Agnes Martin. Herausgegeben von Tiffany Bell und Frances Morris. Retrospektive in der Tate London und im K20 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 24.07.2015


Agnes Martin. Herausgegeben von Tiffany Bell und Frances Morris. Retrospektive in der Tate London und im K20
Clarissa Lempp

Agnes Martin ist in den USA eine der wichtigsten und konsequentesten Figuren der abstrakten Malerei. In Europa immer noch wenig rezipiert, gilt es nun die Meisterin der stillen Farben zu entdecken..




... mit dem begleitenden Kunstband aus dem Hirmer Verlag und in der Retrospektive der Kunstsammlung Düsseldorf vom 07.11.2015 bis 06.03.2016 in Zusammenarbeit mit dem Tate Museum London.

Agnes Martin wurde 1912 in Kanada geboren, lebte in New York und fand schließlich ihren persönlichen und kreativen Frieden in New Mexico. Nach ihrem Studium an der Columbia University machte sie sich zunächst einen Namen als Galeristin. Bereits Mitte der 1950er Jahre wechselte sie selbst zur abstrakten Malerei. Ihre nachfolgende Schaffenszeit lässt sich in zwei Phasen einteilen, die nicht zuletzt durch biographische Brüche getrennt sind. Martin wurde in den 1960er Jahren mit einer Schizophrenie diagnostiziert und verließ daraufhin New York und zunächst auch die Kunstwelt. Erst als sie in New Mexico einen kleinen Landbesitz für sich eroberte, begann sie auch wieder zu malen.

Wo sie am Anfang noch nach Formen suchte, zu Beginn weiche, fast organische und später geometrische bevorzugend, überzeugen ihre Arbeiten der zweiten Periode durch eine leichte, heitere, pastellfarbene Leere, die durch Striche und Flächen Struktur erhält. Mit dem Umzug nach New Mexico begann Martin auch ihre eigenen Reflektionen zu Kreativitätsprozessen verstärkt festzuhalten. Ihre "Meditationen" sind dabei von den buddhistischen und taoistischen Theorien beeinflusst, die sie für sich entdeckte.

Meine Arbeit ist Anti-Natur / Der vierstöckige Berg / Du denkst weder an Form, Raum, Linie noch Umriss / Eine bloße Andeutung von Natur gibt Gewicht / leicht und schwer.

So poetisch nähert sich Martin in "Der ungetrübte Geist" 1973 ihrem eigenen Tun. Dabei ließ sie sich in Interviews nur widerspenstig auf Fragen zu ihrer Atelierroutine ein. Die Technik, die ausführende Person, all das sah sie nicht als wichtig für das Verstehen ihrer Arbeit und so formulierte sie einmal passend, dass die Reaktion auf die Kunst das eigentliche Feld der Kunst sei. In einem Interview im Jahr 1997 erklärte die damals über 80-jährige Agnes Martin: "I paint with my back to the world". Die leichte Stille, die durch Martins Bilder durchscheint, legte sie auch über ihr Leben. Die eigene Homosexualität thematisierte sie nie öffentlich in ihrer Rolle als Künstlerin. Dank ihrer Aufzeichnungen und der großen Ausstellungsrezeption zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tod 2004 gibt es genügend Material, das die Künstlerin und ihr Werk greifbar machen.

Der vorliegende Band aus dem Hirmer Verlag präsentiert Werke aus allen Phasen ihrer Karriere. Dabei gibt er auch Einblicke in die frühen Arbeiten, bevor sich Martin dem abstrakten Expressionismus zuwand. Auch ihre weniger bekannten Zeichnungen und Aquarelle sowie ihre Texte "Der ungetrübte Geist" und "Schönheit ist das Geheimnis des Lebens" macht der Band zugänglich. Die begleitenden Essays beleuchten Martins Beziehungen zu anderen Künstler_innen oder den Einfluss asiatischer Philosophien auf ihr Schaffen und Denken. Unter dem Zitat "Well, I sit here and wait to be inspired" blickt Lena Fritsch auf die fotografischen Porträts Martins, die von Diane Arbus oder Annie Leibovitz gestaltet wurden. Leibovitz traf Martin, als sie bereits in einem betreuten Wohnheim für Senior_innen lebte. Neben den kunsthistorischen Essays der Herausgeberinnen Tiffany Bell und Frances Morris, finden sich auch kurze Betrachtungen zu einzelnen Bildern Martins, durch Kolleg_innen wie Rosemarie Trockel.

Wenn ich an Kunst denke, denke ich an Schönheit. Schönheit ist das Geheimnis des Lebens. Sie liegt nicht im Auge, sie liegt im Inneren. In unserem Inneren gibt es Erkenntnis von Vollkommenheit.

AVIVA-Tipp: Agnes Martins Werk ist das, was sie selbst mit Kunst verbindet. Eine hochästhetische Meditation über die Formen und ihre Betrachtung. Der Band zeigt einen großen Teil ihres umfangreichen Werks von Gemälden bis drei-dimensionalen Arbeiten und gibt in den begleitenden Texten einen tiefgründigen Einblick in Leben und Schaffen, ohne Martins selbst gewählte Privatheit unangemessen zu durchdringen. Wer die Chance hat, sollte auch die Ausstellung in Düsseldorf nicht verpassen.

Agnes Martin
Hrsg. von Frances Morris und Tiffany Bell
Hirmer Verlag, 2015
Format 21 x 27 cm, gebunden, Schutzumschlag
272 Seiten, 200 Abbildungen in Farbe und S/W
Mit Beiträgen von Jacquelyn Baas, Briony Fer, Anna Lovatt, Maria Müller-Schareck, Marion Ackermann u.a.
ISBN: 978-3-7774-2374-6
www.hirmerverlag.de

Die Ausstellung "Agnes Martin. Eine Retrospektive" ist nach ihrer Station in der Tate Gallery London vom 07.11. bis zum 06.03.2016 im K20 am Grabbeplatz, Düsseldorf zu sehen.
Aktuelle Informationen gibt es auf www.kunstsammlung.de

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Literatur

Beitrag vom 24.07.2015

Clarissa Lempp 






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