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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.02.2016

Rose Lagercrantz - Wenn es einen noch gibt
Annika H├╝ttmann

Wie kann eine Familiengeschichte geschrieben werden, wenn sie so grausam ist, dass kaum jemand davon erz├Ąhlen m├Âchte? Rose Lagercrantz gelingt es mit ihrem Buch, ├╝ber das Schweigen zu sprechen.



"Du hast so viele B├╝cher geschrieben. Reicht das nicht bald?" fragt ihre im Sterben liegende Mutter die Erz├Ąhlerin an einer Stelle des Buches. Und tats├Ąchlich gehen dem autobiographischen Wenn es einen noch gibt der schwedischen Autorin Rose Lagercrantz eine lange Reihe B├╝cher, vor allem Kinderb├╝cher, voraus. Auch ist es nicht das erste Werk, in dem sie ihre Familiengeschichte verarbeitet.

Oder besser gesagt: Fragmente aus dieser Geschichte. Denn ein paar Bilder, einige Briefe und widerwillig erz├Ąhlte Bruchst├╝cke sind alles, was Lagercrantz hat um zu rekonstruieren, wie es kommt, dass es ihre ├╝ber Paris, Stockholm, Budapest, Montreal und Johannesburg verstreuten Verwandten nach der Shoah noch gab oder gibt.
Ihre Mutter beispielsweise ├╝berlebte sowohl Auschwitz als auch Bergen-Belsen, dar├╝ber reden m├Âchte sie nicht. Und als die Autorin ihrer in S├╝dafrika lebenden Tante erkl├Ąrt, sie sei auf der Suche nach ihren Wurzeln sagt diese nur: "Forget about it. Die Wurzeln sind gekappt worden." Wie ├╝berlebt mensch das ├ťberleben? Vielleicht nur durch Vergessen.

Lagercrantz macht es sich trotzdem zur Aufgabe, die Geschichten ihrer Verwandten aufzuschreiben. Die sechzehn Kapitel des Buches sind jeweils nach einem Familienmitglied benannt und schildern, neben der fast detektivischen Suche nach Informationen, Szenen aus deren Leben: Vor, nach und w├Ąhrend des Holocausts. "Irgendjemand muss davon erz├Ąhlen, sonst haben diese Menschen und deren Erlebnisse nie existiert."
Die Autorin versucht dabei jedoch nicht, L├╝cken zu f├╝llen oder auszuschm├╝cken, eine gro├če St├Ąrke ihrer Erz├Ąhlweise ist, dass sie bereit ist zu akzeptieren, dass sie die einzelnen Fragmente nie zu einer ganzen Geschichte zusammenf├╝gen werden kann. Sie l├Ąsst Rekonstruktionen grausamer Erfahrungen neben liebevollen Personenportraits stehen, beschreibt mal mit Humor, mal mit Entsetzen, mal einf├╝hlsam und vorsichtig ihre eigenen Erinnerungen und die ihrer Familie. Unvollst├Ąndig und zugleich detailreich.

Immer wieder f├╝hrt die Erz├Ąhlung dabei zur├╝ck an das Krankenbett der Mutter, das Lagercrantz t├Ąglich besucht. In ihrer letzten Zeit ist das einzige, das die immer schw├Ącher werdende Frau noch am Leben h├Ąlt, die Tatsache, dass die Tochter da ist, dass es sie gibt. Und die Autorin stellt sich nach dieser Erkenntnis die Kernfrage des Buches: "Warum gibt es mich?"

Erst sp├Ąt im Leben begriff ich etwas von dem besinnungslosen ├ťberlebenskampf, der meiner Existenz vorausgegangen war. W├Ąre ich einige Jahre eher geboren worden aus Gott wei├č was f├╝r einer Konstellation, h├Ątte es mich vermutlich nicht besonders lange gegeben.

Wenn es einen noch gibt handelt vielleicht vor allem von der Autorin selber. Von ihrem Wunsch, ihr eigenes Leben zu kontextualisieren und sich damit abzufinden, dass mit ihrer Mutter eine der letzten Verbindungen zu ihren Urspr├╝ngen verschwindet. Bereits in anderen ihrer B├╝cher beschriebene Szenen werden zusammen gef├╝hrt oder erg├Ąnzt. Im Fall ihrer Cousine Adeline, der Lagercrantz 1992 ein Buch widmete, sogar g├Ąnzlich neu verstanden. Dies beantwortet die Frage der Mutter, warum sie weiter B├╝cher schreibt: Sie hatte noch nicht fertig erz├Ąhlt. Oder wie es einleitend hei├čt: "Nun muss ich beeilen, alles zu erz├Ąhlen, ehe es ganz verschwindet."

AVIVA-Tipp: Rose Lagercrantz hat sich mit diesem Buch eine gro├če Aufgabe gestellt und sie durch ihre Art des Erz├Ąhlens meisterhaft gel├Âst. Die grausamen Erfahrungen, die ihre j├╝dischen Familienmitglieder w├Ąhrend der Shoah machen mussten, werden rekonstruiert und beschrieben, jedoch immer vor dem Hintergrund, wie das Leben f├╝r die, die sich retten konnten, weiterging. Es ist der Autorin gelungen, festzuhalten, was nicht vergessen werden darf und gleichzeitig nachvollziehbar zu machen, warum gerade das Vergessen f├╝r viele ihrer Verwandten ├╝berlebenswichtig war.

Zur Autorin: Rose Lagercratz wurde 1947 in Stockholm geboren. Sie arbeitete in einem Kindertheater sowie f├╝r Funk und Fernsehen, bevor sie zu schreiben begann. Ihre zahlreichen Kinderb├╝cher wurden in viele Sprachen ├╝bersetzt und die Autorin mehrfach preisgekr├Ânt. "Wenn es einen noch gibt" ist ein Buch f├╝r Erwachsene. (Quelle:Verlagsinformationen)
Die Autorin im Netz: www.roselagercrantz.se

Zur ├ťbersetzerin: Angelika Kutsch, 1941 geboren, ist eine deutsche Schriftstellerin und ├ťbersetzerin. Kutsch schreibt Kinder- und Jugendliteratur und ist eine renommierte ├ťbersetzerin aus dem Schwedischen. 1975 Sonderpreis zum Deutschen Jugendbuchpreis f├╝r ihren Roman "Man kriegt nichts geschenkt". 2014 Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises f├╝r ihr ├╝bersetzerisches Gesamtwerk.

Rose Lagercrantz
Wenn es einen noch gibt

Ein Familienportrait
persona verlag, erschienen Juni 2015
Gebunden, 176 Seiten
ISBN 978-3-924652-41-8
17,50 Euro
www.personaverlag.de


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Katarina Bader - Jureks Erben. Vom Weiterleben nach dem ├ťberleben Eine zutiefst ber├╝hrende, sehr pers├Ânliche Geschichte ├╝ber den Zeitzeugen und Menschen Jurek Hronowski und die Autorin selbst, sowie dar├╝ber, wie ein Erz├Ąhlen ├╝ber Auschwitz m├Âglich sein k├Ânnte.


Anna Gmeyner - Manja
Ein ber├╝hrender Roman um das Schicksal von f├╝nf Kindern in den Jahren 1920 bis 1934 in Deutschland. Lisette Buchholz hatte das 1938 bei Querido in Amsterdam erschienene literarische Meisterwerk 1984 im persona verlag zum ersten Mal in Deutschland in ihr Programm aufgenommen.


Literatur Beitrag vom 01.02.2016 Annika H├╝ttmann 





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