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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.06.2015

Selma Lagerlöf - Die Löwenskölds. Holger Wolandt - Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt. Eine Biografie
Doris Hermanns

Zum 75. Todestag der schwedischen Autorin, die als erste Frau den Nobelpreis f√ľr Literatur erhielt, sind im Fr√ľhjahr 2015 eine Biografie und die Neuauflage der Trilogie "Die L√∂wenk√∂lds" erschienen.



Die Biografie von Holger Wolandt versucht anhand der vor kurzem ver√∂ffentlichten Briefe an Lagerl√∂fs Mutter und ihre beiden Geliebten einen "neuen, frischen Blick" auf die Autorin zu werfen. Er l√§sst sie soweit m√∂glich selber in ausf√ľhrlichen Zitaten zu Wort kommen, was die St√§rke dieser Biografie ausmacht. Immer wieder nimmt sie darin Bezug zu den aktuellen Entwicklungen in ihrem Leben.

In groben Z√ľgen d√ľrfte ihr Leben bekannt sein: Selma Lagerl√∂f stammte aus einer entlegenen Ecke V√§rmlands in Mittelschweden, wo sie auf dem Gut M√•rbacka aufwuchs. Sie ging zum Lehrerinnenseminar in Stockholm und arbeitete anschlie√üend zehn Jahre an einer Schule in Landskrona. W√§hrend dieser Zeit fing sie ernsthaft an zu schreiben und ver√∂ffentlichte 1891 ihr Erstlingswerk G√∂sta Berling. Dass das Schreiben im Mittelpunkt ihres Lebens stand, hatte Selma Lagerl√∂f bereits als Kind gewusst: "Irgendwann einmal w√ľrde die Familie (...) eine echte Begabung hervorbringen. Ich m√∂chte annehmen, dass ich das bin, denn es ist n√∂tig, dass man an sich selbst glaubt. Denk dir, dass ich das von mir geglaubt habe, seit ich acht Jahre alt war. Das war das Zentrale in meinem Leben, und nicht Liebe oder ein Zuhause wie f√ľr andere Frauen."

Lieben gab es aber durchaus in ihrem Leben, da war erst einmal die weniger erfolgreiche Schriftstellerkollegin Sophie Elkan, sp√§ter dann auch noch die Lehrerin Valborg Olander. Dabei ist es immer wieder st√∂rend, wenn der Autor die Partnerinnen von Lagerl√∂f wider besserem Wissens als "beste Freundin" bezeichnet. Wie wenig er mit den Liebesbeziehungen der Frauen umzugehen wei√ü, zeigt sich bei seiner Einf√ľhrung der zweiten Liebe Lagerl√∂fs, Valborg Olander. Hatte er bei Sophie Elkan noch das von ihr geforderte "hands off" thematisiert, so fehlt hier jegliche Einsch√§tzung, wie es sich damit in dieser Beziehung verhielt. Hier ist auf eine baldige √úbersetzung der B√§nde mit Briefen von Lagerl√∂f an ihre Geliebten zu hoffen.

Bereits 1895 konnte Lagerl√∂f ihre Stelle als Lehrerin aufgeben und sich ganz dem Schreiben widmen: "Ich habe das Gef√ľhl, ohne Inhalt zu sein. Also schreibe ich, um meine leere Seele zu f√ľllen, und ich bin eine Weile reich, aber kurz darauf beginnt die Leere von Neuem. Ich habe Angst, dass das alle sehen werden und mich dann weiter nicht ertragen k√∂nnen."

Es folgten ber√ľhmte Romane wie Die Wunder des Antichrist und Jerusalem. Vor allem aber mit dem Kinderbuch Die wunderbaren Reisen des kleinen Nils Holgersson mit den Wildg√§nsen erlangte sie Weltruhm. 1909 erhielt Lagerl√∂f als erste Frau den Nobelpreis f√ľr Literatur und 1914 wurde sie zum ersten weiblichen Mitglied der Schwedischen Akademie gew√§hlt. Mit dem Geld, das sie f√ľr den Nobelpreis erhielt, konnte sie das Gutshaus von M√•rbacka zur√ľckkaufen, auf dem sie aufgewachsen war.

