Marie Malcovati liest aus Nach allem, was ich beinahe f├╝r dich getan h├Ątte. Drehbuchautorin, Filmwissenschaftlerin und ├ťbersetzerin. Ahima Beerlage. Edition Nautilus - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.05.2016

Marie Malcovati - Nach allem, was ich beinahe f├╝r dich getan h├Ątte
Ahima Beerlage

Marie Malcovati, studierte Drehbuchautorin, Filmwissenschaftlerin und ├ťbersetzerin, stellt uns in ihrem Erstlingsroman drei Menschen vor, die sich in einem Bahnhof begegnen. Ein seltsames Trio: Ein Kommissar, der ...



... wegen einer Beinverletzung zu einem ├ťberwachungsjob abgestellt wurde, ein verkaterter Mann in einer antiken R├Âmerr├╝stung und eine junge Frau, die im Businesskost├╝m wie auf dem Sprung wirkt, aber starr im Bahnhof verharrt.

Sich auf ein neues Terrain zu wagen ist immer ein Abenteuer und dennoch tr├Ąumen viele FilmautorInnen davon, auch einmal einen Roman zu schreiben. Die wichtigste Transferleistung dabei ist, die von der Bildersprache gepr├Ągte Ausdrucksform zu verlassen und in die Innenwelt der Figuren zu finden. Wenn es gelingt, diese beiden Welten miteinander zu verbinden, wird daraus ein ganz besonderer Lesegenuss.

Skurrile Begegnung

Polizist Beat Marotti ├Ąrgert sich. Wegen einer Beinverletzung kann er nicht am Au├čendienst teilnehmen, sondern wird abgestellt, im Baseler Hauptbahnhof vor den ├ťberwachungsmonitoren zu sitzen, um eine Aktion von gewaltbereiten Demonstranten zu verhindern. Die Bewegungslosigkeit, zu der er durch die Verletzung gezwungen wurde, machte ihn unruhig. Seine Gedanken begannen, sich gewittrig zusammenzuballen. Doch schnell wird seine Aufmerksamkeit auf ein skurriles Paar gelenkt. Auf einer Bank im Bahnhofsgeb├Ąude sitzt ein ├╝bern├Ąchtigter Mann in einer originalgetreuen Uniform eines r├Âmischen Soldaten, neben ihm eine Frau, die ihren starren Blick auf die Abbildung eines Alpenpanoramas richtet. Mit kerzengeradem R├╝cken sa├č sie auf einer gl├Ąnzenden Metallbank, ohne die Lehne zu ber├╝hren, als traue sie ihr nicht. Mit dem Blick des Kommissars l├Ąsst Marie Malcovati vor den Augen der LeserInnen detailreich die Atmosph├Ąre in der Bahnhofshalle entstehen, bevor sie in die Perspektive der beobachteten Frau schl├╝pft.

Ohne Zukunft

Die Frau, Lucy, ├ťbersetzerin, die wie auf dem Sprung wirkt und mit federleichtem Gep├Ąck reist, weil sie an keine Zukunft f├╝r sich glaubt, f├╝hlt sich unangenehm ber├╝hrt, als ein nach Alkohol riechender Mann in der Uniform eines r├Âmischen Legion├Ąrs neben ihr Platz nimmt. Sie vermutet, dass er ihr Werbezettel aufdr├Ąngen will. Zu ihrem Erstaunen will der Mann nichts. Er schweigt. Auch ihn lernen wir in R├╝ckblenden langsam kennen. Simons Gro├čvater hat ein Zahnpasta-Imperium aufgebaut, das mit immer neuen Gesch├Ąftsbereichen zu einem der gr├Â├čten Pharmaunternehmen des Landes wuchs. Simons Br├╝der hatten wundersch├Âne Lebensl├Ąufe: nachvollziehbar, ineinandergreifend, sauber und l├╝ckenlos, wie das blendend wei├če Modellgebiss, mit dessen Hilfe der Zahnarzt die richtige Putztechnik demonstrierte. Bei (Simon) dagegen wackelte alles, und zwar von Anfang an.

