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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.08.2015

Joan Schenkar - Die talentierte Miss Highsmith. Leben und Werk von Mary Patricia Highsmith
B├Ąrbel Gerdes

In ihrer umfangreichen Biographie beschreibt die Schriftstellerin und Dramatikerin Joan Schenkar Leben und Wirken der ber├╝hmten Patricia Highsmith ÔÇô und zeigt dabei deutlich, dass sie sie nicht mag.



Als Patricia Highsmith am 4. Februar 1995 starb, hinterlie├č sie nicht nur eine gro├če Anzahl verst├Ârender, hoch literarischer Kriminalromane, sondern auch Ger├╝chte und Halbwahrheiten um ihr Leben. Die sp├Ąteren Fotos zeigen eine verh├Ąrmt wirkende, harte Frau, gerne mit Zigarette in der Hand und einer Katze in der N├Ąhe.

Joan Schenkar, die schon mit ihrer Biographie ├╝ber Oscar Wildes Nichte Dorothy Wilde Furore machte, hat sich dieses Lebens angenommen in einer s├Ąmtliche Details ausleuchtenden, dabei gut lesbaren, aber auch zu Kritik anregenden Lebensbeschreibung.

Eine ganz besondere Biographie

├ťber 900 Seiten m├Ąandert dieses Buch dahin, nicht chronologisch erz├Ąhlend, sondern ausufernd und wild: "Die Obsessionen, die [ihr Leben] bestimmten und ihr Schaffen inspirierten, wurden zum Ordnungsprinzip dieses Buches", hei├čt es im Vorwort ÔÇô und so stellt Schenkar die "reinen Fakten" k├╝hn in einen 300-seitigen Anhang am Ende des Buches. Dadurch verschafft sie sich Freiraum f├╝r die mehr als 8000 Tagebuchseiten, die sie auswertete und die mehr als 300 Personen, die sie interviewte, um uns diese Schriftstellerin, die sie nicht mag, lebendig zu machen. Mehrere Jahre setzte sich Schenkar intensiv mit der Autorin auseinander und w├Ąhlte diese Form der Biographie ganz bewusst, wie sie in einem Interview mit der Neuen Z├╝rcher Zeitung vom 11.4.2015 sagt: "F├╝r mich ist das biografische Schreiben eine Form des literarischen Schreibens, und wie beim Schreiben meiner Theaterst├╝cke vertraue ich auch beim Schreiben einer Biografie sehr auf meinen Instinkt. Die Struktur und den spezifischen Stil meiner Darstellung habe ich aus Highsmiths Leben und Werk heraus entwickelt, statt zu versuchen, ihr Leben in das Korsett dessen zu zw├Ąngen, was gemeinhin als biografische Darstellung gilt."

Schenkar seziert Highsmiths Leben bis ins kleinste Detail. Ihre kaputten Beziehungen, das Verstecken ihres Lesbischseins, das Verleugnen ihrer schriftstellerischen Anf├Ąnge als Comic-Autorin. Dabei geizt sie nicht mit Zitaten aus Briefen und Tageb├╝chern, die besonders pr├Ągnant sind. "Ich glaube, du w├╝rdest mich [...] bedenkenlos nach Dachau schicken" zitiert sie beispielsweise Highsmiths Mutter, zu der diese ein sehr schwieriges Verh├Ąltnis hatte. Auch bez├╝glich der Romane der Schriftstellerin zeigt sich Schenkar recht reserviert. Zwar h├Ąlt sie sie f├╝r durchaus "ungew├Âhnlich" und "eigenartig" und sie b├Âten die "am gr├╝ndlichsten durchdrungene Anatomie von Schuld in der zeitgen├Âssischen Literatur", nicht wenige dieser Werke seien jedoch "so platt wie Kansas und ungeschickt formuliert". Hier zeigt sich Joan Schenkar sehr deutlich als Schriftstellerin und auch als Dramatikerin.

In ihren zahlreichen Tage- und Notizb├╝chern verdreht Highsmith die Fakten, wie sie es gerade braucht, beschreibt Ereignisse unterschiedlich und benutzt mehrere B├╝cher und Hefte parallel. Schenkar ├╝berf├╝hrt sie als L├╝gnerin und F├Ąlscherin.
Das muss frau m├Âgen ÔÇô dass eine Biographin die zu Biografierende so schonungslos darstellt.

Dabei tut Highsmith selbst alles, um unsympathisch zu wirken: sie zeigt einen deutlichen Antisemitismus und Rassismus, f├╝hrt eine Akte, um die von ihr verhasste und geliebte Mutter als psychisch krank zu ├╝berf├╝hren und legt ├╝ber ihre Liebhaberinnen eine Tabelle mit deren Vorz├╝gen und Nachteilen an...

Gnadenlos wirft Schenkar ihren Scheinwerfer in diese dunklen Ecken.Und so sieht sie auch die daraus resultierende Literatur als Spiegel Patricia Highsmiths Daseins.