Neben dem Schreiben ihrer Romane reiste sie immer wieder viel und engagierte sich in der Frauenbewegung. Im Ersten Weltkrieg half Selma Lagerl√∂f Fl√ľchtlingskindern durch Spenden und Eigenengagement. Im Zweiten Weltkrieg beteiligte sie sich an einem Komitee zur Rettung j√ľdischer Fl√ľchtlinge aus Deutschland ‚Äď insbesondere f√ľr Frauen und Kinder. So half sie auch der deutsch-j√ľdischen Schriftstellerin Nelly Sachs nach Schweden zu fliehen und rettete ihr damit das Leben.

Zum Einstieg in Selma Lagerl√∂fs literarisches Werk kann nun ihre Trilogie Die L√∂wensk√∂lds gelesen werden. Der erste Teil ‚Äď Der Ring des Generals - ist im Wesentlichen eine Art Gespenstergeschichte: Ein Ring wird aus einem Grab gestohlen, woraufhin die Diebe mit einem Fluch belegt werden, der sich √ľber mehrere Generationen auswirkt und auch im zweiten Teil ‚Äď Charlotte L√∂wensk√∂ld - eine Rolle spielt. Dieser ist jedoch inhaltlich sehr viel abwechslungsreicher. Es ist ein spannender historischer Roman, in dem es √ľber alle Standesgrenzen hinweg zu den wildesten Verwicklungen kommt und immer wieder zu geplanten und ungeplanten Missverst√§ndnissen. Religion spielt hierbei ebenso eine gro√üe Rolle wie Humor. Ein Hilfspfarrer verliert das Vertrauen in seine langj√§hrige Verlobte und beschlie√üt, die erste Frau zu heiraten, die ihm begegnet. Aber egal, was die Hauptpersonen auch wollen, es scheint immer ganz anders zu kommen. Es war wie verhext: "Sie hatte ein unheimliches Gef√ľhl, als werde sie wie ein gefesselter Gefangener irgendeinem Ziele zugef√ľhrt, das sie nicht kannte. Alles, was sie vermeiden wollte, das musste sie tun, alles, was sie zu verhindern suchte, gerade das musste sie f√∂rdern." Der abschlie√üende Band ‚Äď Anna, das M√§dchen aus Dalarne ‚Äď f√ľhrt die Geschichte aus dem zweiten fort und erz√§hlt darin haupts√§chlich, wie sich die zuf√§llig getroffene, verheiratete und sp√§ter sitzen gelassene Frau aus einem anderen Landstrich weiter durch das Leben schl√§gt.

Es ist ein wunderbar erz√§hlter Roman, der deutlich macht, welch hervorragende Geschichtenerz√§hlerin Lagerl√∂f war. Ihre Erz√§hlkunst scheint sich aus der Tradition des m√ľndlichen Erz√§hlens entwickelt zu haben und auch ihre starken Frauenfiguren geben dies weiter: "Wieviel ist daran wahr? Die eine Erz√§hlerin hat sie von der anderen geerbt, die eine hat etwas dazu getan, die andere etwas weggelassen. Aber enth√§lt sie nicht wenigstens einen kleinen Kern Wahrheit? Macht sie nicht den Eindruck, die Schilderung von etwas zu sein, was sich wirklich zugetragen hat?"

AVIVA-Tipp: Die L√∂wensk√∂lds ist ein gro√üartiger, vielschichtiger Roman, der nicht nur deutlich macht, welch hervorragende Geschichtenerz√§hlerin Lagerl√∂f war, sondern auch neugierig auf weitere Romane von ihr macht. Die Biografie bietet sich als Hintergrund an, da sie aufzeigt, wie sehr Lagerl√∂f trotz aller Weltoffenheit ihrer Heimat verbunden blieb, was in ihren Romanen sp√ľrbar ist.

