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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2022 - Beitrag vom 29.11.2021


Aphra Behn - Werke
Bärbel Gerdes

Romane, Gedichte, Erzählungen, Dramen und Komödien – das Werk der britischen Schriftstellerin Aphra Behn ist trotz ihrer erstaunlichen Vielseitigkeit in Deutschland weitgehend unbekannt. Dies ändert nun der Berliner AvivA-Verlag. In glänzender Übersetzung können wir nun die Werke der Autorin entdecken, die den ersten realistischen Roman Englands schrieb.




Zwischen Beethoven und Bell klafft in den Registern der Tagebücher und Briefe Virginia Woolfs eine große Lücke. Behn, Aphra suchen wir vergebens, und dies, obgleich Woolf in Ein Zimmer für sich allein schrieb: Alle Frauen zusammen sollten Blumen auf das Grab von Aphra Behn regnen lassen […], denn sie war es, die ihnen das Recht erwarb, ihre eigene Meinung zu äußern.

Dabei war ihre bloße Existenz eine Unmöglichkeit: eine Schriftstellerin im 17. Jahrhundert, die von ihren Werken leben konnte, deren Theaterstücke aufgeführt wurden und die ironisch-leichtfüßig Frauen zugeschriebene Haltungen teilweise auf den Kopf stellte.

Aphra Johnson wurde 1640 in Wye, Kent geboren. Als junge Frau lebte sie zeitweise in der englischen Kolonie Surinam und gewann dort Eindrücke, insbesondere über Sklaverei und Kolonialismus, die sie in ihren Werken verarbeitete.
Mit zwanzig Jahren kehrte sie nach England zurück und heiratete einen Kaufmann namens Behn, der jedoch etwa fünf Jahre später verstarb.
Dadurch mittellos geworden, wandte sie sich an den Hof Charles II und wurde durch Vermittlung des Höflings und Theaterdirektors Thomas Killigrew Spionin im Dienste des Stuart-Königs. Dieser war aus dem französischen Exil zurückgekehrt und förderte geistige Toleranz und persönliche Freizügigkeit, auch in Fragen der Sexualität, Geschlechterrollen und Formen des Zusammenlebens, wie Tobias Schwartz uns in seinem überaus lesenswerten und umfangreichen Vorwort wissen lässt. Schwartz ist nicht nur der Herausgeber dieser zweibändigen Ausgabe, sondern auch ihr bravouröser Übersetzer.

1666 ging Behn als Spionin nach Antwerpen. Da sie für diese Tätigkeit nicht entlohnt wurde, kehrte sie ein Jahr später mit großen Schulden nach England zurück, wo sie im Gefängnis landete. Diese Erfahrung brachte sie dazu, sich fortan ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Eine weitere Ehe kam für sie nicht in Betracht.

Sie wurde Bühnenautorin und profitierte dabei auch von dem sich ändernden politischen Klima. Die puritanische Cromwell-Herrschaft hatte 1642 alle Bühnen geschlossen, Tanz und weltliche Musik waren verboten. Der 1660 zurückgekehrte Charles II indes veränderte den Kulturbetrieb grundlegend. Alte Theater wurden eröffnet, neue erbaut, Theaterkompanien wurden gegründet, technische Innovationen und Musik schufen eine neuartige Atmosphäre. Erstmals auch spielten Schauspielerinnen die Frauenrollen, die bis zu diesem Zeitpunkt Männern vorbehalten waren.

In ihren Stücken passte sich Behn durchaus der damaligen Zeit an: es wurde zotig und obszön geschrieben, oft mit sexuellen Konnotationen. In einem ihrer Gedichte (Die Enttäuschung) schreibt sie über die Impotenz eines Liebhabers: Zwischen den jungen, grünen Trieben fand einen Wurm sie nur. Der Enttäuschten schoss die Schames- und Zornesröte ins Gesicht und verachtungsvoll, ohne Erbarmen flieht sie die Stätte, den Liebhaber ohnmächtig auf seinem Trauerlager zurücklassend.

Knapp zwanzig Theaterstücke schreibt Behn, die in England bis weit ins 18. Jahrhundert aufgeführt wurden. Die bekanntesten darunter sind Der Freibeuter oder Der verbannte Adel und die Tragödie Abdelazer für die Henry Purcell die Bühnenmusik komponierte.
Mit dem Stück Der Herrscher des Mondes schreibt sie eine Art Science Fiction.

Aphra Behn spielt oft mit Geschlechterrollen, lässt offen, ob es sich um Frau oder Mann handelt. Sie selbst hatte Beziehungen zu Männern und Frauen.
Anders als Schriftstellerinnen wie George Sand, George Eliot oder die Bronte-Schwestern veröffentlichte Aphra Behn unter ihrem Klarnamen.