Die wichtigsten Romane

In diesem Dickicht tausender Details f├Ąllt es leicht, die Schriftstellerin zu ├╝bersehen. Dabei gelang Highsmith bereits mit ihrem ersten Roman "Zwei Fremde im Zug", der 1948 erschien, ein gro├čer Erfolg. Alfred Hitchcock verfilmte ihn bereits 1951.
Unter dem Pseudonym Claire Morgan ver├Âffentlichte sie 1953 den lesbischen Roman "The Price of Salt", im Deutschen als "Carol" bzw. in einer neueren ├ťbersetzung unter dem Titel "Salz und sein Preis" erschienen.

Die Schaffung ihres wichtigsten Protagonisten gelang ihr 1955: Tom Ripley ist ein Krimineller, der sich insbesondere durch seine Amoralit├Ąt und K├Ąlte auszeichnet. Gleich der erste Roman mit ihm "Der talentierte Mr. Ripley" wurde erfolgreich. Es folgten weitere Romane mit ihm, der das verk├Ârperte, was Highsmith faszinierte: der Sieg des B├Âsen ├╝ber das Gute.
Patricia Highsmith war eine ├Ąu├čerst flei├čige Autorin, die mehr als 20 Romane und unz├Ąhlige Kurzgeschichten hinterlassen hat.
Die amerikanische Verlagsszene missfiel Highsmith, so dass sie in den 1960er Jahren nach Europa auswanderte. Zun├Ąchst in Gro├čbritannien beheimatet, zog es sie nach Frankreich, schlie├člich in die italienischsprachige Schweiz, wo sie 1995 starb.

Joan Schenkars preisgekr├Ânte Biographie ist lebhaft und spannend, erm├╝det zuweilen aber auch durch zu viel Detailverliebtheit und st├Â├čt durch die Schonungslosigkeit manches Mal auch ab. Ein kontroverses Werk.

AVIVA-Tipp: Biografieliebhaberinnen finden hier eine sehr lebendig geschriebene, dabei ├╝berhaupt nicht neutral gehaltene Lebensbeschreibung einer bemerkenswerten Schriftstellerin.

Zur Autorin: Joan Schenkar geboren am 15. August 1952 in Seattle, studierte Literatur und Kunsttheorie und arbeitet als Dramatikerin. Sie war Gr├╝nderin und k├╝nstlerische Leiterin von Force Majeure Productions, New York City, die Filme und Theaterst├╝cke produzieren
Ihre mehr als vierzig Theaterst├╝cke wurden f├╝r B├╝hne, Rundfunk und Fernsehen produziert. 2000 ver├Âffentlichte sie die Biografie "Truly Wilde" ├╝ber Dolly Wilde und die Pariser Lesben- und Kulturszene. Acht Jahre lang schrieb sie an der Biografie ├╝ber Patricia Highsmith, die von der New York Times als Notable Book ausgezeichnet wurde, den Lambda Literary Award gewann und f├╝r den Edgar Alan Poe Award, den Agatha Award, den Anthony Award und den Publishing Triangle Award nominiert wurde. Joan Schenkar lebt in Paris und New York.
Mehr Infos unter: www.joanschenkar.com


Die ├ťbersetzerinnen:

Renate Orth-Guttmann
, 1935 geboren, hat zahlreiche belletristische B├╝cher sowie Sachb├╝cher ├╝bersetzt, daunter von so namhaften Autorinnen wie Joan Aiken, Joyce Carol Oates und Ruth Rendell.
Anna-Nina Kroll hat zahlreiche Romane aus dem Amerikanischen ├╝bersetzt.
Karin Betz ist Sinologin und ├ťbersetzerin. Zudem ist sie DJane und T├Ąnzerin.

Joan Schenkar
Die talentierte Miss Highsmith. Leben und Werk von Mary Patricia Highsmith

Originaltitel: The Talented Miss Highsmith
Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttman, Anna-Nina Kroll und Karin Betz
Diogenes, erschienen im Februar 2015
Gebunden, Hardcover Leinen, 1072 Seiten, Mit einem Bildteil
ISBN 978-3-257-06898-6
29,90 Euro
diogenes.ch

Weiterlesen zu Joan Schenkar

Vivian M. Patraka: Feminism and the Jewish subject in the plays of Sachs, Atlan, and Schenkar. In: Sue-Ellen Case (Hrsg.): Performing feminisms: feminist critical theory and theatre, Baltimore : Johns Hopkins Univ. Press., 1990

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Grande Dame des Krimi
Andrew Wilson dokumentiert mit der Patricia Highsmith - Biographie "Sch├Âner Schatten" das Leben der trinkfesten Schriftstellerin. Marijane Meaker in "Meine Jahre mit Pat" die gemeinsame Liebe.







Literatur Beitrag vom 27.08.2015 B├Ąrbel Gerdes 





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