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AVIVA-BERLIN.de im September 2018 - Beitrag vom 16.03.2018

Margret Greiner - Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne
Angelina Boczek

Die Germanistin, Schriftstellerin und Publizistin Margret Greiner schrieb neben ihrer Biographie über Charlotte Salomon ("Es ist mein ganzes Leben") bereits über eine weitere prominente "Dame" der Wiener Gesellschaft um 1900, die Roman-Biographie "Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge. Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts". Im März 2018 veröffentlichte sie nun ein Buch über eine weitere Wiener "Dame": Margaret Stonborough, geborene Wittgenstein.



Das Umschlagbild dieses Buches zeigt die "Grande Dame" als junge Frau in einem Ausschnitt des Gemäldes von Gustav Klimt, dem einflussreichsten und bedeutendsten Maler der Wiener Moderne, der diese 1905 im Auftrag ihrer Familie malte. Wer war diese Frau? Sie wirkte "als Bauherrin, Intellektuelle, Salonière, vor allem aber verkörperte sie als selbstbestimmte Frau wie kaum eine andere den Aufbruch in eine neue Zeit." (der Verlag).

Von der Wiener Familie Wittgenstein (jüdischer Herkunft, konvertierte ProtestantInnen, später KatholikInnen) erzählt und berichtet dieses Buch, im Mittelpunkt die 1882 geborene Margaret, "Gretl", siebentes Kind ihrer Eltern Karl und Leopoldine Wittgenstein, Schwester des Philosphen Ludwig Wittgenstein, spätere Gattin des Amerikaners Jerome Stonborough.

Es handelt sich um eine erzählende Biographie, Daten und Fakten werden abgehandelt, aber fiktive Szenen und Dialoge eingestreut, in denen die Gefühle der Beteiligten vermittelt werden sollen. Dieses populäre Verfahren macht den Text lebendig und bringt uns Leserinnen die Figuren, die vor 70 und mehr Jahren lebten, näher, birgt aber die Gefahr, dass auch diese Passagen für authentisch gehalten werden könnten.

Der Verfasserin Margret Greiner standen Tagebücher und Briefe, Archivmaterialien und zahlreiche andere Quellen zur Verfügung. Die Literatur zur Familie Wittgenstein ist nicht klein. Wunderbarerweise konnte Greiner mit Pierre Stonborough, dem Enkel Margaret Stonborough-Wittgensteins, Gespräche über seine Großmutter führen. Pierre Stonborough ist heute 85 Jahre alt, lebt in Wien und bereicherte das Buch mit Fotografien aus seinem Privatbesitz. Es heisst, dass Margaret kein Werk hinterliess, es jedoch unpublizierte "Kindheitserinnerungen" gibt.

Von den Widerständen, die die aus grossbürgerlichem Hause stammende Tochter ("reichste Familie Wiens") zu überwinden hatte, wird in diesem Buch anschaulich berichtet. Allerdings erfahren wir auch, dass die Hürden, nicht zuletzt durch das ererbte Vermögen, nie allzu hoch waren. Die Gründe für den Auf- oder Ausbruch der jungen Frau aus konventionellen Mustern werden in der Familie verortet und ihrer individuellen Persönlichkeit, ihrer Klugheit, auch Neugier und Abenteuerlust zugeschrieben. Ihren Mann suchte sie sich selbst aus und sie bestimmte auch, wann sie Kinder in die Welt setzen wollte.

Es soll hier nicht die weitere Lebensgeschichte der - auch widersprüchlichen - Protagonistin aufgefächert werden, nur soviel, dass die besonderen, teils liebevoll-engen, teils prekären, Beziehungen zu den begabten anderen Geschwistern Wittgenstein, auch die zwischen Margaret und dem bedeutenden Philosophen Ludwig Wittgenstein breiteren Raum einnehmen. Das Verhältnis zu dem amerikanischen Industriellensohn Dr. Jerome Stonborough, dem Ehemann, von dem sie sich 1923 trennte (sich aber nie scheiden ließ) wird durchgehend thematisiert.

Ihre Rolle als Mutter und Bauherrin wird erörtert, die als Kunstkennerin und -sammlerin, Mäzenatin, Salondame nur angerissen. Margaret Stonborough-Wittgenstein hatte keine Ausbildung und keinen Beruf, trotzdem war sie gebildet und gern "tätig", unter anderem als "selbsternannte" Sozialhelferin. Wir haben uns ihr Leben nicht zuletzt als wohlhabende Reisende vorzustellen, als Verwalterin ihrer Häuser und Wohnungen, die sie prächtig einzurichten wusste. Sie verfügte über reichlich Personal, Zofen, Chauffeur, Sekretärin, Köchin, Stubenmädchen. Sie gab Gesellschaften, Musikabende, machte selbst Besuche (dies alles musste organisiert werden). Es galt, die Korrespondenz zu führen – es wurden viele Briefe geschrieben in jener Zeit, nicht nur in der Familie Wittgenstein.