Fluchtpunkt

Wir erfahren wie in einem filmischen Wechselschnitt, deren szenische Perspektivwechsel puristisch nur mit den Anfangsbuchstaben der ProtagonistInnen ├╝berschrieben sind, dass beide Personen, die Kommissar Marotti ins Visier genommen hat, auf der Flucht vor ihrer Bestimmung sind. Lucy, die ├ťbersetzerin, flieht vor der Diagnose, dass sie den Gendefekt in sich tr├Ągt, der ihre Mutter get├Âtet hat. Simon flieht davor, seinen vorbestimmten Platz im Familienbetrieb einnehmen zu m├╝ssen.

Der heimliche Regisseur

Kommissar Beat Marotti, der nicht nur wegen seiner Beinverletzung an den Fotojournalisten Jeff aus Hitchcocks Thriller "Das Fenster zum Hof erinnert", entwickelt zunehmend den Wunsch, die beiden Gestrandeten zusammenzubringen. Ohne es bewusst zu realisieren, w├╝rde es ihm auch den Schmerz nehmen, vor dem er sich in seiner Arbeit versteckt. Seine Frau hat ihn verlassen. Er kann Gulia dennoch nicht loslassen. Als sie ihn anruft, nimmt er nicht ab, aber die Untr├Âstlichkeit, die seit Stunden in der Ecke gelauert hatte, war langsam, aber unumkehrbar auf ihren Samtpfoten herangeschlichen. Als seine Nichte ihn auf seinem Beobachtungsposten besucht, wittert er seine Chance, wie ein Regisseur in das Schicksal des ungleichen Paares einzugreifen. Ein Happy End w├╝rde seinen Schmerz lindern.

Genau gezeichnete Miniatur

Der Roman umfasst nur 128 Seiten und schafft es dennoch, die Schicksale der drei Hauptfiguren genau auszuleuchten. Eine behutsame, bildreiche Sprache bringt dabei Charakter- und Ortsbeschreibungen auf den Punkt. Ungew├Âhnliche Wendungen, bisweilen skurriler Humor machen die Lekt├╝re zu einem besonderen Vergn├╝gen.

Zur Autorin: Marie Malcovati geb. 1982, studierte Drehbuch und Filmwissenschaften in Manchester und an der Filmakademie Baden-W├╝rttemberg, sie lebt derzeit in Freiburg im Breisgau. Sie schreibt Features f├╝r den SWR, ├╝bersetzt aus dem Franz├Âsischen und Englischen und ver├Âffentlicht Erz├Ąhlungen, zuletzt im Band "Sch├Ân zu h├Âren" (weissbooks, 2009). "Nach allem, was ich beinahe f├╝r dich getan h├Ątte" ist ihr Romandeb├╝t. (Quelle: Edition Nautilus)
Ein Interview der Autorin mit Katharina Picandet finden Sie unter:
www.edition-nautilus.de

AVIVA-Tipp: Die Drehbuchautorin und ├ťbersetzerin Marie Malcovati vereint in ihrem Romandeb├╝t filmische und erz├Ąhlerische Elemente zu einem unterhaltsamen Kammerspiel. Humor und Nachdenklichkeit wechseln sich dabei ab. Auf kleinstem Raum l├Ąsst sie die LeserInnen am Schicksal der drei gestrandeten Hauptfiguren teilnehmen und findet mit ihrer erz├Ąhlerischen Perspektive immer wieder ungew├Âhnliche Wendungen, die die Lekt├╝re so kurzweilig machen. Es ist mutiger, einen kurzen Roman zu schreiben, die Inhalte so zu komprimieren, dass sie ihre Wirkung vor dem inneren Auge der Lesenden entfalten, als sich in langen Beschreibungen zu verlieren. Marie Malcovatis Mut aber hat sich gelohnt. Die Fusion der filmischen und erz├Ąhlerischen Welten ist hier sehr gut gelungen. Das Buch ist daher sowohl f├╝r FilmfreundInnen wie auch f├╝r Sprachverliebte eine kurzweilige Lekt├╝re.

Marie Malcovati
Nach allem was ich beinahe f├╝r dich getan h├Ątte

Edition Nautilus, erschienen M├Ąrz 2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 128 Seiten
ISBN 978-3-89401-827-6
Euro 16,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.edition-nautilus.de


Literatur Beitrag vom 26.05.2016 Ahima Beerlage 





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