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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.01.2013

Ursula Krechel - Landgericht
Anke Gimbal

Die f├╝r dieses Buch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Autorin schreibt ├╝ber Dr. Richard Kornitzer, geboren 1903 in Breslau, Jurastudium und 1926 Promotion in Berlin, Richter an der ...



... Patent- und Urheberrechtskammer des Landgerichts I in Berlin, 1933 entlassen als "Volljude", 1939 emigriert nach Kuba, 1948 zur├╝ckgekehrt auf Betreiben seiner nichtj├╝dischen Ehefrau, 1949 Vereidigung als Richter am Landgericht Mainz.

Es ist ein Roman, aber er beruht auf Fakten und die sind gr├╝ndlich recherchiert. Die Romanfiguren basieren auf realen Personen mit Namen und Biografien. Die Autorin hat sorgf├Ąltig die Akten eines Mainzer Richters studiert und auch die jeweiligen Zeitr├Ąume, ├ľrtlichkeiten, die politischen Verh├Ąltnisse, die Justiz, die Rechtslage und sonstige Umst├Ąnde.

Kornitzers Lebens ist dreigeteilt: ein Leben vor dem Krieg (Breslau/Berlin), eines in der Emigration (Kuba) und das in der Bundesrepublik (Lindau/Mainz). Das Buch befasst sich mit allen drei Teilen gleicherma├čen. In Breslau und zun├Ąchst auch in Berlin war Kornitzers Leben noch in Ordnung, bis sein Alltag durch die Nationalsozialisten belastender wurde. Die Stimmung am Landgericht wurde zunehmend feindselig, bis er schlie├člich aufgrund von ┬ž 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt wurde. Er war der einzige Jude unter den Kollegen gewesen und "hatte keine Solidarit├Ąt, keinen Rat von niemandem zu erwarten" (S. 44). Ein gl├Ąubiger Jude war er nicht, er sah sich als "Jude von Hitlers Gnaden" (S. 44). Doch die Taufe n├╝tzte ihm nichts, eher schon das von seiner Mutter geerbte Verm├Âgen, ohne das er weder das Visum noch den mehrj├Ąhrigen Aufenthalt in Kuba h├Ątte finanzieren k├Ânnen. Es gelang ihm jedoch nach Ausbruch des Krieges nicht mehr, seine Ehefrau Claire nachzuholen. Die beiden Kinder ÔÇô Georg, geb. 1932 und Selma, geb. 1935 ÔÇô waren schon vor Kornitzers Abreise nach Kuba mit Hilfe der j├╝dischen Hilfsorganisationen nach England in Sicherheit gebracht worden. Das setzte sowohl den Eltern als auch den Kindern zu, die zu klein waren, um den Grund f├╝r die Trennung zu verstehen, sich verlassen f├╝hlten und verst├Ârt waren.

Kornitzer versuchte, sich in Kuba eine neue Existenz aufzubauen. Er ging eine neue Beziehung ein, die jedoch scheiterte, weil er bereits verheiratet war. Die Mutter gab die gemeinsame Tochter Amanda weg, da sie sie als unverheiratete Lehrerin in Kuba nicht aufziehen konnte. Kornitzer traf Amanda erst viele Jahre sp├Ąter in Deutschland das erste Mal. W├Ąhrenddessen litt seine Ehefrau in Deutschland unter der Verfolgung durch die Gestapo, die NachbarInnen und sonstige Nazis. Sie wollte sich von ihren Ehemann nicht scheiden lassen und verlor nicht nur ihr Unternehmen und ihr Geld, sondern wurde auch physisch von der Gestapo gefoltert. Der Kontakt zu den Kindern brach ebenso wie der zum Ehemann ab. Erst nach Kriegsende gelang es Claire Kornitzer, erst den Mann, dann die Kinder wiederzufinden und ÔÇô jedenfalls den Mann ÔÇô nach Deutschland zur├╝ckzuholen.

