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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.03.2013

Ramona Ambs - Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter
Claire Horst

Hinter dem witzigen Titel verbirgt sich eine Geschichte, die eher zum Weinen als zum Lachen reizt. Eine Jugend Anfang der achtziger Jahre: Kaum eine Generation liegt die Shoah zurĂŒck, und fĂŒr Romys



... jĂŒdische Großeltern und ihren Großonkel ist jeder Tag von grauenhaften Erinnerungen an diese Zeit erfĂŒllt.

Zwar haben sie ĂŒberlebt, von ihren Traumata und ihrem Misstrauen können sie sich aber nicht mehr lösen. In dieser angsterfĂŒllten AtmosphĂ€re wĂ€chst Romy auf – ohne Eltern. Zum Vater hat sie kaum Kontakt, und ihre Mutter ist an den Familienerinnerungen zerbrochen: Schon kurz nach Romys Geburt starb sie an Heroin. Schon deshalb möchte Romy ihre geliebten Großeltern schĂŒtzen. Sie haben schon genug Schreckliches erlebt. Dass sie selbst bald wie ihre Mutter an der Nadel hĂ€ngt, verbirgt sie deshalb vor ihnen, so lange es geht.

Es ist wahrscheinlich fast unmöglich, eine Geschichte von Babystrich und Heroin zu erzĂ€hlen, ohne Vergleiche mit "Christiane F." heraufzubeschwören. Und so erinnert auch dieses Buch an die Lebensgeschichte der Berlinerin. Ähnlich wie Christiane fĂŒhlt sich auch Romy nirgends zu Hause, erlebt sie ihre Jugend als eine Zeit der Verletzbarkeit und Einsamkeit. Wie bei Christiane sind auch in Romys Familie die Erwachsenen völlig ĂŒberfordert von der Verantwortung fĂŒr ein Kind. Und anders als Christiane trĂ€gt Romy eine zentnerschwere Last mit sich herum: Die traumatischen Erlebnisse ihrer Familie und anderer JĂŒdinnen und Juden, die die Shoah ĂŒberlebt haben.

Die in der Ich-Perspektive und im PrĂ€sens erzĂ€hlte Coming-of-Age-Geschichte lĂ€sst von Anfang an Schlimmes erwarten. Als kleines MĂ€dchen schnĂŒffelt Romy gern die Farbe, mit der ihr Opa im Keller VogelhĂ€uschen anmalt: "Dann wird alles auf wundersame Weise wohlig." Es kann kaum gutgehen, wenn schon ein Schulkind keinen anderen Weg als Drogen findet, um sich wohlzufĂŒhlen. Und die Betrachtungen des kleinen MĂ€dchens zum Tod ihrer Mutter haben es ebenfalls in sich: "Das Heroin muss eine Krankheit sein oder ein Unfall oder so was. Jedenfalls etwas, woran man stirbt. Also eigentlich so was wie das Leben. Am Leben stirbt man ja auch, wenn man lange genug durchhĂ€lt."

Ganz ĂŒberzeugend ist es zunĂ€chst nicht, dass ein Kind so reden und denken soll. Und wird es dann doch, weil Romys engste Bezugspersonen eben alte und psychisch zerstörte Menschen sind. Onkel Max ist derjenige, der ihr die Welt erklĂ€rt, und seine ErklĂ€rungen dienen kaum dazu, das Leben lieben oder wenigstens meistern zu lernen: "Glaub doch nicht, dass die Schoah vorbei ist. So was Schreckliches geht nie vorbei – es geht weiter in den Köpfen und Herzen der Menschen, die es erlebt haben. Und es geht weiter in ihren Kindern und Kindeskindern, und die Sonne scheint nie mehr golden, sondern nur noch gelb vom Himmel."

Als hĂ€tte das Leben sich vorgenommen, Onkel Max Recht zu geben, geht das Schreckliche tatsĂ€chlich nie vorbei. FĂŒr Romy besteht das Leben aus Einsamkeit und Katastrophen. Und so kommt der Tag, an dem fĂŒr sie die Sonne nur noch mit Heroin golden scheint. Da ist sie in der siebten Klasse.

