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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.11.2013

Joanna Bator ‚Äď Wolkenfern
Bärbel Gerdes

Mit ihrem Roman um zwei starke Frauen entfaltet die mehrfach ausgezeichnete polnische Autorin ("Sandberg") erneut ihr erz√§hlerisches und kompositorisches K√∂nnen. Virtuos √ľbersetzt von Esther Kinsky



Der Griff nach einem Roman entspringt oft der Sehnsucht nach selbstvergessenem Lesen, jenem Lesen, bei dem wir Zeit und Raum hinter uns lassen, bei dem wir klug unterhalten werden und sprachlich verwöhnt, das uns zum Denken anregt.

Bereits mit ihrem mit Preisen √ľberh√§uften Roman Sandberg pr√§sentierte sich die polnische Autorin Joanna Bator als meisterhafte Erz√§hlerin. √úberbordende Phantasie verkn√ľpft sie mit historischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, alles greift in- und √ľbereinander, ver√§stelt sich zu vielen kleinen Geschichten, die doch immer wieder zusammenlaufen.

Auch in ihrem Roman Wolkenfern gibt es neben dem Hauptstrang unzählige Abzweigungen, die jedoch so geschickt miteinander verwoben sind, dass mensch nie die Orientierung verliert.

Dominika liegt nach einem schweren Verkehrsunfall in einer M√ľnchener Spezialklinik im Koma, ins Leben zur√ľckgesungen und ‚Äďgeredet von ihrer Mutter, die sich das erste Mal in der BeErDe befindet, jenem Land, das sie nur aus dem Otto-Katalog kennt.
Anders als gedacht, kehrt Dominika nach ihrem Erwachen nicht nach Polen zur√ľck, sondern bricht mit ihrer Krankenschwester zu einer Reise auf, die sie schlie√ülich nach New York f√ľhrt.

Dominikas Krankenhausaufenthalt erm√∂glichte Grazynka Rozpuch, eine alte Familienfreundin, die als Baby vor der T√ľr eines Frauenpaares, den Teetanten ausgesetzt wurde. Die beiden Frauen, die als Schwestern oder Cousinen ins Dorf kamen, von denen aber bald geargw√∂hnt wird, dass sie in gar keinem richtigen Verwandtschaftsverh√§ltnis zueinander stehen, werden nach anf√§nglicher Skepsis in die Gesellschaft integriert. "An denen, die anders sind als sie, stutzen sie so lange herum, bis sie zurechtgestutzt und ihnen √§hnlich sind, und dann denken sie sich f√ľr sie einen heimeligen Namen aus [...] und sogleich geht es ihnen besser, denn nichts ist so schlimm wie etwas Unbenanntes."

Als die SS in den Ort einzieht, verstecken die beiden Frauen Grazynka in einem Kloster, sie selbst werden verhaftet. Aus dem KZ zur√ľckgekehrt, finden sie die DorfbewohnerInnen im Streit um die H√§user und Besitzt√ľmer der j√ľdischen NachbarInnen vor, T√§terInnen und Opfer leben T√ľr an T√ľr.

Joanna Bators Roman beeindruckt nicht nur durch seine poetische, bildhafte und sinnliche Sprache, sondern ganz besonders durch sein Personal. Noch die unscheinbarste Nebenfigur wird mit einer sich von anderen abhebenden Pers√∂nlichkeit ausgestattet. Es gibt nicht nur Schwarz oder Wei√ü, nicht nur Gut oder B√∂se. Wundersame Menschen begegnen uns: der Fotograf, der auf seinen Fotos den Tod der Portr√§tierten darstellen kann, der sadistische j√ľdische Friseur, der sich im KZ an der Angst der Frauen labt, die Emigrantin, der Dominika t√§glich die Odyssee vorliest.

Im Vordergrund aber stehen starke Frauen, deren Präsenz die der Männer armselig aussehen lässt. Frauen wie Grazynka, die nicht genau weiß, welches ihrer Kinder von welchem Mann ist, der dies aber auch unwichtig ist, Sara, die schwarze Krankenschwester, die irgendwann in Grazynkas kleinem Dorf auftaucht, Frauen, die kurzerhand einen Mann vergiften und ihn beseitigen.

Esther Kinsky, die aus dem Englischen, Russischen und Polnischen √ľbersetzt und selbst als Schriftstellerin ver√∂ffentlicht, hat auch diesen Roman virtuos ins Deutsche √ľbertragen.
Zeitgleich mit dem Erscheinen dieses Romans in Deutschland wurde Joanna Bator f√ľr ihren im vergangenen Jahr erschienen Roman Ciemno, prawie noc, der noch seiner √úbersetzung harrt, mit dem polnischen Nike-Literaturpreis, die wichtigste Literaturauszeichnung Polens, geehrt.

Der Griff nach einem Roman entspringt oft der Sehnsucht nach selbstvergessenem Lesen. Wolkenfern stillt diese Sehnsucht.

AVIVA-Tipp: Auch in ihrem zweiten ins Deutsche √ľbersetzten Roman besticht Joanna Bator durch eine fantastische, humorvolle und kluge Erz√§hlweise.

Zur Autorin: Joanna Bator, geboren 1968, studierte Kulturwissenschaften und Philosophie in Woclaw und publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften. F√ľr ihre Reportage Japonski wachlarz (Der japanische F√§cher) erhielt sie 2005 den Beata-Pawlak-Preis. F√ľr ihren Roman Sandberg, der auch in Deutschland ein gro√üer Erfolg wurde, wurde sie mit dem Preis der Gesellschaft der polnischen Buchverlage ausgezeichnet. 2013 erhielt sie den wichtigen polnischen Nike-Literaturpreis. Joanna Bator lebt in Japan und Polen.

Zur √úbersetzerin: Esther Kinsky, 1956 geboren, ist literarische √úbersetzerin und Autorin von Prosa und Lyrik. Unter anderem √ľbersetzte sie Werke von Olga Tokarczuk, Zygmunt Haupt und Hanna Krall. 2013 erschienen von ihr der Gedichtband Naturschutzgebiete sowie Fremdsprechen ‚Äď Gedanken zum √úbersetzen. Esther Kinsky lebt in Berlin und S√ľdungarn.

Joanna Bator
Wolkenfern

Originaltitel: Chmurdalia im Verlag W.A.B., Warschau
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Suhrkamp Verlag, erschienen Herbst 2013
499 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-518-42405-6
24,95 Euro

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks




Literatur Beitrag vom 13.11.2013 B√§rbel Gerdes 





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