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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.02.2013

Almudena Grandes - Der Feind meines Vaters
Julia Lorenz

Geschichtsstunde bei Profesora Grandes: Die spanische Autorin lässt aus Sicht eines neunjährigen Freigeists die Schrecken der Franco-Diktatur wiederauferstehen und verhilft einem legendären...



...Widerstandskämpfer zu neuer Aufmerksamkeit.

Wer vom kleinen Ort El Escorial nahe Madrid den Bus Richtung Valle de los Ca√≠dos, zu Deutsch Tal der Gefallenen nimmt, l√§sst sich auf eine besondere Lektion in Sachen Geschichtsbew√§ltigung ein: Schon von Weitem sichtbar, thront ein gigantisches Mausoleum, das der spanische Ex-Diktator Francisco Franco bereits zu Lebzeiten zur Verherrlichung seiner faschistischen Diktatur erbauen lie√ü, hoch in den Bergen. Offiziell im Gedenken an die Opfer des Spanischen B√ľrgerkriegs errichtet, dient das Monument vor allem als pomp√∂ses Grab f√ľr Jos√© Antonio Primo de Rivera, Gr√ľnder der faschistischen Bewegung Falange Espa√Īola, und Franco selbst.

Bei einer Besucherin aus einem Land, das die Spuren von Nazideutschland auch noch nach sechs Jahrzehnten pr√§gen, ruft so viel Pathos f√ľr zwei Tyrannen Fassungslosigkeit hervor. Neben dem unguten Gef√ľhl, durch eine Pilgerst√§tte f√ľr NeofaschistInnen zu schreiten, macht vor allem eines sprachlos: Die Gr√§ber der beiden Ex-Diktatoren sind mit frischen Blumen geschm√ľckt. Ist dies fast achtunddrei√üig Jahre nach der Demokratisierung Spaniens zu rechtfertigen? Almudena Grandes¬ī neuer Roman "Der Feind meines Vaters" gibt darauf eine vierhundert Seiten starke Antwort.

Kindheit zwischen den Fronten

Im Jahr 1947 ist der B√ľrgerkrieg zwischen RepublikanerInnen und NationalistInnen in Spanien offiziell seit acht Jahren beendet ‚Äď im andalusischen Dorf Fuensanta de Martos scheint er jedoch ewig anzudauern. Dort lebt der kleine Nino, Sohn eines Polizisten der Guardia Civil und Erz√§hler des Romans, mit seiner Familie in einer wenig kinderfreundlichen Kaserne. Sein spartanisches Leben im spanischen Hochland, zum damaligen Zeitpunkt R√ľckzugsort f√ľr PartisanInnen und Guerilla-K√§mpferInnen, √§ndert sich ma√ügeblich durch die Bekanntschaft mit Pepe, genannt "Der Portugiese". Der junge Mann, der in eine leerstehende M√ľhle gezogen ist, wird f√ľr Nino zum Freund und zur Identifikationsfigur: Pepe, Dandy und Freigeist, der - so unabh√§ngig wie eigenbr√∂tlerisch - deklariert "M√§nner wie ich heiraten nicht", stellt das Gegenteil zur Welt der Guardia Civil dar, gegen die Nino sich instinktiv str√§ubt.

Neben dem "Portugiesen" und der Lekt√ľre von Jules-Verne-Romanen besch√§ftigt den neunj√§hrigen Protagonisten im ereignisreichen Sommer 1947 vor allem eine Person: Cencerro, ein kommunistischer Widerstandsk√§mpfer und der "st√§rkste, mutigste und kl√ľgste Mann", von dem Nino jemals geh√∂rt hat, raubt Regimevertreter aus, um anschlie√üend Geldscheine mit der Inschrift "So zahlt Cencerro" als Manifest und Warnung zu hinterlassen. Almudena Grandes beruft sich dabei auf eine historische Person: Tom√°s Vill√©n Rold√°n, so Cencerros b√ľrgerlicher Name, narrte als Robin-Hood-artiger Guerillero die Guardia Civil und die Armee in der Provinz Ja√©n bis zu seinem Tod.

Furcht und Feindbilder

Im Zuge der sich √ľberschlagenden Ereignisse Ende der 1940er Jahre wird Nino klar, dass sein traumatisierter Vater ihm kein Vorbild mehr sein kann - f√ľr den Jungen steht fest, dass er nicht zur Guardia Civil m√∂chte. Seine Familie hat dieses Vorhaben ohnehin bereits f√ľr gescheitert erkl√§rt: Da der Spr√∂ssling zu klein f√ľr sein Alter ist, soll er Schreibmaschine lernen, um zumindest f√ľr einen B√ľrojob ausreichend qualifiziert zu sein. Aus diesem Grund beginnt er, Unterricht auf dem Hof der "Rubias" zu nehmen, wo eine Familie alleinstehender, verwitweter und verwaister Frauen gegen die harten Lebensbedingungen und die soziale Stigmatisierung ank√§mpft - denn die Rubias sind "Rote" und somit Gegnerinnen des Regimes. Nino erkennt, dass er sich entscheiden muss, ob die "FeindInnen seines Vaters" auch die seinen sind.