Die Lakonie, mit der die Ich-ErzĂ€hlerin von ihrem Leben berichtet, ist bedrĂŒckend. Distanziert und wie betĂ€ubt erlebt sie ihre Arbeit auf dem Strich, wo ihr Kinderkörper immer genug Geld fĂŒr den nĂ€chsten Schuss einbringt, immer betĂ€ubter erlebt sie auch persönliche Verluste. EindrĂŒcklich erzĂ€hlt ist diese Geschichte also schon. Und trotzdem funktioniert sie nicht durchgĂ€ngig, weil die Autorin ihrem roten Faden nicht konsequent folgt. So kann sie sich nicht ganz entscheiden, wie sie Romys Verwandte gestalten will. Mal sollen sie unerreichbar sein, mal verhalten sie sich wie extrem einfĂŒhlsame und fĂŒrsorgliche Großeltern, die immer wieder Zeit finden, dem Kind die Welt zu erklĂ€ren. Vielleicht will die Autorin einfach zu viel auf einmal. Sie erzĂ€hlt die Geschichte eines jĂŒdischen MĂ€dchens, das an den Erinnerungen ihrer Großeltern zugrunde geht und an dem Land, in dem sie aufwĂ€chst. Eines MĂ€dchens, das zu empfindsam ist, um weitere Verletzungen ertragen zu können.

Zugleich erzĂ€hlt sie von einem Wunderkind, das neben Drogenprostitution und traurigen Liebesgeschichten, neben erster Liebe und erster Trauer ganz nebenbei das Gymnasium mit sehr guten Noten meistert und dann auch noch in Istanbul landet, wo sie sofort enge Freundinnen findet. Nach ihrer RĂŒckkehr aus Istanbul wird Romy, immer noch minderjĂ€hrig, eine erfolgreiche Malerin und findet sich in GaleristInnenkreisen wieder. Sicherlich ist das Leben oft derart widersprĂŒchlich und wechselhaft. Schade nur, dass Ambs sich nicht die Zeit nimmt, diese vielen StrĂ€nge auszuerzĂ€hlen.

So geht alles sehr schnell im Leben von Romy und im Kopf der Leserin. Denn kaum ist Romy erfolgreich, wird schon klar, dass auch das sie nicht retten kann. Und so bleibt die Schlussfolgerung aus ihrem Leben trist: "GÂŽtt ist sicher auch nur ein Junkie. Das merkt man an seinem schrĂ€gen Humor und gleichzeitig an seiner GleichgĂŒltigkeit." Aushalten lĂ€sst sich das alles nur mit Heroin – denn auch das fĂŒhrt zu GleichgĂŒltigkeit. Von den wenigen lichten Momenten, die Romy in ihrem Leben findet, ist am Ende kaum noch etwas ĂŒbrig geblieben.

AVIVA-Tipp: Die verknappte Sprache der Autorin passt gut zu der dĂŒsteren Welt, in der ihre Heldin um ein Überleben kĂ€mpft. Auf kaum 200 Seiten erzĂ€hlt Ambs die bedrĂŒckende Geschichte einer JĂŒdin im Wirtschaftswunderland Deutschland als die eines weiteren Opfers der deutschen Geschichte. In all seiner Lakonie zieht der Roman die Leserin schnell hinein in diese neue Perspektive auf die Folgen der Shoah.

Zur Autorin: Ramona Ambs wurde 1974 in Freiburg geboren. Ihre Schullaufbahn, mit Stationen in Freiburg und Heidelberg, beendete sie 1995 mit Abitur und Scheffelpreis. Danach studierte sie Germanistik und PÀdagogik an der UniversitÀt Heidelberg. Bereits wÀhrend des Studiums publizierte sie Gedichte und Essays in verschiedenen Anthologien. Seit 2003 arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin. (Verlagsinformationen)

Ramona Ambs
Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter

Ubooks Verlag, Reihe Anti-Pop, erschienen MĂ€rz 2013
128 Seiten
12,95 Euro
ISBN 978-3-939239-46-8


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Literatur Beitrag vom 30.03.2013 Claire Horst 





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