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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.10.2014

Lola Lafon - Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte
Helga Egetenmeier

Ein kleines zerbrechliches M√§dchen wird weltweit begeistert gefeiert, als es mit riskanten Turn√ľbungen mehrere Goldmedaillen f√ľr das kommunistische Rum√§nien einsammelt. Mit ihrer fiktionalen...



...Biografie √ľber den Turnstar Nadia Comaneci aus diesem im Westen bis dahin kaum bekannten Land, geht die Autorin Lola Lafon der Frage nach, wie gesellschaftliche R√§ume den weiblichen K√∂rper formen und welche Wege Frauen offen stehen.

Den LeserInnen d√ľrfte Rum√§nien durch die Literaturnobelpreistr√§gerin Herta M√ľller und deren literarische Auseinandersetzung mit der Ceausescu-Diktatur bekannt sein. Eine zu dieser Zeit prominente Vertreterin dieses Staates portr√§tiert Lola Lafon mit der Leichtathletin Nadia Comaneci, indem sie deren √∂ffentlich zug√§ngliche Daten interpretiert und darauf eine fiktive Biografie aufbaut.

Die erste "perfekte 10,0" einer Olympiade

Nadia Comaneci wurde am 12.November 1961 in Onesti/Rum√§nien geboren und als sechsj√§hriges M√§dchen von Trainer Bela Karoly f√ľr seine weibliche Leichtathletikmannschaft entdeckt. Unter seinem strengen Training, begleitet von einem enthaltsamen Leben, holte sie bei zwei Olympiaden (1976, 1980) f√ľnf Goldmedaillen, und ging in die Sportgeschichte als erste Turnerin mit der sensationellen Bestnote von 10,0 ein.

"Wie soll man von einem kleinen M√§dchen berichten, das gef√§hrliche √úbungen herunterbetet wie Kinderreime, die es bald √ľber hat?" fragt sich die Autorin und schreibt lebhaft und mit sp√ľrbar gro√üer Neugier an dieser faszinierenden Biographie, auf deren Figur sie erst nach einigen Recherchen √ľber "Bewegung als Sprache des Lebens und des weiblichen K√∂rpers" gesto√üen ist.

Weibliches Sportwunder in der Diktatur

"Als ich klein war und die Leute erfuhren, dass ich sechs Stunden am Tag trainierte, war ich dieses ¬īarme kleine M√§dchen¬ī. W√§re ich ein Junge gewesen, h√§tte mich niemand bedauert, oder?", verteidigt sich Nadia und bekr√§ftigt ihren eigenen Ehrgeiz und Willen zur Turnerinnenkarriere. Mit ihrem ernsthaften Auftreten sorgte das sportliche Wunderkind Rum√§niens auch im Westen f√ľr eine Ver√§nderung des Selbstbilds junger M√§dchen, die nun ebenfalls ernst genommen werden wollten.

Immer wieder befragt die in Bukarest geborene Journalistin, Schriftstellerin und Musikerin, selbst ehemalige T√§nzerin, durch ihre Kunstfigur auch sich selbst nach ihrer Vorstellung eines Lebens zwischen dem rum√§nischen Geheimdienst Securitate und dem kindheitsopfernden Drill der Sportschule. Doch die Nadia des Romans l√§sst sich nicht beirren und steht zu ihrem Leben: "Was von dem, was man zwischen sechs und sechzehn macht, habe ich verpasst? H√§tte ich euer normales Leben gef√ľhrt, was w√§re ich dann heute?"

Auch westliche Staatsm√§nner nutzten die PR-Kraft des prestigetr√§chtigen Turnidols und lie√üen sich mit ihr von der Weltpresse ablichten. "Alle Sportler, die gewinnen, sind politische Symbole. Sie werben f√ľr Systeme. Damals der Kommunismus, heute der Kapitalismus." erkl√§rt die literarische Nadia heute im R√ľckblick auf ihre Popularit√§t in Rum√§nien.

