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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.12.2015

Gustav Meyrink - Der Golem
Yvonne de Andrés

Der Roman um eine Sage im Ghetto von Prag zählt zu den Meisterwerken der phantastischen Literatur in deutscher Sprache. Anlässlich des 100. Jahrestags seines Erscheinens wurde er im März 2015 bei...



... Hoffmann und Campe in edelstem Druck und Gestaltung neu herausgebracht. Gebunden in grobmaschiges Leinen, mit schwarzem Leseb√§ndchen und ebensolchem Vorsatzblatt, daf√ľr mit tiefrotem Buchschnitt, dazu ein holzschnittartig anmutendes Cover. Ein Buch f√ľr Kenner_innen.

B√ľhne der Geschichte ist eine Traumwelt, sie ist der einzige Ort, an dem der Golem auftritt. Der Traumheld dringt in das innere Zimmer ein, das f√ľr eine zugemauerte Krankheit steht, und setzt sich mit seiner Vergangenheit auseinander.
"Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Geh√∂rtem, wie Str√∂me von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenflie√üen." So beginnt der Roman "Der Golem". Der namenlose Ich-Erz√§hler befindet sich in einem Hotelzimmer in Prag. Nach der Lekt√ľre √ľber das Leben des Buddha Gotame, verf√§llt er in einen qu√§lenden unruhigen halluzinierenden D√§mmerschlaf und kann nicht mehr unterscheiden, ob er wirklich wach ist oder tr√§umt.

Der anonyme Ich-Erz√§hler schl√ľpft im Traum in die Identit√§t des Gemmenschneiders und Antiquit√§tenausbesserers Athanasius Pernath Der lebte circa drei√üig Jahre vor der Erz√§hlung im alten j√ľdischen Ghetto von Prag. Auch seine Geschichte wird in der ICH-Form erz√§hlt. So wirken seine Erfahrungen intensiver, existenzieller. Der Golem √ľbergibt Athanasius Pernath ein geheimnisvolles hebr√§isches Buch. Er bekommt den Auftrag die besch√§digten Initialen "I" des Kapitels "Ibbur" (Die Seelenschw√§ngerung) auszubessern. Ab da ger√§t sein Leben aus den Fugen.

Der Golem steht in der j√ľdischen Kultur f√ľr etwas "Ungestaltetes". Der j√ľdischen Legende nach hat der Wunderrabbi L√∂w aus Prag eine Menschenfigur aus Lehm geschaffen, den Golem, und diesen zum Leben erweckt. Er kann durch die Magie des kabbalistischen Zaubers zum Leben aktiviert aber auch wieder deaktiviert werden.

Der Archivar Schemajah Hillel erklärt, was es mit dem Golem auf sich hat: "Der Golem ist einerseits Ausdruck der kollektiven Ghetto-Seele, andererseits ist es ein schattenhafter Doppelgänger Pernaths und repräsentiert einen Teil von dessen Selbst, das ihm bisher fremd war."

Die Begegnung des Gemmenschneiders Pernath mit dem Golem zwingt ihn zur Konfrontation mit dem eigenen Ich. Er wird mit seltsamen Erinnerungen konfrontiert, hat Visionen und leidet unter Halluzinationen. Um einen diesem verschlossenen Raum der Psyche zu erlangen, steigt er in das "Zimmer ohne Zugang" hinab und mit "dem √úberstreifen der Kleider des Golem integriert Pernath Nicht-Bewusstes in sein bewusstes Ich und √ľberwindet so diesen Doppelg√§nger."

Er fällt den perfiden Intrigen des Studenten Charousek und des Trödlers Aaron Wassertrum zum Opfer, gerät unter Mordverdacht und findet sich im Gefängnis wieder. An diesem trostlosen Ort verlässt ihn die letzte Zuversicht und der emotionale Abwärtsstrudel dreht sich unaufhaltsam nach unten. Überraschend wird er entlassen und erlebt wie das Ghetto abgerissen wird und seine alten Freunde verschwunden sind.

Die Identitätssuche und der Selbstfindungsprozess sind das zentrale Thema des Romans. Der Ich-Erzähler erwacht und fragt sich, ob das Erlebte wirklich oder nur ein Traum war, denn er stellt fest, dass keine Stunde verstrichen ist. Der anonyme Ich-Erzähler nimmt sich vor: "Ich muß diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage und drei Nächte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor."

Bei seinen Nachforschungen begegnet der Ich-Erzähler sich selbst, d.h. seinem geträumten Ich als Doppelgänger und setzt sich mit der Frage nach der Identität des Menschen, Mystik, okkulten Ansichten und der Gratwanderung zwischen Wahnsinn und klarem Verstand, Traum und Realität auseinander. Wem der Golem erscheint, dem blickt er in seine eigene Seele, er ist sozusagen sein Doppelgänger.

1915, als die Buchausgabe im Kurt Wolff Verlag Leipzig erschien, waren die "alten" Ordnungsm√§chte untergegangen und es gab es einen starken Wunsch nach Heilsbotschaften und Erl√∂sungsversprechen. Heute, 100 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen scheint die besondere St√§rke dieses Romans die intensive Beschreibungen des j√ľdischen Ghettos in Prag zu sein, als auch die Konstruktion einer geschlossenen phantastischen Welt.

AVIVA-Tipp: "Der Golem" wurde eines der Erfolgsb√ľcher seiner Zeit und geh√∂rt noch heute zu den Steadysellern. Es ist einer der bekanntesten Prag-Romane. Im Nachwort erkl√§rt die Herausgeberin Ulrike Ehmann den Erfolg der d√ľsteren Geschichte so: "Die Faszination des Romans lag wohl vor allem darin begr√ľndet, dass er in dieser Zeit der politischen und sozialen Ungewissheit vermochte, die identit√§ts√§ngste seiner Leser hervorzurufen, dass er den Lesern gleichzeitig zur Beruhigung aber einen bequemen Fluchtweg wies: den ekstatischen, Erl√∂sung verhei√üenden Weg der Innerlichkeit, den Weg des Menschen zu sich selbst."

Zum Autor: Gustav Meyrink (eigtl. Meyer) wurde am 19. Januar 1868 in Wien geboren. Von 1889-1902 arbeitete er als Bankier in Prag, an dessen Ende man ihn f√§lschlicherweise des Betrugs bezichtigte. Ab 1905 lebte er als freier Schriftsteller in M√ľnchen. "Der Golem", erschienen 1915, ist sein bekanntester Roman. Meyrink gilt als Klassiker der phantastischen Literatur. In sein Werk gingen mystische und kabbalistische Elemente ein, er selbst konvertierte 1927 zum Mahanja-Buddhismus. Dar√ľber hinaus √ľbersetzte er Werke von Autoren wie Charles Dickens und Rudyard Kipling ins Deutsche. Er starb 1932 in Starnberg.

Gustav Meyrink
Der Golem

Nachwort und Zeittafel von Ulrike Ehmann
ISBN: 978-3-455-40533-0
Gebunden, 384 Seiten, mit Lesebändchen.
35,00 Euro
HOFFMANN UND CAMPE, erschienen 11.03.2015
www.hoffmann-und-campe.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Mirjam Pressler - Golem stiller Bruder



Literatur Beitrag vom 16.12.2015 Yvonne de Andr√©s 





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