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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.01.2016

Claire Hajaj - Ismaels Orangen
Sigrid Brinkmann

Wenn es um den israelisch-pal├Ąstinensischen Konflikt geht, ist fast immer nur von Kampf und Verlusten die Rede. Die britische Autorin Claire Hajaj erz├Ąhlt in ihrem Deb├╝troman "Ismaels Orangen" von dem unverdrossenen Versuch, einander ...



... ├╝ber kulturelle und religi├Âse Differenzen hinweg zu lieben und aneinander festzuhalten.

Sigrid Brinkmann hat die Autorin Claire Hajaj in Yafo getroffen.

Claire Hajaj wirkt ├╝bern├Ąchtigt. Wer von Beirut nach Tel Aviv will, muss inzwischen den Weg ├╝ber ├ägypten nach Amman nehmen und von dort aus die Grenze zu Israel ansteuern, denn der Luftraum ├╝ber Syrien ist f├╝r Linienflugzeuge gesperrt. F├╝nf Stunden wartete Claire Hajaj im Grenzgebiet auf die Einreisegenehmigung. Kurz vor Mitternacht konnte sie dann die letzte Etappe im Bus nach Tel Aviv nehmen. Am fr├╝hen Morgen hatte die 42-J├Ąhrige eine erste Verabredung in Yafo. Ein Konservator vom Denkmalsamt f├╝hrte sie durch das ehemalige Anwesen ihres Gro├čvaters, der vor der Gr├╝ndung des Staates Israel Orangenhaine in Jaffa besessen hatte. 1948 musste die v├Ąterliche Familie das Haus verlassen und die Plantagen aufgeben. Mehrmals wechselte das Geb├Ąude den Besitzer. Nun soll es in ein kleines Museum umgebaut werden. Der Konservator hatte Claire Hajajs im Sommer 2014 zuerst auf Englisch publizierten Roman "Ismaels Orangen" gelesen und pl├Âtzlich begriffen, in wessen Haus er als Denkmalsch├╝tzer arbeitete. Er fand das unter Putz liegende Firmenlogo der Familie Hajaj und setzte sich mit der Autorin in Verbindung.

Au├čer Claire Hajaj betreibt in ihrer Familie niemand Spurensuche

"Ich hatte mir vorgestellt, ich k├Ąme in eine Villa, aber das Haus ist eine einzige Baustelle. Hinter dem Grundst├╝ck klafft eine riesige Baugrube. Dort entsteht ein Einkaufszentrum. Rings herum werden teure Apartmenth├Ąuser errichtet. Das "Murad-Haus" - so nannte man das Anwesen meiner Familie - wird zu einer Art arch├Ąologischem Mini-Museum umgewandelt. Ein Teil der Wand, in der der Name meines Gro├čvaters eingelassen ist, soll ausgestellt werden. Ich bin dem Mann, der die Wand davor bewahrt hat, eingerissen zu werden, wirklich sehr dankbar."

Au├čer Claire Hajaj gibt es niemanden in ihrer Familie, der Spurensuche betreibt, Zeugnisse bewahrt und wieder zusammensetzt. Als Jugendliche hatte sie ein einziges Mal gemeinsam mit ihrem Vater dessen Elternhaus aufgesucht - nicht ahnend, dass sich die damaligen Eindr├╝cke zwanzig Jahre sp├Ąter zu einem Roman verdichten und formen w├╝rden.
"Ich erinnere mich vage an ein Haus, dessen Mauern von pinkfarbenen Bougainvillea-Bl├╝ten ├╝berzogen waren. Eine Frau mit deutschem Akzent ├Âffnete die T├╝r. Sie bat uns hinein, aber mein Vater lehnte ab. Er drehte sich um und wir gingen weg. Er sprach kein Wort, und ich wusste nicht, was ich ihn fragen sollte. Gedanken wie ┬┤dieses Haus sollte uns geh├Âren┬┤ waren mir total fremd, aber das Haus spukte seit dieser Zeit immer mal wieder in meinem Kopf herum. Im Buch beschreibe ich, wie Salim sein ganzes Leben lang nicht von dieser Erinnerung loskommt."

