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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.05.2013

Brigitte Salmen - Marianne von Werefkin. Leben f├╝r die Kunst
Dana Strohscheer

"Ich nannte sie den adeligen Stra├čenjungen. Schelm der Russenstadt, im weiten Umkreis jeden Streich gepachtet" - mit diesen Worten hat die Lyrikerin Else Lasker-Sch├╝ler die Malerin in...



... einem ihrer Gedichte gew├╝rdigt.

Denn die russische K├╝nstlerin Marianne von Werefkin war Vordenkerin und Malerin zugleich: sie hielt Zeit ihres Lebens die Arbeit f├╝r die Kunst f├╝r bedeutsamer als ihr pers├Ânliches Wohlergehen, und war gleichzeitig voller Lebensmut und Neugier auf die Welt.

Dieser entschlossenen Frau widmet sich dieser Kunstband, herausgegeben von der ehemaligen Leiterin des Murnauer Schlo├čmuseums Dr. Brigitte Salmen. Werefkins k├╝nstlerische Entwicklung ist eng mit dem bayrischen Ort verkn├╝pft, formte sie doch bei ihren langen Aufenthalten gemeinsam mit befreundeten MalerInnen wie Gabriele M├╝nter und deren Partner Wassily Kandinsky die eigene expressionistische Kunsttheorie weiter aus.

Eine Malerin auf der Suche nach sich selbst

Marianne Wladimirowna Werefkin wird am 29. August 1860 in Tula/Russland in eine russische Adelsfamilie geboren. Ihre Eltern achten darauf, dass die Tochter mehrere europ├Ąische Sprachen lernt und sich eine umfassende kultur- und geisteswissenschaftliche Bildung aneignet. Schon fr├╝h beginnt sie mit der Malerei, ihre Mutter bemerkt, wie talentiert die Tochter ist und gestattet Malunterricht bei PrivatlehrerInnen.

Bereits 1893 zeugt eines ihrer ersten Selbstportraits "In Matrosenbluse" von ihrem Selbstverst├Ąndnis als K├╝nstlerin - in aufrechter Pose schaut Werefkin die BetrachterInnen offen und selbstbewusst zugleich an.

Die junge Frau kommt in Kontakt mit der K├╝nstlerInnengruppe der "Peredweschniki", der "Wandermaler", die es sich Ende des 19.Jahrhunderts abseits der Kulturmetropolen St. Petersburg und Moskau zur Aufgabe machten, das reale Leben der russischen Bev├Âlkerung abzubilden und in der Provinz auszustellen. 1880 lernt sie den bis dato bedeutendsten russischen Maler des Realismus, Ilja Repin, kennen, bei dem sie - da sie als Frau nicht an der Moskauer Kunstakademie studieren durfte - ├╝ber zehn Jahre als Privatsch├╝lerin lernen wird, bis sie sich k├╝nstlerisch neuen Zielen zuwendet und den Realismus hinter sich l├Ąsst.

Privat geht Werefkin eine Verbindung mit dem Offiziersanw├Ąrter Alexej Jawlensky ein, dessen Bekanntschaft sie 1892 macht und der selbst angehender Maler ist. So beginnt eine Beziehung, die sich in den Folgejahren f├╝r beide zu einer Amour fou ausweiten und ihrer beider Handeln weitgehend bestimmen wird.

"Kunst ist Emotion", lautete der Leitsatz der Malerin, was Salmens Band auf unpr├Ątenti├Âse Weise veranschaulicht. So verfolgen die BetrachterInnen die Entwicklung einer jungen, realistisch zeichnenden Frau (sie wurde zeitweilig als der "russische Rembrandt" bezeichnet), die gro├čes Talent offenbart, hin zu einer k├╝nstlerischen Pers├Ânlichkeit mit einem ganz eigenen, ausdrucksstarken Stil.

