Tanja Maljartschuk – Von Hasen und anderen Europäern. Geschichten aus Kiew - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 09.09.2015


Tanja Maljartschuk – Von Hasen und anderen Europäern. Geschichten aus Kiew
Angelina Boczek

Der kleine, 2007 gegründete Berliner Verlag "edition.fotoTAPETA", schenkt seine "Aufmerksamkeit ... unseren östlichen Nachbarn", er veröffentlichte bisher Fotografie-Bücher und Belletristik,...




... vor allem von polnischen und ukrainischen AutorInnen.

Diese neun Erzählungen, von der 1983 in der Ukraine geborenen, heute in Wien lebenden Schriftstellerin Tanja Maljartschuk, handeln nicht von Tieren, obwohl der Buchtitel es andeutet und die Titel der Geschichten so heißen: Aurelia aurita (Die Qualle), Rattus norvegicus (Der Ratz), Corvus corax (Die Krähe).

In allen Beiträgen, auch in den weiteren sechs, spielen Tiere eine Rolle, eine symbolische Rolle, ähnlich wie in Tierfabeln: Der Haushund. Das Haushuhn. Der Hase. Der Puma. Das Schwein. Der Schmetterling.

Es sind Frauen, die die Hauptrolle in den Geschichten spielen, eigenwillige, verrückte, dominante, witzige, normale Frauen, alt und jung. Alle leben in der großen Stadt Kiew. Nicht sie allein kommen zu Wort, die Autorin erlaubt auch den weiteren Figuren in den Geschichten das "Sprechen". Geht es bei den beschriebenen Figuren hauptsächlich um in der Sowjetunion sozialisierte Individuen, die sich nicht "freischwimmen" können?

Die Beschreibungen legen es nahe: Eine Ärztin kann es sich erlauben, verärgert über ihre PatientInnen zu sein, die Verkäuferinnen mögen ihre KundInnen nicht, der Aufzug im Haus wird nicht repariert: sowjetischer Schlendrian.

Es ist nicht immer schnell klar, ob es sich im Text um realistische Passagen handelt oder um fiktionale, ob es sich um einen Traum oder um Realität handelt.
Diese Erzählweise hat ihren Reiz, es kann vieles von mehreren Seiten beleuchtet werden, sie erlaubt unerwartete Wendungen. Die Personen in den Geschichten, auch die Protagonistinnnen, können Opfer und Täterin sein (in "Der Ratz"), die dumme Fischverkäuferin vom Lande zeigt kluge Eigenschaften (in "Das Haushuhn") und die hässliche Zoo-Verkäuferin schickt den einzigen Bewerber weg, da er ihren Traum zerstörte (in "Der Puma").

In den Geschichten wird das Verhältnis von Frauen und Männern verhandelt. Oft kommen die Männer schlecht weg, aber nicht durchweg! Die Frauen suchen nach Liebe, nach Zusammenhalt, nach Wärme (oft sind es Haustiere, die ihnen echte Liebe liefern), es klappt letztlich jedoch nicht mit einer Heirat von Maschka, Kapitolina, Antonina und den anderen. Nicht zuletzt deshalb, da die Frauen lieber allein und unabhängig bleiben, als sich zu Bedingungen und unter Umständen zu binden, die nicht akzeptabel sind.

Es drängt sich der Vergleich des Verhältnisses der Ukraine zu Russland auf. Ob der Verfasserin neben der persönlichen bzw. literarischen Ebene auch eine politische Dimension für ihre Geschichten vorschwebte, ist wahrscheinlich: Die Ukraine im Zwiespalt zwischen der EU und Russland. Auch der Titel "Von Hasen und anderen Europäern" legt diese Idee nahe (der ängstliche "Hasenfuß").

Über die russische Bedrohung und die laue Haltung der EU gegenüber Putin hat sich Tanja Maljartschuk mehrfach in Artikeln und Interviews geäussert, auch darüber, dass sie selbst keine Perspektive sieht oder eine Möglichkeit, den mörderischen Konflikt zu beenden. Sie hat kein Rezept. So wenig, wie ihre Heldinnen in den Erzählungen. Was sie aber immer wieder zu bedenken gibt, ist, dass die Geschichte der Ukraine durchdrungen sei von der russischen und der sowjetischen. Trotz dieser gemeinsamen Geschichte aber, sei die Ukraine dennoch eigenständig, auch trotz der "Benutzung" der russischen Sprache. (Tanja Maljartschuks neuestes Projekt ist eine "Geschichte der Ukraine" – darüber äusserte sie sich im Österreichischen Fernsehen).

Dem Buch mangelt es ein wenig an Sichtung durch ein Lektorat und an der Entfernung von Druckfehlern.

AVIVA-Tipp: Neun Erzählungen mit Witz und Humor um starke Frauen, trotz der vorkommenden fiktionalen Erzählebenen ist viel zu erfahren über die Einstellungen und den Alltag von Frauen in Kiew. Bereichernd!

Zur Autorin: Tanja Maljartschuk, geboren 1983 in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine, Schriftstellerin. Lebt in Wien. Sie debütierte 2004 mit dem Buch Endspiel Adolfo oder eine Rose für Lisa. Seither zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Neunprozentiger Haushaltsessig (Erzählungen) und der Roman Biografie eines zufälligen Wunders.


Tanja Maljartschuk
Von Hasen und anderen Europäern. Geschichten aus Kiew

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
edition.fotoTAPETA, Berlin, erschienen 2014
255 Seiten. Leinenband. Schutzumschlag.
Euro 19,80
ISBN 978-3-940524-30-0
www.edition-fototapeta.eu




Literatur

Beitrag vom 09.09.2015

Angelina Boczek 






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