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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.03.2013

Eva Menasse - Quasikristalle
Sonja Baude

Nichts Geringeres als der Lauf der Zeit wird hier ins Bild ger├╝ckt: Eine wunderbare Melange aus Scharfsinn, Sprachlust, Witz und Melancholie, in die die ├ľsterreicherin ihre LeserInnenschaft wirft.



Was sind Quasikristalle? Zuerst ein chemisches Ph├Ąnomen, f├╝r dessen Entdeckung Daniel Shechtman 2011den Nobelpreis erhielt. Was es naturwissenschaftlich exakt damit auf sich hat, ist f├╝r den vorliegenden Roman nur peripher relevant. Die Abwesenheit von Symmetrie, etwas Aperiodisches und Unregelm├Ą├čiges ist gemeint und der Begriff wird darin zur Metapher f├╝r das vorliegende Buch, in dem Menasse das ganze weite Leben ihrer Protagonistin Roxane Molin aufspannt.

Die erz├Ąhlte Biographie nimmt im Jugendalter in Wien ihren Anfang, wo Xane als Mitspielerin eines fragilen Freundinnendreiecks ihren Platz hat. Allein die Verb├╝ndung von Xane und Judith gegen Claudia, der schw├Ąchsten im Gespann, muss als d├╝rftiger Kitt der Freundschaft herhalten. Mit dem pl├Âtzlichen Tod von Claudia offenbart er seine menschliche Grausamkeit und die Unumkehrbarkeit des Denkens und Handelns wird brutal sp├╝rbar, denn es bleibt keine Zeit f├╝r Wiedergutmachung.

Im zweiten Kapitel begegnen die LeserInnen Xane als kritisch denkende Studentin auf einer Exkursion nach Auschwitz, auf der sie sich mit ihrer j├╝dischen Herkunft auseinandersetzt. Sp├Ąter als rebellische Filmk├╝nstlerin, die unerschrocken die ganz allt├Ąglichen Nachwehen des Austrofaschismus aufzeigt, wieder sp├Ąter als ehrgeizige Chefin einer politischkorrekt wirkenden Werbeagentur in Berlin. Wir lernen sie kennen als liebende Ehefrau eines Universit├Ątsprofessors, als kompetente Stiefmutter und begeisterte Mutter, als sozial couragierte Freundin, die allerorts Ansehen genie├čt und die gesellschaftlichen F├Ąden in ihrer Person zu b├╝ndeln wei├č. Ein breites Register sozialer Rollen wird hier gezogen und alles in allem entsteht das Bild einer Frau, die tief sch├Âpft und das Leben trotz mancher Anfechtung auf wunderbare Weise zu leben versteht.

Aber, und nun greift der Titel des Romans, dieses Bild scheint zu wabern, es ist alles andere als kristallklar. Denn Xanes Identit├Ąt, das ganz Eigene dieser schillernden Figur wird nur scheinbar fassbar, nur quasi-sichtbar, es entzieht sich der Eindeutigkeit. Und das ist Menasses wunderbarer Konstruktion ihres Romans zu verdanken, die sich selbst einer Erz├Ąhllinearit├Ąt verweigert, stattdessen eine Vielzahl von Nebenfiguren in Szene setzt, aus deren jeweiliger Perspektive der Blick auf Xane f├Ąllt, zuweilen ganz schw├Ąrmerisch, zuweilen zutiefst argw├Âhnisch. In der Gesamtheit der 13 Blickwinkel entsteht ein facettenreiches, kaleidoskopisches Ganzes von Xane Molin, durchbrochen von Leerstellen, das sich jederzeit der Zuschreibung auch wieder entziehen kann.

All diese Menschen, die das Leben von Xane in unterschiedlichen Zeiten und Zusammenh├Ąngen kreuzen, sie auf ganz subjektive Weise wahrnehmen und sie also auch als Projektionsfl├Ąche eigener Bed├╝rfnisse und W├╝nsche f├╝r sich nutzbar machen, werden dabei selbst in wenigen Strichen lebendig und vertraut, ihre Bed├╝rftigkeit erscheint verstehbar. Wie nebenbei gelingt Menasse mit all ihnen, die im Kontakt zu Xane treten, ein detaillierter Grundriss von Gesellschaft, ohne vermeintliche Gewissheiten festzuschreiben.

"Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt
L├Ąuft die Zeit; wir laufen mit".

So hei├čt es bei Wilhelm Busch. Eva Menasse erz├Ąhlt auf ├╝ber 400 Seiten dieses Ph├Ąnomen, sie erz├Ąhlt nicht dar├╝ber, sondern l├Ąsst es erz├Ąhlerisch f├╝hlbar werden: der Sand der Zeitenuhr rinnt unerbittlich. Und auch bei Menasse steht am Ende der Tod, wenn auch vorerst nicht der von Xane selbst, der scheint noch einmal aufgeschoben, aber er wird kommen, unabwendbar. Das rasante Tempo, das Buschs Vers innewohnt, macht auch Menasse sich zu eigen. Ihr Erz├Ąhlrhythmus ist ebenso atemlos. Das ist grandios, bei allem Schauer, der bei der Lekt├╝re aufkommt. Menasses Sprache ist voll von Witz, von flirrender Leichtigkeit und kluger Analyse des Zeitgeschehens, der Ton im Wechsel jauchzend und wehm├╝tig. Ein gro├čes Lesevergn├╝gen!

AVIVA-Tipp: Eva Menasses "Quasikristalle" gleicht einer gewaltigen Sanduhr, die unabl├Ąsslich rinnt. Mit ihr in der Hand und gegen sie an rennen die Menschen, allen voran die Protagonistin des Romans Xane Molin. Aber trotz besseren Wissens laufen sie, als st├╝nde am Ende nicht unabwendbar der Tod. Nur manchmal halten sie inne, erschaudern einen Augenblick und nehmen erneut den vergeblichen Kampf auf. Menasse findet daf├╝r eine ├╝beraus lebendige Sprache, am├╝sant und hellsichtig, und tr├Âstet so wunderbar heilsam ├╝ber die Wahrheit hinweg.

Zur Autorin: Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Als Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" begleitete sie in London den Prozess um den Holocaustleugner David Irving. Nach einem Pragaufenthalt arbeitete sie als Kulturkorrespondentin in Wien. Seit 2003 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin. F├╝r ihren Debutroman "Vienna" erhielt sie 2005 den Rolf Heyne Deb├╝tpreis. Nach dem Erz├Ąhlungsband "L├Ąssliche Tods├╝nden" ist "Quasikristalle" nun ihr zweiter Roman.

Eva Menasse
Quasikristalle

Kiepenheuer & Witsch, erschienen Februar 2013
432 Seiten
ISBN: 978-3-46204-513-0
19,99 Euro


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

L├Ąssliche Tods├╝nden von Eva Menasse




Literatur Beitrag vom 26.03.2013 Sonja Baude 





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