Dann h├Ątte alles gut werden k├Ânnen, aber so war es leider nicht. Was allerdings wenig ├╝berraschend ist, denn die Eheleute waren jahrelang getrennt und litten in ihren jeweiligen v├Âllig verschiedenen Leben alleine. Die Kinder hatten nach schweren Zeiten und Pflegeverh├Ąltnissen ein neues Leben in England aufgebaut und wollten nicht zur├╝ck zu den ihnen nun v├Âllig fremden Eltern in Deutschland.

Um als Richter wiedereingestellt zu werden, musste Kornitzer verschiedene H├╝rden ├╝berwinden. Zum Beispiel wurde ihm zun├Ąchst einmal "die nationalsozialistische Ma├čnahme der Ausb├╝rgerung entgegengehalten", "dazu auch das Fehlen freier Positionen, obwohl sich in zahlreichen auch leitenden Positionen fr├╝here Nationalsozialisten" befanden (S. 36). Schlie├člich und endlich wurde er wieder eingeb├╝rgert und erhielt eine Stelle am Landgericht im zu 75 Prozent zerst├Ârten Mainz. Dort gab es keine Wohnung f├╝r ihn, nur ein kleines Zimmer, so dass Claire erst einmal in Lindau bleiben musste, wohin sie w├Ąhrend des Krieges geraten war und auch eine Arbeit gefunden hatte. Die weitere r├Ąumliche Trennung trug nicht dazu bei, dass sich der emotionale Abstand zwischen den beiden verringerte. Claire Kornitzer war schon durch die Kriegsjahre krank, Richard Kornitzer wurde krank durch die Umst├Ąnde und auch durch die Wiedergutmachungsverfahren, die diesen Namen nicht verdienen. 1957 wurde er in den Ruhestand versetzt; 1970 starb er.

AVIVA-Tipp: Kein Krieg, kein Bombenkeller, kein Konzentrationslager, also ein gl├╝cklicher Mensch? Die Gleichung geht nicht auf. Kornitzer ├╝berlebte, aber sein Leben, seine Familie zerbrach. Die erb├Ąrmlichen deutschen Entsch├Ądigungsverfahren und die Theorie und Praxis der Entnazifizierungsverfahren trugen zu seiner weiteren Dem├╝tigung bei. Er musste mit ansehen, wie die ehemaligen T├Ąter(-kollegInnen) ihre Leben meist ungebrochen, mit vergleichsweise kleinen Nachteilen, wenn sie denn ├╝berhaupt welche hatten, fortsetzen konnten. "Landgericht" ist kein am├╝santes, sondern ein anstrengendes Buch, das der Leserin und dem Leser vor Augen f├╝hrt, wie mit den nach Deutschland zur├╝ckgekehrten ├ťberlebenden der Shoah umgegangen wurde. Schaut mensch auf die bis heute anhaltenden Diskussionen ├╝ber die Ghettorenten, hat sich daran im ├ťbrigen nicht viel ge├Ąndert.

Zur Autorin: Ursula Krechel, geb. 1947 in Trier, lebt heute in Berlin. Sie ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und seit 2012 der Deutschen Akademie f├╝r Sprache und Dichtung. "Landgericht" ist ihr dritter Roman. Der erste, "Zweite Natur. Szenen eines Romans", erschien 1981. Ihr Buch "Shanghai fern von wo" wurde 2008 ebenfalls von Jung und Jung in Salzburg und Wien publiziert. Krechel wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, so erhielt sie am 8. Oktober 2012 zum Auftakt der Buchmesse f├╝r "Landgericht" den Deutschen Buchpreis, der j├Ąhrlich vom B├Ârsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben wird. Mehr Infos unter: www.deutscher-buchpreis.de

Ursula Krechel
Landgericht

Jung und Jung Verlag, Salzburg, erschienen 21.8.2012
496 Seiten, gebunden
Euro 29,90 / Sfr 38,90
ISBN 978-3-99027-024-0, ebook: 978-3-99027-100-1
jungundjung.at

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Anwalt ohne Recht. Das Schicksal j├╝discher Rechtsanw├Ąlte in Berlin nach 1933. Herausgegeben von der Rechtsanwaltskammer Berlin und Simone Ladwig-Winters, Bundesanwaltskammer






Literatur Beitrag vom 15.01.2013 AVIVA-Redaktion 





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