Die Trauer hat sich eingenistet

Die Trauer um den Verlust, sagt Claire Hajaj, wirke wie ein Virus. Auch in ihrem Vater, dem die Romanfigur des Salim nachgebildet ist, habe sich die Trauer eingenistet. Mit den Jahren z├Ąhlte das, was er beruflich und famili├Ąr aufgebaut hatte, immer weniger, und die Erfahrung, als Kind vertrieben worden zu sein, begann alles zu ├╝berstrahlen. Claire Hajaj beschreibt, wie die Liebe eines Paares von der Nahost-Politik und religi├Âsen Bindungen sukzessive ersch├Âpft und zerr├╝ttet wird. Die Gr├╝ndung der Pal├Ąstinensischen Befreiungsorganisation, der Einmarsch der Israelis in den Libanon, die Erste Intifada 1987 und der zweite Golfkrieg von 1990 f├╝hrten zu Loyalit├Ątskonflikten und schlie├člich zum Bruch.

In wechselnden Kapiteln schildert die Autorin die Herkunftswelten der Protagonisten Judith und Salim. Scheinbar gelassen ├╝bergeht Judith antisemitische Sticheleien ihrer Mitsch├╝ler/innen und lehnt sich stur gegen Bevormundungen durch ihre j├╝dische Familie auf. Salim Al-Ismaeli macht 1948 als Siebenj├Ąhriger die Erfahrung von Scham, Verleugnung und k├Ârperlicher Gewalt. Er beschlie├čt als Jugendlicher, auf keinen Fall das Leben eines "staubigen muslimischen Arabers" zu f├╝hren, und emigriert nach Gro├čbritannien. Claire Hajaj ist eine einf├╝hlsame Beobachterin mit viel Gesp├╝r f├╝r kleine, aber oft entscheidende Gesten. Ein Wegsehen, ein Zur├╝ckziehen der Hand, ein gru├čloses Davonlaufen deuten an, dass das multikulturelle und multiethnische Gef├╝ge 1948 in Pal├Ąstina zerbrechen wird. In Dialogen sch├Ąrft sie das Profil ihrer Protagonist/innen, die viel Kraft und Schlagfertigkeit aufbieten m├╝ssen, um den Ressentiments ihrer Familien gegen├╝ber Juden beziehungsweise Muslimen etwas entgegen zu setzen. F├╝r den Titel des Romans - "Ismaels Orangen" - sprechen zwei Gr├╝nde.

"Die Geschichte erz├Ąhlt von Salim Al-Ismaeli und dem zu seiner Geburt gepflanzten Orangenbaum, den er so sehr liebte. Mit dem Namen Ismael ziehe ich eine Verbindung zur biblischen Geschichte der Br├╝der Ismael und Isaak. Es geht dabei um das verlorene Erbe. Ismael war der Erstgeborene, aber sein Vater Abraham hat ihn versto├čen und statt seiner den zweitgeborenen Isaak vorgezogen. Diese Ungerechtigkeit ├╝berschattet das Verh├Ąltnis von Muslimen und Juden ├╝ber alle Generationen hinweg. Mir war es aber noch wichtiger, zu zeigen, was aus dieser Ungleichbehandlung erw├Ąchst. Ismaels Orangen stehen f├╝r das, was heute ges├Ąt und morgen geerntet wird. Und es liegt an uns, ob die Fr├╝chte bitter oder s├╝├č schmecken." so Claire Hajaj.