Die kleine Fee wird zur Frau

Als Nadia Comaneci 1981 ihren R√ľcktritt erkl√§rt, ist sie bereits 20 Jahre alt und ihr K√∂rper zeigt deutlich feminine Formen. Die Presse beleidigt sie, ihr Trainer lehnt ihren "plumpen, fetten K√∂rper" ab und auch in der Leichtathletik hat die ausgewachsene Frau gegen die konkurrierenden androgynen M√§dchenk√∂rper immer weniger Chancen. "Sie m√∂chte einfach ihren Weg weitergehen, aber auch den Weg hat die ¬īKrankheit¬ī ver√§ndert, ihn mit neuen Problemen und Gefahren gespickt." begr√ľndet die erwachsene Nadia den Schrecken ihrer Menstruation und Pubert√§t.

Ebenfalls 1981 ger√§t der Staat Rum√§nien an den Rand der Zahlungsunf√§higkeit und muss bei seinen ausl√§ndischen Gl√§ubigern um eine Umschuldung ersuchen. Bis zum Ende der Ceausescu-Diktatur im Dezember 1989 folgt daraus eine Zeit gro√üer Armut, ein striktes Abtreibungsverbot, verbunden mit einem faktischen Geb√§rzwang und einer steigenden Macht des Geheimdienstes. Im November 1989 flieht Nadia Comaneci √ľber die Gr√ľne Grenze bis in die USA. Lafon deutet an, dass die Flucht der Sportikone ein weiterer Impuls f√ľr den endg√ľltigen Zusammenbruch der Diktatur gewesen sein k√∂nnte.

AVIVA-Tipp: Mit ihrem Kunstgriff, gleichzeitig eine romanhafte Biografie einer mehrfachen Olympiasiegerin zu schreiben und eine fiktive Auseinandersetzung mit der Portr√§tierten zu f√ľhren, gelingt es Lola Lafon, ihre Interpretationen f√ľr weitere Deutungen zu √∂ffnen und dennoch eine schl√ľssige Figur der Nadia Comaneci zu entwickeln. Dadurch wird aus dem mit leichter Hand und viel Gef√ľhl geschriebenem Roman eine lebendige Geschichtsstunde, die anhand der Entwicklung eines kleinen M√§dchens die Verflechtungen zwischen dem weiblichen K√∂rper, sportlichem Ehrgeiz und der rum√§nischen Diktatur w√§hrend des Kalten Krieges beleuchtet.

Zur Autorin: Lola Lafon, geboren 1975, wuchs in Sofia, Bukarest und Paris auf. Nach einer kurzen Karriere als Tänzerin widmete sie sich dem Schreiben und Singen. Heute arbeitet sie als Journalistin, Schriftstellerin und Musikerin in Paris und bezieht immer wieder Stellung zu aktuellen politischen Themen. Mit "Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte" erscheint ihr erster Roman auf Deutsch. Er löste in Frankreich eine Welle der Begeisterung bei Kritik und Publikum aus.
Mehr Infos unter: www.lolalafon.org

Zur √úbersetzerin: Elsbeth Ranke √ľbersetzte unter anderem die chinesisch-franz√∂sische Schriftstellerin Shan Sa und H√©l√©ne de Beauvoir, f√ľr die Jean Rouauds-√úbersetzung von "Schreiben hei√üt, jedes Wort zum Klingen bringen" wurde sie 2004 mit dem Andr√©-Gide-Preis ausgezeichnet.

Lola Lafon
Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte

Originaltitel: La petite communiste qui ne souriait jamais
√úbersetzerin: Elsbeth Ranke
Piper, erschienen September 2014
Hardcover, gebunden mit Lesebändchen, 280 Seiten
ISBN-13: 978-3492056700
19,99 Euro
www.piper.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Herta M√ľller - Lebensangst und Worthunger

Carmen-Francesca Banciu - Das Lied der traurigen Mutter

Illegale Abtreibung im Ceausescus Rumänien

Weitere Infos unter:

NZZ-Interview mit Nadia Comaneci (2012): www.nzz.ch


Literatur Beitrag vom 24.10.2014 Helga Egetenmeier 





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