dieses Schreiben besticht schonungslos. Es ist klar, frei von Sentimentalit├Ąt, und es herrscht eine sezirerische K├╝hle, die eine/n das Grausen lehrt. Als Journalistin prangert sie nicht an, verweist nicht auf richtig und falsch und nimmt auch sich selbst ausgezeichnet zur├╝ck.

Allein ihr genaues, ihr ganz eigenartiges Schauen greift die Begebenheiten so an, als f├╝hrte sie ihre LeserInnen gleichsam in sie hinein. Das zeichnet auch die anderen Texte dieses Bandes aus. Sie ist immer der Wirklichkeit auf der Spur, nimmt jede Geste wahr und ├╝bersetzt sie meisterhaft in Sprache, findet die guten S├Ątze, um ein Erleben zu erm├Âglichen.
Gro├čartig f├╝hrt sie das vor in der Geschichte "Kleine Schreie des Wiedersehens". Ein anderes, wenn auch nicht m├Ârderisches, so doch vielfach von Kaltbl├╝tigkeit gepr├Ągtes Milieu wird hier blo├člegt. Es ist die Pariser Modewelt, die zusammenkommt am Louvre und eine dunkle Masse bildet, "so schwarz, wie ein Mohnfeld rot ist, das hei├čt auch ein paar Kornblumen stehen dazwischen." Und im flirrenden, fassadenhaften Durcheinander fasst Scherer mit analytischem Scharfsinn s├Ąmtliche Einzelheiten, die, gerade im Verzicht, ein Ganzes allgemein beschreiben zu wollen, sehr lebhaft die Atmosph├Ąre sp├╝rbar werden lassen. Da hei├čt es ├╝ber das Begr├╝├čungsritual der Haute Couture: neben jeder Wange ein in die Luft gedr├╝ckter Kuss, wobei der Blick der K├╝ssenden und der nicht wirklich Gek├╝ssten schon anderswo am Kontaktieren ist, l├Ąchelnd hin├╝bernicken und in Erwartung des zur├╝ckkommenden L├Ąchelns zur Seite sagen: ┬┤Das ist eine ganz B├Âse┬┤." Scherer tut nichts mehr, als solche Beobachtungen niederzuschreiben, sie bleibt also in Distanz, st├╝lpt keiner Szenerie eine moralische Bewertung ├╝ber, ist sachlich, und legt so den LeserInnen das Beobachtete wie unter einer Lupe vor. Das ist sagenhaft gut!

Gleiches gilt auch f├╝r die beiden Reportagen aus dem literarischen Milieu. Da ist zum einen die au├čergew├Âhnliche Ann├Ąherung an Marcel Proust an das Paris seiner Zeit. Hier nimmt sie den eigenartigen Weg ├╝ber Volker Schl├Ândorffs Verfilmung "Eine Liebe von Swann". Scherer gelingt eine ├╝berraschende, dramaturgisch unbedingt ├╝berzeugende, Gleichzeitigkeit des zu Beschreibenden. Nicht nur werden Hintergr├╝nde der Verfilmung beleuchtet, sondern darin verwoben f├╝hrt sie in die Proustsche Welt, in die reale genauso wie in die fiktive. In der vierten Reportage begegnet sie dem letzten Surrealisten, dem Dichter Philippe Soupault, und von ihm ausgehend entwirft sie ein hervorragend recherchiertes Bild vom Surrealismus an sich. Auch hier begeht sie wieder den K├Ânigsgrat, ohne je durch ein falsches Wort ins Straucheln zu geraten: sie trifft den Ton analytischer Distanz und erm├Âglicht so die schonungslose Nahaufnahme der Verh├Ąltnisse.

AVIVA-Tipp: In Marie-Luise Scherers Reportagen f├╝gen sich feinster Journalismus und Literatur meisterhaft ineinader. Ihre Texte sind, obwohl vor langer Zeit f├╝r den SPIEGEL geschrieben, zeitlos und also unbedingt lesenwert, heute und zu jeder Zeit.

Zur Autorin: Marie-Luise Scherer wurde 1938 in Saarbr├╝cken geboren und schrieb ├╝ber zwei Jahrzehnte lang literarische Reportagen f├╝r den SPIEGEL. F├╝r ihre Texte wurde sie vielfach ausgezeichnet. Darunter 1994 mit dem Ludwig-B├Ârne-Preis, 2008 mit dem Italo Svevo Preis, 2011 mit dem Heinrich Mann Preis und 2012 mit dem Kulturpreis des Saarlandes. Sie lebt heute im nieders├Ąchsischen Damnatz an der Elbe.

Marie-Luise Scherer
Die Bestie von Paris und andere Geschichten

Matthes und Seitz, erschienen November 2012
Gebunden, 151 Seiten
ISBN: 978-3-88221-966-1
16,90 Euro

Literatur Beitrag vom 29.12.2012 Sonja Baude 





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