Als Leser/in profitiert man von der Offenheit

Bitter wird es, wenn Kinder eines konfessionell gemischten, aber s├Ąkular lebenden Paares direkt oder indirekt aufgefordert werden, sich f├╝r eine Seite und eine Herkunftsfamilie zu entscheiden. Claire Hajaj schildert politische Vorg├Ąnge und ein gesellschaftliches Umfeld, das den Zwang zum Bekenntnis f├Ârdert. Einen Teil ihrer Kindheit hat die Autorin in Kuwait verbracht. Dass dort niemand erfahren durfte, dass ihre Mutter J├╝din ist, habe sie damals zutiefst verst├Ârt und ge├Ąngstigt. Ihr Roman wirft denn auch die Frage auf, was mit Kindern geschieht, die die Identit├Ąt eines Elternteils aktiv verheimlichen m├╝ssen. Ihnen wird eine Gratwanderung abverlangt, die t├Âdlich enden kann. Der politisch offenkundig unl├Âsbare Konflikt zwischen Israelis und Pal├Ąstinensern f├╝hrt im Roman zu Resignation und Verh├Ąrtung des Protagonisten. "Wer sich f├╝r den Frieden entscheidet", befindet Salim, "w├Ąhlt die Seite der Verlierer." Eine solche Haltung entspricht der Logik von Befreiungsk├Ąmpfern, die den ideologischen Feind und Kriegsgewinner mit allen Mitteln besiegen wollen. Und sie impliziert die Bereitschaft, sich von elementaren Bindungen loszusagen.

Claire Hajajs Figuren stecken in einem Dilemma, das ihr selbst sehr vertraut ist. In Beirut, wo sie lebt, wird sie t├Ąglich konfrontiert mit humanit├Ąren Missst├Ąnden und Feindschaft zwischen Religionsgruppen. Klug zeigt sie die Trennlinien auch innerhalb religi├Âser Gemeinschaften und Ethnien auf. Geschichte, Mentalit├Ąten und Emotionen werden von ihr in komplexen Konstellationen verdichtet. Als Leser/in profitiert man von der Offenheit, die f├╝r die Person Claire Hajaj zu einer Lebensbedingung wurde.

"Ich werde nie ganz wissen, was es hei├čt, sich j├╝disch zu f├╝hlen, denn Jude beziehungsweise J├╝din kannst du nur sein, wenn du dich vollst├Ąndig zum j├╝dischen Volk bekennst. Das Gleiche gilt f├╝r die Pal├Ąstinenser. Ich sitze einfach zwischen zwei St├╝hlen und werde mich nie f├╝r eine Seite entscheiden k├Ânnen."

Zur Autorin: Claire Hajaj ist Britin. Die 42-j├Ąhrige Politikwissenschaftlerin lebt seit einigen Jahren in Beirut. Zuvor war sie bereits in vielen Krisenl├Ąndern f├╝r die Vereinten Nationen t├Ątig. Ihre Mutter wuchs in einer j├╝dischen Familie in Gro├čbritannien auf, ihr Vater kam als muslimischer Pal├Ąstinenser mit israelischem Pass Mitte der 60er Jahre zum Studium auf die Insel. Nach gut zwei Jahrzehnten zerbrach die Ehe der Eltern und Claire Hajaj begann, sich Fragen nach ihrer j├╝disch-muslimischen Identit├Ąt zu stellen. So entstand ihr erstes Buch. Der Roman "Ismaels Orangen" spielt in London, in Kuweit und in der kleinen Hafenstadt Jaffa, die nach 1948 von Tel Aviv eingemeindet wurde und seither offiziell Yafo hei├čt. Und dort, in einem Caf├ę am Glockenturm von Yafo, hat Sigrid Brinkmann die Autorin getroffen.
Claire Hajaj auf Facebook: www.facebook.com/claire.hajaj und auf Twitter: twitter.com/clairehajaj

Claire Hajaj
Ismaels Orangen

Originaltitel: Ishmaels Oranges
Aus dem Englischen von Karin Dufner
Gebunden, 448 Seiten
19,99 ÔéČ
Blanvalet Verlag, M├╝nchen (ET: 09.03.2015)
www.randomhouse.de

Deutschlandfunk: B├╝chermarkt
Redakteurin: Angela Gutzeit
Autorin: Sigrid Brinkmann
Overvoice: Ulrike Pollay
Das Interview von Sigrid Brinkmann k├Ânnen Sie h├Âren unter: www.deutschlandfunk.de

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Literatur Beitrag vom 28.01.2016 AVIVA-Redaktion 





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