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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.11.2013

Jennifer Egan - Black Box
Lea Albring

Die Entstehung eines literarischen Textes könnte kaum absurder sein: Die 47 kurzen Kapitel des Buches setzen sich aus Tweets zusammen, die die Autorin zu einem dystopischen Agentinnenthriller mit..



... rasantem Erz√§hltempo und medienkritischer Absicht verbindet ‚Äď ein furioses Experiment √ľber die Strapazierf√§higkeit von Literatur und Erz√§hltechnik.

Das Diktat der 140 Zeichen

Unbestritten ist Jennifer Egan eine virtuose Erz√§hlerin, spielend leicht wechselt sie die Perspektive, verwebt einzelne Handlungsstr√§nge geschickt miteinander und durchbricht eine lineare Geschichte immer wieder mit Vor- und R√ľckblenden ‚Äď kaum etwas davon findet sich in ihrem neuen Buch "Black Box". Und dennoch ist es ein Meisterst√ľck der Erz√§hlkunst, das aufzeigt, was Literatur leisten kann.
Als die Autorin beschloss, eine Geschichte zu schreiben, die sie via Twitter h√§ppchenweise in die Weiten des WWW hinausschickte, startete sie ein sprachliches Experiment. Als alle Tweets gesendet sind und die Geschichte komplett ist, wird sie im Juni 2012 erst geb√ľndelt im "New Yorker" und anschlie√üend in Buchform ver√∂ffentlicht.
Es ist legitim zu fragen, warum sich die Pulitzer-Preistr√§gerin dem Diktat der 140 Zeichen aussetzt? Ausgerechnet sie, deren erfolgreichster Roman "Der gr√∂√üere Teil der Welt" der beste Beweis daf√ľr ist, dass sie ihren Geschichten und Charakteren viel Raum und Zeit f√ľr Entwicklungen l√§sst. Wider Erwarten gehen Social Media und Kunst bei Egan allerdings nicht Hand in Hand, ihr aktuelles Werk ist vielmehr ein Kr√§ftemessen zwischen Literatur und moderner Kommunikationstechnik. Es ist, als wolle sie sagen: Seht her, (meine) Kunst kennt keine Grenzen.

Ein dystopischer Stream of Consciousness

Schon die ersten Seiten machen deutlich: Nicht die Form, sondern Erz√§hlmodus und Inhalt animieren zum Weiterlesen. Der lebensgef√§hrliche Einsatz einer Spionageagentin wird aus einer distanzierten Perspektive beschrieben, die sich als Mischung von externen Anweisungen und den Gedanken der Agentin erweisen. Diese dystopische Vision eines Stream of Consciousness offenbart das Innenleben eines technisch aufger√ľsteten K√∂rpers, der mit High-Tech-Implantaten zu einer Menschmaschine geworden ist: "Denk daran, dass zu viel Denken sinnlos ist. / Beim Denken wirst du merken, dass diese als Hilfe gedachten `Feldinstruktionen¬ī immer weniger hilfreich sind. / Deine eigenen Feldinstruktionen werden in einem Chip unter deinem Haaransatz gespeichert." In diesem Sinne zeichnet der Text eine Zukunft von vertechnisierten K√∂rpern, die Kameras im Auge und √úbertragungskabel zwischen den Zehen implantiert haben. Als "Black Box" degradiert ist die Agentin kaum mehr als intelligenter Informationstr√§ger, ein USB-Stick mit Emotionen.

Die Form unterst√ľtzt den Inhalt

Es ist kein Zufall, dass sich die Kritik an Technik und modernen Medien in das Gewand von Twitter-Eintr√§gen h√ľllt ‚Äď die Form spiegelt den Inhalt, die kurzen Textnachrichten beschleunigen die Handlung und reflektieren die Schnelllebigkeit der Medienwelt. In vielen Tweets wirft Egan implizit und manchmal auch ganz explizit einen mahnenden Blick auf die Lebensumst√§nde und Begleiterscheinungen unserer rasend schnellen Kommunikationswelt, wenn es etwa hei√üt: "Man darf getrost davon ausgehen, dass ein beleuchtetes Display seinen Benutzer von einem Blitzlicht in einiger Entfernung ablenken wird." S√§tze wie "Du musst jeden Tag genau √ľberlegen, welches der beste Zeitpunkt zum Senden des Signals ist" oder "Die Technik hat ganz gew√∂hnlichen Menschen die M√∂glichkeit er√∂ffnet, zu einem Stern im Kosmos glanzvoller Leistungen zu werden" erfahren auf dem Boden von Medien- und Gegenwartskritik eindeutig eine doppelte Lesart.

Ein modernes Gedicht

Die Agentin, die auf einen nicht weiter konturierten brutal-m√§chtigen Mann angesetzt ist, befindet sich best√§ndig im Modus der Selbst- und Fremdanalyse ‚Äď auch dies karikiert die Ausw√ľchse von Social Media, denn ein Leben im Hyperreflexionsmodus f√ľhren in Zeiten von Facebook-Postings und Twitter-Nachrichten l√§ngst nicht mehr nur Agentinnen, die Angst davor haben, enttarnt zu werden. Egan gelingt es, die kombinierten Twitter-Texte derart zu verdichten, dass sie die Belanglosigkeit, die von der Form erzwungen wird, in ihr Gegenteil verkehrt. Jedes Wort ist bewusst gew√§hlt, jeder Kurztext ist wichtig. Die Kombination der Nachrichten erschafft eine rasend spannende Geschichte, die auf wenigen Seiten sehr viel sagt. "Black Box" ist keine Sammlung von Tweets, wie sie jede/r erstellen k√∂nnte, sondern ein modernes Gedicht, das sowohl √ľber die Bedingungen von Kunst als auch √ľber unsere multimediale Gegenwart sinniert ‚Äď ein echtes Kunstst√ľck.

AVIVA-Tipp: Auch in ihrem aktuellen Buch erprobt Egan neue Wege des Erz√§hlens. Mit ihrer Geschichte im Twitter-Stil hat sie etwas geschaffen, was es so noch nicht gab: Aus Einzelst√ľcken strickt sie eine koh√§rente Erz√§hlung, wobei viele Tweets aus dem Kontext gerissen auch f√ľr sich stehen k√∂nnen. Die k√ľnstlerische Interpretation von 140 Zeichen zeigt eindrucksvoll, dass scharfsinnige, pr√§gnante Literatur auch auf engstem Raum m√∂glich ist.

Zur Autorin: Jennifer Egan wurde 1962 in Chicago geboren und wuchs in San Francisco auf. Neben ihren Romanen und Kurzgeschichten, von denen einige verfilmt wurden, schreibt sie f√ľr den New Yorker sowie das New York Times Magazine und lehrt an der Columbia University Creative Writing. F√ľr ihren Roman "Der gr√∂√üte Teil der Welt" erhielt sie den Pulitzerpreis. Jennifer Egan lebt mit ihrer Familie in Brooklyn, NY. (Quelle: Verlagsinformationen)
Die Autorin im Netz: www.jenniferegan.com


Jennifer Egan
Black Box

Originaltitel: Black Box
√úbersetzt von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co Verlag, erschienen August 2013
96 Seiten. Gebunden.
9, 95 Euro
ISBN: 978-3-89561-251-0
www.schoeffling.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt




Literatur Beitrag vom 18.11.2013 Lea Albring 





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