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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.03.2016

Lea Goldberg. Verluste - Antonia gewidmet
Magdalena Herzog

Ein Roman, der 1935 in Palästina von der Dichterin und Literaturkritikerin Lea Goldberg auf Hebräisch verfasst wurde, entdeckt nun das Licht der literarischen Welt in Deutschland. Diese wird bereichert um ein Werk, das im Berlin der Jahre 1932 bis...



... 1933 spielt und sich sprachlich aus der Moderne und aus den religiösen Texten des Judentums speist. Gekrönt ist dieses Werk durch die herausragende Arbeit der Übersetzerin Gundula Schiffer.

Dieses Buch ist ein hervorragender Roman, der das Berlin des Jahres 1932/33 in seinen unterschiedlichen absto√üenden und gro√üst√§dtischen, wunderbaren Facetten zeigt. Der Ton schl√§gt aus zwischen Melancholie, Herzlichkeit, Deftigkeit und Bitterkeit und er ergibt sich aus dem Charakter, den Erlebnissen und Reflexionen des Protagonisten, bei dem Goldbergs h√§ufig verhandeltes Thema der unerf√ľllten Liebe eine zentrale Frage ist. Die Aufenthalte des Protagonisten in dem Orientlesesaal der Staatsbibliothek d√ľrfte vor allem den Lesenden im wissenschaftlichem Arbeitsfeld ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern und erinnert gleichzeitig an eine wichtige Phase der Orientalistik und Islamwissenschaft, in der es viele J√ľdinnen und Juden waren, die dazu beitrugen, diese Disziplin zum erbl√ľhen zu bringen ‚Äď in Deutschland und im damaligen Pal√§stina.

"Schriftsteller aus dem Volke Israel, derzeit am Bahnsteig"
Jehuda Elchanan Kron: Geboren im Nordwesten Russlands, geflohen vor der zaristischen Geheimpolizei, Emigration nach Pal√§stina in den 20er Jahren. Dort liebt er die hei√üen W√ľstenwinde, die Chamsine, verfasst Gedichte und studiert Orientalistik. Er erh√§lt ein Stipendium f√ľr Berlin, um seine Arbeit zur Arabischen Mystik fertig zu stellen. Wir schreiben das Jahr 1932. Der Protagonist - von der Autorin "Kron" genannt - sitzt nun in der "Stadtbahn" nach Gr√ľnau, es ist elf Uhr abends und ist pl√∂tzlich allein im Abteil mit Antonia Dieterle, dem "M√§dchen mit dem kupferfarbenen Haar". Was zwischen Beiden entsteht, ist keine leidenschaftliche Liebe, sondern eine von Melancholie durchzogene Aff√§re, die bestimmt ist durch den distanzschaffenden Blick des nicht unerheblich √§lteren Kron. Er ist besch√§ftigt mit Gedanken an seine einstmalige Ehefrau Lili, die ihn, den m√§√üig erfolgreichen Wissenschaftler und Autor, f√ľr den "anst√§ndigen" Max B√ľrger verlassen hat. So der emotionale Rahmen des Protagonisten.

Die Ambivalenz des Gef√ľhls von Zugeh√∂rigkeit
Die Lautmalerei mit dem Namen B√ľrger ist auch bei der Protagonistin Antonia Dieterle ernst zu nehmen. Dieterle verweist fast un√ľbersehbar auf eine nichtj√ľdische Herkunft. Auch das ist ein Blick, den Kron auf die Geliebte hat, die er begehrt, sich ihr jedoch nicht nahe f√ľhlt, so sehr er es sich auch w√ľnscht: die Wahrnehmung der unterschiedlichen Zugeh√∂rigkeit, ausgedr√ľckt im religi√∂sen Jargon "dem Volke Israel", dem Kron sonst fremd gegen√ľbersteht. Es sind die feinen, nur schwer in Worte zu fassenden und trotzdem sp√ľrbaren Unterschiede zwischen "goyisch" und "j√ľdisch", die Teil seines Lebensgef√ľhls in Deutschland sind.
Ist er im j√ľdischen Viertel, sind ihm die Ostjuden ‚Äď ein Begriff, der zum Schimpfwort avanciert war ‚Äď fremd. Und trotzdem stellt er fest: "Niemals, niemals w√ľrde er die schlichte Eleganz dieser aparten Europ√§er √ľbernehmen k√∂nnen. Seine Miene verriet stets den Taugenichts des Ostens, den Armutsstempel, den er nie und nimmer losw√ľrde."