1688 schrieb sie mit Oroonoko oder Der königliche Sklave den ersten realistischen Roman (der in vielen Literaturgeschichten Daniel Defoe mit Robinson Crusoe, 1719, zugeschrieben wird). Sie vermischt darin selbst Erlebtes und Fiktion. Dieser auch heute noch spannend zu lesende Roman handelt von einem jungen afrikanischen Prinzen, der sich in Imoinda, der Tochter des königlichen Generals verliebt. Als sein Großvater, der geile alte regierende Fürst, von der geplanten Heirat der beiden erfährt, verkauft er Imoinda aus Eifersucht als Sklavin nach Surinam. Dorthin wurde auch Oroonoko verkauft. Als dieser die Sklaven zum Aufstand gegen die Plantagenbesitzer aufruft, bricht eine Katastrophe los.
Um der Geschichte eine höhere Authentizität zu verleihen, behauptet die weibliche Ich-Erzählerin, selbst Augenzeugin dieser Vorgänge gewesen zu sein und das Paar gekannt zu haben.
Auch wenn Aphra Behn in diesem Werk vieles romantisiert und mit Oroonoko eine makellose, aufrechte und idealistische Person schafft, deren Darstellung schon an positivem Rassismus grenzt, erweist sie sich zumindest als Kritikerin von Kolonialismus, auch wenn sie ihn nicht grundsätzlich in Frage stellt. Politisch war sie eine Tory und überzeugte Monarchistin.

Immer wieder führt sie Seitenhiebe auf das Christentum aus: Solch verkommene Sitten gibt es nur in christlichen Ländern, wo man mit dem bloßen Namen dieser Religion vorlieb nimmt und bar jeder Tugend und Moral glaubt, das allein genüge.

Die Gattung des Briefromans wiederum gibt ihr die Freiheit, unabhängig von Genrekonventionen zu schreiben.

Während ihre Stücke, Gedichte und Romane zu ihrer Zeit und auch noch im 18. Jahrhundert weit verbreitet waren, geriet sie danach in Vergessenheit. Man warf ihr vor, plagiiert zu haben oder zweifelte überhaupt an, sie habe die Werke selbst verfasst.

Auch Woolfs Erwähnung in ihrem Essay und eine von Vita Sackville-West 1927 verfasste Biographie schafften es nicht, Aphra Behn wieder auf die Bühne zu bringen. Erst englische Werkausgaben und Anthologien brachten sie in den 1970ger Jahren wieder in Erinnerung. Auch ihre Bühnenwerke erfuhren ein beachtliches Comeback. In Deutschland jedoch blieb Aphra Behn weitgehend unbekannt und ungespielt.
Umso verdienstvoller ist es, dass Britta Jürgs, die in diesem Jahr mit der Rahel Varnhagen von Ense-Medaille ausgezeichnet wurde, da sie maßgeblich zur Sichtbarmachung von Autorinnen, insbesondere jüdischer Autorinnen, und damit zu einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene beitrage, sich den Werken dieser Schriftstellerin angenommen hat.

AVIVA-Tipp: Die zweibändige Ausgabe der Werke Aphra Behns lädt zum Entdecken ein. Band 1 Ich lehne es ab, meine Zunge im Zaum zu halten, versammelt die Romane und Erzählungen, während sich der zweite Band Fliegen sollst du den Gedichten und Dramen widmet. Tobias Schwartz brillante Übersetzung macht uns diese wegweisende Autorin endlich zugänglich.

Zur Autorin: Aphra Behn, geboren 1640 in Wye, Kent, war die Tochter eines Gastwirtes und einer Amme. Einige Jahre ihrer Jugend verbrachte sie in Surinam. Nach ihrer Rückkehr nach England heiratete sie, war jedoch bereits nach ca. fünf Jahren verwitwet, wurde Spionin des Königs und schließlich Autorin. Aphra Behn starb 1689 in London. Ihr Grabstein im Kreuzgang von Westminster Abbey trägt die Inschrift »Hier liegt ein Beweis dafür, dass selbst Geist und Witz nie genug Schutz gegen die Sterblichkeit bieten«.

Zum Herausgeber und Übersetzer: Tobias Schwartz, 1976 geboren in Osnabrück, ist Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. 2007 erschien sein Roman Film B; seine Stücke wurden an verschiedenen deutschen Bühnen aufgeführt. Im AvivA Verlag veröffentlichte er Bloomsbury & Freshwater rund um die Aufführung des (darin enthaltenen und von ihm übersetzten) Virginia Woolf-Stückes Freshwater, übersetzte die Erzählungen und Stücke Shelagh Delaneys für die von ihm gemeinsam mit André Schwarck herausgegebene Werkausgabe A Taste of Honey, die 2020 auf die Hotlist der besten Titel aus unabhängigen Verlagen gewählt wurde. Sein jüngster Roman Morpho peleides ist im Sommer 2021 im Elfenbein Verlag erschienen.

Aphra Behn: Werke
Bd. 1: Ich lehne es ab, meine Zunge im Zaum zu halten. Romane und Erzählungen
Bd. 2: Fliegen sollst du. Gedichte und Dramen

Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schwartz.
AvivA-Verlag, erschienen am 20. Oktober 2021
Zwei Bände im Schuber, 620 Seiten, Hardcover mit Leseband
ISBN 978-3-949302-01-5
Euro 49,00
Mehr zum Buch: www.aviva-verlag.de










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Beitrag vom 29.11.2021

Bärbel Gerdes