Dass sie eine selbstbewusste Persönlichkeit, die zupackend Widerstände aus dem Weg zu räumen wusste, sich um Konventionen nicht scherte oder besser gesagt, ihre eigenen Regeln aufstellte, wird sehr schön geschildert. Ebenbürtig, "auf Augenhöhe" konnte sie ihr "Eigenes" vertreten und durchsetzen. Sie besaß eben nicht die Scheu, sich zurückzuhalten in den damaligen Männerdomänen wie Architektur, Philosophie, Kunst.

Ihr Leben war nicht nur glanzvoll und mondän! Margaret hatte Rückschläge und Verluste hinzunnehmen. In der Familie gab es früh die Suizide zweier Brüder, psychische Krankheiten wie Depressionen begleiteten sie in der einen oder anderen Form ihr Leben lang. Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 verlor sie einen großen Teil ihres Vermögens.

Da die Familie Wittgenstein spätestens 1938 das Los der verfolgten Juden in ganz Europa teilte, durch hohe Geldzahlungen aber zu "Mischlingen ersten Grades" werden konnte, musste sie das geliebte Wien nicht verlassen. Erst 1940 entschloss sich Margaret zur Emigration in die USA, dieser ging 1938 die Rettungsaktion Anna und Sigmund Freuds voraus, initiiert durch Margaret.

1950 kehrte sie aus Amerika zurück, sie starb 1958 in Wien.

AVIVA-Tipp: "Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne" von Margret Greiner liefert Anreize, sich mit der "Wiener Moderne" zu beschäftigen und zu entdecken, wer die Frauen auf den berühmten Gemälden Gustav Klimts eigentlich waren: Spannend!

Zur Autorin: Margret Greiner studierte Germanistik und Geschichte in Freiburg i.Br. und München. Sie hat sich immer wieder mit außergewöhnlichen Frauenleben beschäftigt, zuletzt erschienen die erzählten Biographien "Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge: Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts" und "Charlotte Berend-Corinth und Lovis Corinth: Ich will mir selbst gehören" sowie "Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben". Außerdem erschien von ihr: "Miss, wie buchstabiert man Zukunft. Als deutsche Lehrerin in Jerusalem". Margret Greiner lebt in München.

Margret Greiner
Margaret Stonborough-Wittgenstein. Grande Dame der Wiener Moderne

Verlag Kremayr & Scheriau, erschienen im Februar 2018
Hardcover, 302 Seiten, mit Abbildungen und zwei Stammtafeln
24,00 Euro
ISBN 978-3-218-01110-5
Mehr Infos zum Buch unter: www.kremayr-scheriau.at

Mehr Literatur zu Margaret Stonborough-Wittgenstein:

Ursula Prokop
Bauherrin, Intellektuelle, Mäzenin.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2003.
283 S., geb., m. Abb., Euro 29,80.
ISBN 3 205 77069 2.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Anlässlich des 100. Geburtstags der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon am 16. April 2017
Zum einen die erstmals 2001 erschienene Biographie "Charlotte Salomon – Bilder eines Lebens" von Astrid Schmetterling in überarbeiteter Neuauflage im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag. Zum anderen die Biographie "Charlotte Salomon. Es ist mein ganzes Leben" von Margret Greiner, erschienen im Knaus Verlag. Und eine Ausstellung vom 20. Oktober 2017 bis 25. März 2018 im Joods Historisch Museum Amsterdam, Charlotte Salomon Foundation (2017)

Elisabeth Sandmann - Der gestohlene Klimt. Wie sich Maria Altmann die Goldene Adele zurückholte
Das Leben der Maria Altmann und ihre Beziehung zu dem von den Nazis geraubten Klimt-Gemälde "Goldene Adele" dokumentierte die Verlegerin Elisabeth Sandmann in akribischer Recherchearbeit. (2015)

Der gemalte Kuss. Ein Biografieroman von Elizabeth Hickey
Emilie Flöge wurde durch ihr Portrait für KunstliebhaberInnen zur Ikone des Fin de Siécle und weltberühmt. Wer war jene geheimnisvolle Frau, deren Leben eng mit dem Maler Gustav Klimt verbunden war? (2005)

Literatur Beitrag vom 16.03.2018 Angelina Boczek 





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