"Kein objektiver Zuschauer, sondern ein Teil davon"
Kron ist getragen durch Einsamkeit ‚Äď als Mann, den seine Liebe verlassen hat und als Mensch in der Gro√üstadt Berlin, die zunehmend politisch finsterer wird. Das Ma√ü an Diffamierung und Ausgrenzung schwillt langsam an. Streckenweise ist es m√∂glich zu vergessen, dass wir uns im Jahr 1932 befinden. Das ist vornehmlich Krons pessimistischer Klarheit geschuldet, der keine Illusionen bez√ľglich des j√ľdisch-nichtj√ľdischen Verh√§ltnisses hegt und sich kaum √ľberrascht zeigt von den verborgenen und offenen antisemitischen Haltungen. Dieser rote Faden zeigt sich an dem Motiv des Gedichts, das Kron schreibt, verliert, und von den Findern ‚Äď den Kollegen aus der Universit√§t ‚Äď als ein "antichristlicher Text" ver√∂ffentlicht wird. So ver√§ndert sich auch die Atmosph√§re in dem Roman. Zu Beginn stehen die Beziehungen zu Freund_innen und Bekannten im Vordergrund: Ein Verkuppelungsversuch mit der linken und ach so moralischen Elisabeth, die Arbeit in der Staatsbibliothek im Orientlesesaal an den arabischen Handschriften, die Reflexionen √ľber das eigene Leben und die vergangene Ehe.
Ein Wiedersehen mit der Schauspielerin Elbina Sommergast bringt das Politische j√§h an die Oberfl√§che, denn sie darf auf Grund ihres Aussehens nicht mehr die Rolle der K√∂nigin Eug√©nie spielen. Die Figur ist auch als eine Reprise auf die j√ľdische Schauspielerin Elisabeth Bergner zu verstehen, die als Star gefeiert wurde. Es ist Februar 1933 und die Handlung verflicht zunehmend mit den politischen Ereignissen. Das Verh√§ltnis zu Antonia und Lili, mit denen es zu Zerw√ľrfnis, Vers√∂hnung und wiederum Zerw√ľrfnis kommt, wird von der politischen Realit√§t eingefangen. Ob Antonia zu ihm gestanden h√§tte, wird er nie erfahren. Lili wird nach ihrer R√ľckkehr nach Galizien von Mitgliedern der Nazi-Jugend erschossen. Das Einsamkeitsgef√ľhl Krons hat deutlich an Realit√§t gewonnen. Das "Schreckensjahr" in Deutschland ist fast vor√ľber. Auf dem Tisch liegt seine wissenschaftliche Arbeit samt des Gedichtszyklus. Obwohl ein Teil mit √§u√üerst h√§sslichem Ergebnis bereits ver√∂ffentlicht worden ist und bezeugt, dass ein Weiterleben in Deutschland unm√∂glich ist, l√§sst sich Kron das tiefe Gef√ľhl nicht nehmen, dass es sein Werk ist. Er verfasst eine Widmung, die einer Inschrift gleicht - an Antonia. Dann kehrt er zur√ľck nach Pal√§stina.

Die Sprache, die Moderne, Lyrik und die religiösen Texte des Judentums zu vereinen weiß
Die Geschichte um Elchanan Kron ist eng an die Biografie Lea Goldbergs gekn√ľpft. Auch ihre Familie emigriert mehrmals vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse, sie studiert Semitistik in Berlin und emigriert 1935 nach Pal√§stina. Umgehend beginnt sie 24j√§hrig diesen Roman zu schreiben und reflektiert darin ihre Wahrnehmung Deutschlands. Besonders stark sind Goldbergs Wissen und Affinit√§ten in ihrer Sprache zu bemerken. Oft l√§sst sie die Protagonist_innen mit einem versteckten Hinweis auf die biblischen Schriften sprechen, sie nennt die arabischen Philosophen, mit denen sich Kron auseinandersetzt und erzeugt eine Stimmung, die hier an die Literatur Dostojewskijs und da an die feine, manchmal mit Ironie gepaarte Melancholie Mascha Kal√©kos erinnert. Und doch ist ihre Sprache einzigartig, sie lebt, genau wie die √úbersetzerin sagt, von einer "sprachlichen Kargheit, holzschnittartigen Schroffheit und skizzenhaften Verknappung", die nichtsdestoweniger zart und einf√ľhlsam ist. Den Blick auf einen Mann, der sich der Erfahrung unerf√ľllter Liebe ausgesetzt sieht, spiegelt dies wider. All das ist der √úbersetzerin Dr. Gundula Schiffer zu verdanken. Ihr ist es gelungen, das Hebr√§isch, das damals noch in den Kinderschuhen steckte, in ein Deutsch der 30er Jahre zu √ľbertragen. Akribisch hat sie jedes hebr√§ische Wort, das an ein biblisches Zitat erinnert, erl√§utert, jede weniger bekannte Person, jeder wenige bekannte literarische Anspielung hat ausf√ľhrliche Erkl√§rung erhalten. Diese Anmerkungen tragen neben dem au√üerordentlichen Lesevergn√ľgen deutlich dazu bei, die Dimensionen Lea Goldbergs Werk zu erkennen.