Zur Autorin: Selma Lagerl√∂f kam 1858 auf dem Gut M√•rbacka in der entlegenen schwedischen Provinz V√§rmland zur Welt. Mit 23 Jahren ging sie gegen den Willen ihres Vaters nach Stockholm, um das Lehrerinnenseminar zu besuchen, und war danach zehn Jahre Lehrerin in Landskrona am √Ėresund. Abende und N√§chte hindurch schrieb sie und erschien morgens, so wird √ľberliefert, mit tintenfleckigen Fingern zum Unterricht. 1891 erschien ihr Erstlingswerk G√∂sta Berling, und wenige Jahre sp√§ter konnte sie bereits als freischaffende Schriftstellerin leben und sich auf ausgedehnten Reisen die Welt erobern. Am 16. M√§rz 1940 starb sie auf ihrem Gut M√•rbacka.

Zum Autor: Holger Wolandt, geboren 1962 in W√ľrzburg, studierte Nordische Philologie in M√ľnchen und lebt seit vielen Jahren als √úbersetzer, Herausgeber und Autor in Stockholm. Er ist Herausgeber einer Auswahl der Erz√§hlungen Selma Lagerl√∂fs in drei B√§nden (dtv).

Zu den √úbersetzerinnen:
Marie Franzos
(1870-1941), geb√ľrtige Wienerin und Nichte des Schriftstellers Karl Emil Franzos, einem j√ľdisch-√∂sterreichischen Schriftsteller und Publizisten. Marie Franzos √ľbersetzte die Werke der gro√üen skandinavischen SchriftstellerInnen wie Ellen Key, Selma Lagerl√∂f und Hermann Bang. Sie hatte sich autodidaktisch mehrere Sprachen angeeignet und bot neben zahlreichen √úbersetzungsarbeiten Vortr√§ge √ľber skandinavische Literatur an und war auch als Schriftstellerin t√§tig. Als J√ľdin wurde sie unter den Nationalsozialisten verfolgt. Leider sind √ľber Marie Franzos heute kaum Informationen verf√ľgbar, so ist AVIVA-Berlin auch nicht bekannt, unter welchen Umst√§nden sie 1941 in Wien starb. (Quelle: Library Mistress, √Ėsterreich)
Pauline Klaiber-Gottschau (1855-1944) wurde 1855 als Pfarrerstochter in Frauenzimmern bei Brackenheim geboren. 1918 heiratete sie Professor Dr. Max Gottschau, mit dem sie anfangs in W√ľrzburg lebte. Von 1925 bis zu ihrem Tod 1944 lebte sie in Stuttgart. Sie √ľbersetzte Literatur aus dem Schwedischen, Norwegischen, D√§nischen und Englischen, so z.B. Werke von Selma Lagerl√∂f, Sophie Elkan, Evy Fogelberg, Ingeborg Maria Sick und Knut Hamsun.



Selma Lagerlöf
Die Löwenskölds. Roman-Trilogie

Aus dem Schwedischen von Marie Franzos und Pauline Klaiber-Gottschau
Mit einem Nachwort von Holger Wolandt
Verlag Urachhaus, erschienen 2015
Gebunden mit Umschlag. 720 Seiten
ISBN 978-3-8251-7912-0
Euro 24,90
www.urachhaus.de



Holger Wolandt
Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt. Eine Biografie.

Verlag Urachhaus, erschienen 25. Februar 2015
Gebunden mit Umschlag. 319 Seiten
ISBN 978-3-8251-7913-7
Euro 22,90
www.urachhaus.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

150. Geburtstag von Selma Lagerlöf am 20. November 2008 (AVIVA-Berlin wirft einen Blick auf Leben und Werk der Schriftstellerin Selma Lagerlöf)


Barbara Sichtermann - 50 Klassiker Schriftstellerinnen


Die Biografie von Selma Lagerlöf auf Fembio: www.fembio.org


Literatur Beitrag vom 17.06.2015 Doris Hermanns 





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