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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 30.05.2014

Sarah Crossan - Die Sprache des Wassers
BĂ€rbel Gerdes

So viel Klugheit, Emotion, sprachliche Brillanz in einem kleinen Band! Die irische Schriftstellerin schreibt in ihrem Versroman einer Auswanderung von der Bedeutung des Fremdseins und dem GlĂŒck...



... des Schwimmens.

Nominiert vom Deutschen Jugendliteraturpreis, Jugendbuch des Monats MĂ€rz 2014 der Deutschen Akademie fĂŒr Kinder- und Jugendliteratur, LUCHS des Monats Februar 2014 
 dies ist nur eine Auswahl der Auszeichnungen, die Sarah Crossan fĂŒr Die Sprache des Wassers in Deutschland einheimste. Hinzu kommen zahlreiche internationale Preise, und das fĂŒr ein Buch, das schon durch seinen Stil auf sich aufmerksam macht.

Es besteht aus zahlreichen, sehr kurzen Kapiteln, die manchmal nur eine halbe Seite fĂŒllen. Der Text ist in Versform verfasst, es sind freie, reimlose Verse. Auf diesem knappen Raum aber ver-dichtet die Autorin das Drama eines fast dreizehnjĂ€hrigen MĂ€dchens zu einem komplexen Werk.

Kasienka reist mit ihrer Mutter und nur einem Koffer und einem alten WĂ€schesack vom polnischen Gdansk nach London. Ihr Vater hat die Familie unerwartet verlassen, die Mutter möchte ihn suchen und zurĂŒck holen. Schon die Ankunft in London-Stansted ist unsentimental und kalt, hat es je eine AuswandererInnenromantik gegeben, so ist sie hier nicht vorhanden:
"Nichts auch nur annÀhernd so Romantisches
wie ein Blick auf
die Freiheitsstatue
heißt uns willkommen."


Die beiden finden eine Einzimmerwohnung in Coventry, die Mutter arbeit in einem Krankenhaus, Kasienka geht zur Schule. Aber statt in die sechste Klasse wird sie in die fĂŒnfte zu lauter ElfjĂ€hrigen geschickt, obgleich sie den anderen in Vielem weit voraus ist. Ihr Name wird in Cassie umbenannt, sie ist "die Fremde" in der Klasse, die nicht dazugehört.

Sarah Crossan beschreibt eindrucksvoll, was Ausgrenzung und Mobbing mit einem Menschen machen. FeinfĂŒhlig fĂŒhrt sie der Leserin den Spagat zwischen Abgrenzung gegen diese Ungerechtigkeiten und dem BedĂŒrfnis und Wunsch, dazuzugehören und eine von ihnen zu sein, vor Augen. Klug reflektiert sie Kasienkas widersprĂŒchliche GefĂŒhle, als eine weitere Fremde in die Klasse kommt:
"Du bist die Neue in der Klasse
und vielleicht werden sie dich hassen,
anstatt mich."


Die TĂ€terinnen sind MĂ€dchen, die einfach nur feindselig sind und sich alle möglichen QuĂ€lereien ausdenken, aber auch jene vom Mitleidsclub, die sich umdrehen und weggucken, die am Mobbing nicht teilnehmen, aber auch nicht einschreiten dagegen, sondern nur mitleidige Blicke hinĂŒber schicken:
"Also -
sie sind nicht grausam.
Sie sind der Mitleidsclub.
Und ich weiß nicht, was schlimmer ist:
Mitleid oder Verfolgung."


Derweil verliert sich die Mutter in den Straßen Coventrys auf der Suche nach ihrem Mann. Kasienka muss sie als Übersetzerin begleiten. Die beiden klingeln buchstĂ€blich an jeder TĂŒr, grasen Straße fĂŒr Straße ab.

Lichtblicke in dieser tristen und ablehnenden Welt sind der Nachbar Kanoro, der als Putzmann in einem Krankenhaus arbeitet – ein ausgebildeter Kinderarzt aus Kenia - und William, ein Junge, in den sich Kasienka verliebt und der ihr rĂ€t, fĂŒr sich selbst einzustehen. Behutsam und sehr langsam nĂ€hern sich Mutter und Tochter dem fremden Nachbarn an, was eine Parallele in der AnnĂ€herung zwischen William und Kasienka findet.

Ihr grĂ¶ĂŸtes GlĂŒck und ihre grĂ¶ĂŸte Kraft aber erhĂ€lt Cassie durch das Schwimmen. Das MĂ€dchen ist eine leidenschaftliche und talentierte Schwimmerin. Das Wasser ist ihr Zuhause:
"Das Wasser ist eine eigene Welt,
ein Land mit seiner eigenen Sprache,
und die spreche ich fließend."


Die Wassermetaphorik findet sich im gesamten Buch: im Eintauchen in ein neues Land, in eine neue Sprache, im Eintauchen in eine neue Liebe und vielleicht einer neuen IdentitÀt. Und wie im Wasser muss Kasienka auch im realen Leben lernen, sich selbst zu vertrauen
"Ich muss Vertrauen in mich haben,
in das Element
und in meinen Körper,
in die Kraft jedes Körperteils.


Draußen am Beckenrand mag ich hĂ€sslich sein,
aber wenn ich in SchwimmzĂŒgen spreche,
bin ich wunderschön."


AVIVA-Tipp: Sarah Crossan hat einen poetischen, stillen, dabei niemals kitschigen Jugendroman ĂŒber Emigration, Erwachsenwerden und Selbstbehauptung geschrieben, der sicherlich auch fĂŒr Erwachsene sehr lesenswert ist und manchen Emigrationsroman in den Schatten stellt. Die Übersetzerin Cordula Setzman hat den Text mit viel GespĂŒr fĂŒr die Poesie des Originals ins Deutsche ĂŒbertragen.

Zur Autorin: Sarah Crossan wuchs in Irland und England aus, studierte Philosophie und Literatur, hat einen Masterabschluss in Creative Writing und arbeitete als Englisch- und Schauspiellehrerin an der Cambridge University, bevor sie freie Schriftstellerin wurde. Crossan schreibt BĂŒcher fĂŒr Kinder und Erwachsene, einige ihrer Lieblingsautorinnen sind Virginia Woolf , Jeannette Winterson und Margaret Atwood. Sie lebt in London.
www.sarahcrossan.com

Zur Übersetzerin: Cordula Setzman, 1975 in Niedersachsen geboren, ist freie Kinder- und Jugendbuchautorin und Übersetzerin. Studium der Anglistik, Skandinavistik und Germanistik in TĂŒbingen. LangjĂ€hrige TĂ€tigkeit im Lektorat verschiedener Kinder- und Jugendbuchverlage. Setzman lebt in FĂŒrth.


Sarah Crossan
Die Sprache des Wassers

Originaltitel: The Weight of Water
Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Cordula Setzman
mixtvision Verlag, erschienen im Juli 2013
232 S.
ISBN 978-3939435846
13,90 Euro
www.mixtvision-verlag.de

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks

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Rena Dumont – Paradiessucher



Literatur Beitrag vom 30.05.2014 BĂ€rbel Gerdes 





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