AVIVA-Tipp: Besonders das Nachwort mit historischen und literaturwissenschaftlichen Betrachtungen der √úbersetzerin sowie zahlreichen Fotografien runden dieses Buch als Enstieg in das Werk Goldbergs ab. Dies ist sicher vielen Liebhaber_innen israelischer Musik vertraut, denn Goldbergs Text pr√§gte eine Generation israelischer Kinder. Herausragend ist dabei das von Chava Alberstein vertonte Gedicht "Mishirei Eretz Ahavti", das zu einer Art nationalen Hymne in den 70er Jahren wurde. Ihr literarisches Werk umfasst jedoch weitere Romane, Kinderb√ľcher und Gedichte, das in Deutschland nach wie vor recht unbekannt ist und selbst in Israel ist Verluste erst 2010 erschienen. Auch die Zahl wissenschaftlicher Arbeiten zu Goldbergs Werk ist √ľbersichtlich und fast ausschlie√ülich auf Hebr√§isch erschienen. Es bleibt nur, Lea Goldberg und der √úbersetzerin Gundula Schiffer viele Leser_innen zu w√ľnschen.

Zur Autorin: Lea Goldberg wurde 1911 in K√∂nigsberg geboren und wuchs in Kovno (Litauen) auf. W√§hrend des Ersten Weltkriegs emigriert die Familie nach Russland, kehrte dann aber nach Kovno zur√ľck. Goldberg entwickelte bereits in ihrer Schulzeit auf dem Hebr√§ischen Gymnasium den Wunsch, Schriftstellerin zu werden und verfasste Gedichte auf Hebr√§isch, die bereits 1926 in Litauen in der Zeitschrift Ptach eines literarischen Zirkels ver√∂ffentlich wurden. In Kovno, Berlin und Bonn studierte sie Semitistik. Nach ihrer Ankunft in Pal√§stina 1935 fand sie bald Eingang in den Kreis moderner Autor_innen, in deren Magazin Turim sie ihre Texte ver√∂ffentlichte. Sie arbeitete als Lehrerin, wurde Kinderbuchautorin ‚Äďund gestalterin, Kritikerin, √úbersetzerin und literarische Beraterin am legend√§ren Habima Theater in Tel Aviv. Au√üer dem hier besprochenen Werk liegt der Roman Briefe von einer imagin√§ren Reise vor.
1952 gr√ľndete Goldberg den Lehrstuhl f√ľr Vergleichende Literatur an der Hebr√§ischen Universtit√§t Jerusalem. Lea Goldberg verstarb viel zu fr√ľh im Alter von 59 im Jahr 1970 in Tel Aviv. Posthum erhielt sie noch im gleichen Jahr die gr√∂√üte Auszeichnung f√ľr Literatur Israels ‚Äď den Israel Prize.
Quelle: Jewish Women¬īs Archive

Zur √úbersetzin: Gundula Schiffer, geboren 1980, arbeitet als √úbersetzerin aus dem Hebr√§ischen, Franz√∂sischen und Englischen in K√∂ln. In M√ľnchen hat sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, in Jerusalem hebr√§ische Sprache und Literatur. √úber die Poesie der Psalmen von Moses Mendelssohn wurde sie 2010 promoviert und au√üerdem Literatur√ľbersetzen studiert. F√ľr die Arbeit an diesem Roman erhielt Schiffer das Nachwuchsstipendium der Kunststiftung NRW f√ľr literarisches √úbersetzen. Sie ist au√üerdem am Martin-Buber-Institut f√ľr Judaistik der Universit√§t zu K√∂ln t√§tig.
Mehr Informationen unter: www.gundula-schiffer.de

Lea Goldberg. Verluste ‚Äď Antonia gewidmet
Originaltitel: Avedot ("Mukdasch le-Antonia")
Aus dem Hebräischen und mit einem Nachwort herausgegeben von Gundula Schiffer
Arco, erschienen September 2015
Hardcover, 412 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3938375624
www.arco-verlag.com

Weitere Informationen zum literarischen Werk Lea Goldbergs und zu bibliografischen Verweisen im Jewish Women¬īs Archive:
www.jwa.org

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lea Goldberg - Briefe von einer imagin√§ren Reise 1934. Die junge J√ľdin Ruth fl√ľchtet vor einer ungl√ľcklichen Liebe in die eigene Gedankenwelt. Ihren Liebeskummer verarbeitet sie in Briefen an diesen Mann, den sie mehr liebt als er sie. (2003)

Eine weitere √úbersetzung von Gundula Schiffer:

Rutu Modan - Das Erbe Nach "Blutspuren" erschien im Juli 2013 die zweite Graphic Novel der israelischen Comiczeichnerin und Illustratorin. Teilweise durch ihre eigene Biographie inspiriert, erz√§hlt Modan die Geschichte einer gemeinsamen Woche von Gro√ümutter und Enkelin in Polen. Die urspr√ľngliche Bestimmung dieser Unternehmung nimmt, mit dem Aufkommen von lange Verdr√§ngtem, eine Wendung und wird f√ľr beide Frauen zu einer bedeutenden und emotionalen Erfahrung. (2013)




Literatur Beitrag vom 06.03.2016 Magdalena Herzog 





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