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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 19.09.2015


Mercedes Lauenstein – nachts
Bärbel Gerdes

Die Münchener Journalistin blickt in ihrem Debütroman hinter die erleuchteten Fenster schlafloser Menschen und macht erstaunliche Entdeckungen: es gibt hundert Gründe des Wachbleibens.




Die Nacht ist ein Schattentier. Sie schenkt Geborgenheit. Sie lehrt uns das Fürchten. In ihr wird geliebt und gestorben. Die Nacht ist die stille Schwester des Tages und kann doch diese Stille unerträglich in unsere Ohren schreien. Sie ist die Zeit der ruhelosen Geister, die hinter den Wohnungstüren sitzen oder durch die Gassen wandeln.

Einen solch ruhelosen Geist schickt die Journalistin Mercedes Lauenstein in ihrem Debüt nachts durch die nächtlichen Straßen Münchens. Die junge Frau streift durch die Viertel und klingelt unter dem Vorwand, eine Forschung über das Wachsein zu machen, dort, wo noch Licht ist. Wie selbstverständlich öffnen die Leute ihre Türen und Herzen.

"Ich habe ein Baby, es schläft gerade, ehrlich gesagt, passt es mir nicht, denn wenn es aufwacht..." begrüßt beispielsweise Adele die Besucherin, um sie dann doch hereinzulassen und von ihrem veränderten Leben durch das Kind zu berichten. Vorher sei sie ein "normaler Mensch" gewesen, der tagsüber arbeite und nachts Party mache. Nun sei alles anders.

Maria leidet unter dem Auszug ihres Sohnes, Daniel, der erstaunt ist, dass die Leute die junge Frau nachts einfach so hereinlassen, macht es ebenso, um dann von sich und seinem Leben zu reden.

Erstaunlich aufgeschlossen reagieren die meisten der Angeklingelten. Allen scheint das Bedürfnis eigen, im Schutze der Nacht ihr Leben und Tun zu reflektieren und dies auch mitteilen zu wollen. Die meisten sind mit belastenden Situationen beschäftigt, einer Trennung etwa oder einer unbefriedigenden Arbeitssituation. Andere berichten von ihren Plänen und Wünschen. "Eines Tages will Katy mitfahren auf so einem Tanker, sie will mit eigenen Augen erleben, wie das Meer zum Organ wird, wie es sich zu berghohen Wellen erhebt." Thomas stellt plötzlich erstaunt fest, dass er seine große Liebe, die ihn verließ, gar nicht vermisst. Nadèche hat Angst, ihr Herz könne mitten in der Nacht stehen bleiben und keiner kriege es mit.

Wir Leserinnen begleiten die Ich-Erzählerin und Reporterin von Haus zu Haus, von Fenster zu Fenster. "Nachts spürt man die Fahrt auf dem Weltball wie auf einem Boot, das sehr langsam durch den dunklen Tunnel in einen Freizeitpark gleitet", berichtet sie. "Eine Zeitlang ist alles still und man kann nur schweigen und zugucken... Wenn die Sonne dann aufgeht, wenn das Boot aus dem Tunnel herausfährt und wieder alles laut und schreiend und gemeinschaftlich und vermischt ist … kann man nichts mehr erkennen von dem, was einem da im Tunnel so klar erscheint."

Mit ihr werden wir allmählich müde und denken an die eigenen Geschichten, die wir uns machen, wenn wir selbst schlaflos durch die Straßen streifen und hinauf sehen zu den erleuchteten Fenstern, in denen sich unsere eigenen Gedanken spiegeln, die deuten auf das, wie wir uns die Welt oder unser Leben wünschen.

"Ich drehe mich um und schließe die Augen, so dass es wieder dunkel ist." schreibt die Nachtreporterin zum Schluss. Wir machen es ihr gleich und schließen das Buch.

AVIVA-Tipp: Mercedes Lauensteins Erzählungen sollten nachts gelesen werden, um ihre Wirkung entfalten zu können.

Zur Autorin: Mercedes Lauenstein wurde 1988 in Kappeln an der Schlei geboren schreibt Reportagen und Essays, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Sie lebt in München.
Mehr zur Autorin unter: www.mercedeslauenstein.de


Mercedes Lauenstein
nachts

Aufbau-Verlag, erschienen im August 2015
Gebunden, 191 S.
ISBN 978-3-351-03614-0
18,95 Euro
www.aufbau-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Abini Zöllner - Hellwach. Gute Nacht-Geschichten und andere Schlaflosigkeiten




Literatur

Beitrag vom 19.09.2015

Bärbel Gerdes 






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