Durch Auslandsreisen und intensiven Austausch mit anderen K├╝nstlerInnen lernt Werefkin in M├╝nchen Gabriele M├╝nter, die Lebensgef├Ąhrtin Wassiliy Kandinskys und ihn selbst kennen. Sie verbindet eine tiefe Freundschaft, und als das Paar im Jahr 1912 die Kunstvereinigung der "Blaue Reiter" (der auch Erma Bossi, Franz Marc und August Macke angeh├Âren) gr├╝nden und den gleichnamigen Almanach herausgeben, treten auch Werefkin und Jawlensky kurze Zeit sp├Ąter bei.

Jedoch hat sich Werefkin hat sich inzwischen ganz der F├Ârderung der Talente Jawlenskys verschrieben und malt f├╝r fast zehn Jahre selbst keine Bilder mehr. Sie arbeitet in erster Linie theoretisch und gilt mit ihren ├ťberlegungen bis heute als Vordenkerin der klassischen Moderne. Doch kann sie mit ihrer Malabstinenz weder ihren Partner davon abhalten, seine Aff├Ąren zu haben, noch kann sie ihren eigentlichen Wunsch nach der Malerei ganz aufgeben. In einem ihrer "Briefe an einen Unbekannten" schildert sie ihr Dilemma:

"Ich will arbeiten. Das ist wie eine Besessenheit. Ich bin aus tiefstem Herzen ergriffen von dem wilden Wunsch, mit Farbe umzugehen. (...) Bin ich wahre K├╝nstlerin? Ja, ja, ja. Bin ich Frau? Ja, ja, ja. K├Ânnen die beiden gemeinsam marschieren? Nein, nein, nein."

Aufgrund der politischen Situation in Europa am Vorabend des I. Weltkriegs muss Werefkin in die Schweiz ausreisen, wo sie nach der Oktoberrevolution in Russland auch ihren Pensionsanspruch einb├╝├čt. So zeichnet sie Postkarten f├╝r TouristInnen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch hat sie auch Erfolge als K├╝nstlerin: Sie nimmt 1923 an der ersten Bauhausaustellung in Weimar teil.

AVIVA-Tipp: Brigitte Salmen gelingt es, Leben und Werk Marianne Werefkins anschaulich und nachvollziehbar darzustellen. Informativ zeichnet sie ein lebendiges Bild der K├╝nstlerin und den K├Ąmpfen ihrer Zeit. So zeigt sie einmal mehr, dass auch der Expressionismus als Stilrichtung der Klassischen Moderne von klugen Frauen stark beeinflusst wurde, die nur allzu oft in Vergessenheit geraten sind.

Zur Autorin: Brigitte Salmen erhielt 1989 von der bayrischen Marktgemeinde den Auftrag, ein Museumskonzept f├╝r das Schlossmuseum Murnau zu erarbeiten. Mit ihrem Fokus auf die expressionistischen MalerInnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in dem Ort gelebt und gearbeitet hatten, gelang es Salmen, eine breite ├ľffentlichkeit f├╝r das Museum zu begeistern. Im Jahr 1993 ├Âffnete das Museum seine T├╝ren und z├Ąhlte bis dato weit ├╝ber eine Million BesucherInnen. Dar├╝ber hinaus gab Salmen mehrere B├╝cher ├╝ber verschiedene K├╝nstlerInnen heraus, wie "Gabriele M├╝nter malt Murnau" (2006), "Maria Marc im Kreis des Blauen Reiter" (2004, in Zusammenarbeit mit Sandra Uhrig) und auch "Die Maler des Blauen Reiter und Japan" (2011). Im Juli 2011 verabschiedete sich Salmen aus leitender Position in den Ruhestand und ver├Âffentlichte in diesem Jahr ihr Buch ├╝ber Marianne von Werefkin.

Brigitte Salmen
Marianne von Werefkin. Leben f├╝r die Kunst

Hirmer Verlag, erschienen Januar 2013
Gebunden, 132 Seiten
ISBN 13: 978-3777420486
22,99 Euro
www.hirmerverlag.de

Weitere Informationen:

www.mariannevonwerefkin.de

www.fembio.org

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Gudrun Schury - Ich Weltkind. Gabriele M├╝nter. Die Biografie

Else Lasker-Sch├╝ler - IchundIch

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Literatur Beitrag vom 14.05.2013 Dana Strohscheer 





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