Almudena Grandes¬ī Kunstgriff, die Schrecken der Diktatur aus Sicht eines Kindes zu schildern, ist sicherlich keine neue Idee. Dennoch gelingt es ihr, vor allem die beinahe zur Normalit√§t gewordene, latente Furcht, die Nino in Form von n√§chtlichen Schreien durch die d√ľnnen Kasernenw√§nde begleitet, greifbar zu machen. Auch zeigt das Einzelschicksal, dass die ideologischen Grabenk√§mpfe der damaligen Zeit nicht nur das Land, sondern auch Familien entzweiten. Grandes¬ī junger Protagonist denkt und handelt bemerkenswert bedacht und bewusst - bisweilen beinahe zu naseweis. Doch Grandes vergisst nicht, eventuellen Glaubw√ľrdigkeitsproblemen, die Ninos F√§higkeit zu Analyse und Reflexion hervorruft, dessen kindliche Begeisterungsf√§higkeit entgegenzusetzen: Politisch brisante Szenen wechseln sich mit der √ľberschw√§nglichen Schilderung eines Mittagessens mit Pepe ab. F√ľr ein Kind ohne Kindheit gelten andere Regeln.

Schade um die schönen Frauen

Die gro√üe St√§rke der Autorin - ihre Genauigkeit und Detailverliebtheit - ger√§t im Verlauf des Romans hin und wieder zur Stolperfalle: Streckenweise wartet "Der Feind meines Vaters" mit derart vielen Nebenfiguren, Parallelhandlungen und Anekdoten auf, ohne erz√§hlerisch recht voranzukommen, dass die Leserin sich auf dem Scho√ü der Gro√ümutter w√§hnt, die sich in Erinnerungen an vergangene Zeiten verliert. Zudem fragt frau sich mit der Zeit, warum ausgerechnet im Werk einer zeitgen√∂ssischen Literatin vom Rang einer Se√Īora Grandes Sch√∂nheit und Beinl√§nge jedes weiblichen Haupt- oder Nebencharakters in allen Einzelheiten diskutiert und in einigen F√§llen gar h√§misch kommentiert werden m√ľssen. Ein derartiges Interesse - oder tats√§chlich eher Desinteresse - am anderen Geschlecht fordert ein gerade einmal neunj√§hriger Protagonist nicht zwingend.

Trotz einiger L√§ngen und kleiner Schw√§chen ist Almudena Grandes¬ī neues Werk ein wichtiger Roman. Immerhin fand eine grundlegende Aufarbeitung der Franco-Zeit auf der iberischen Halbinsel fast drei Jahrzehnte lang nicht statt. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema aus einer ungew√∂hnlichen Perspektive - n√§mlich der eines jungen Menschen, den die Unterdr√ľckung des faschistischen Regimes zunehmend pr√§gt und radikalisiert - ist somit so interessant wie zwingend erforderlich. Spanien hat viel nachzuholen, und solange AutorInnen wie Almudena Grandes ihren Beitrag dazu leisten, d√ľrfen sie gern die detailversessenen ChronistInnen geben. Vielleicht holt "Der Feind meines Vaters" ein paar Blumen von Francos Grab.

AVIVA-Tipp: "Eine der besten Autorinnen unserer Zeit" ist Grandes laut Mario Vargas Llosa. Mit ihrem neuen Werk schafft sie einen Roman, der sich - entgegen aller Trends der zeitgen√∂ssischen Literatur - viel Zeit nimmt: Zeit f√ľr historische Korrektheit, Zeit f√ľr die Entwicklung seines Protagonisten und dessen Gef√ľhlswelt. Viel Zuneigung und Verst√§ndnis f√ľr die Charaktere vermeiden Polemik und eindimensionale Urteile, wobei die Literatin leider oft einen l√§ngeren Atem als das Gros der LeserInnenschaft zu haben scheint.

Zur Autorin: Almudena Grandes wurde 1960 in Madrid geboren und studierte Geografie und Geschichte an der namhaften Universidad Complutense in der spanischen Hauptstadt. Schon ihr erster, 1989 erschienener Roman "Lulu" wurde ein internationaler Bestseller, das Folgewerke "Malena" war nicht minder erfolgreich. Bereits mit "Das gefrorene Herz" setzte sie sich mit dem Spanischen B√ľrgerkrieg und dem Franco-Regime auseinander. Grandes¬ī bisheriges Werk wurde unter anderem mit dem Premio Juli√°n Besteiro ausgezeichnet.
Weitere Infos zur Autorin unter: www.almudenagrandes.com

Almudena Grandes
Der Feind meines Vaters

Originaltitel: El lector de Julio Verne, erschienen 2012
Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda
Carl Hanser Verlag, M√ľnchen, erschienen 2013
400 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
19,90 Euro / eBook 15,99 Euro
ISBN 978-3-446-24125-1

Weitere Infos unter: www.hanser-literaturverlage.de

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Rosa Montero - Im Herzen des Tataros



Literatur Beitrag vom 27.02.2013 Julia Lorenz 





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