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Beitrag vom 11.02.2026
Yael van der Wouden – In ihrem Haus
Doris Hermanns
Das mehrfach ausgezeichnete Debüt der niederländischen Autorin Yael van der Wouden erzählt die Geschichte zweier Frauen in der niederländischen Provinz 16 Jahre nach Kriegsende auf dem Hintergrund der Auswirkung der Besatzung durch die Deutschen.
Es beginnt mit dem Fund einer Scherbe im Garten, auf der ein angedeutetes Hasenbein zu sehen ist. Diese gehört eindeutig zum guten Geschirr der Mutter, das aber vollständig ist. Es gehörte schon zum Haus, als sie dort einzogen, als Isabel elf Jahre war: "sie waren damals in ein fertiges, ein vollausgestattetes Haus gezogen. Fast alles war bereitbestellt: die Laken, die Töpfe, die Vasen auf den Fensterbänken."
Es sind Andeutungen wie diese, die von Anfang an auf den Hintergrund der Geschichte hinweisen, der erst später deutlich wird.
Isabel, fast 30 Jahre alt, lebt allein im Haus ihrer verstorbenen Mutter. Ihre beiden Brüder leben inzwischen weit weg in Den Haag. Das Haus ist alles, was ihr geblieben ist, eine Perspektive auf ein anderes Leben sieht sie für sich nicht. Da ist zwar ein Dorfbewohner, der sie als seine Freundin sieht, aber ihr Interesse an ihm hält sich sehr in Grenzen.
Kontakte hat sie außer gelegentlichen Familienbesuchen so gut wie keine, zu sagen haben sie sich nicht viel. Nur Neelke, ihre Haushilfe, kommt regelmäßig. Während ihr Bruder Hendrik mit Sebastian zusammenlebt – "Nach sieben Jahren sprach sie es immer noch nicht aus, konnte es immer noch nicht anerkennen – Hendrik und die Person, mit dem er zusammenlebte. Die Person mit der er …" (Homosexualität zwischen Männern stand in den Niederlanden nur während der Besatzung durch die Deutschen unter Strafe) – stellt ihr Bruder Louis bei einem Essen wieder mal eine neue Freundin vor, Eva, die Isabel auf Anhieb völlig unsympathisch findet. Sie ist daher alles andere als begeistert, als Louis diese kurz danach bei ihr unterbringt, nur für die Zeit, die er für seine Arbeit ins Ausland muss, wie er sagt. Erst später stellt sich heraus, dass dies Evas Wunsch war.
Isabel will sie jedoch nicht an ihrem Leben teilhaben lassen, sie spricht auch kaum mit ihr. Etwas Schlimmeres als gemeinsame Unternehmungen kann sie sich nicht vorstellen, wie sie sagt. Und so findet Eva es dort völlig langweilig.
Es ist eine angespannte Atmosphäre im Haus, wo zudem immer wieder Dinge verschwinden. Isabel verdächtigt erst das Hausmädchen, dann Eva. Als sie Hendrik davon erzählt, versucht dieser sie zu beruhigen: "Eva ist bloß eine Frau, die Louis irgendwo aufgegabelt hat. Daran ist nichts Rätselhaftes."
Aber irgendwas liegt in der Luft, auch wenn Isabel es nicht greifen kann: "Sie weiß Bescheid, dachte Isabel in Panik, und direkt danach: Was? Was soll sie wissen? Sie hatte keine Antwort darauf." Die Atmosphäre zwischen den beiden Frauen, die sehr sinnlich beschrieben wird, spitzt sich zu. Erst im dritten Teil des Buches klärt sich die Situation durch Evas Tagebuch auf, das Isabel in die Hände fällt und nicht mehr zurückgeben will. Und letztendlich muss sie sich stellen: nicht nur ihrem Begehren, das sie erstmals erlebt, sondern auch und vor allem der Vergangenheit.
Ob die Wendungen in dem Roman wirklich so überraschend sind, wie in manchen Rezensionen zu lesen ist, hängt wohl sehr von den Lesenden ab, davon, wie weit sie sich in der Nachkriegsgeschichte auskennen, wie weit mit der Situation von Jüdinnen und Juden in dieser Zeit – auch Leserinnen der niederländischen jüdischen Autorin Marga Minco werden weniger überrascht sein – Hinweise auf den Hintergrund der Geschichte sind jedenfalls von Anfang an im Buch zu finden.
Als kleines Extra der deutschen Ausgabe sind auf den Seiten, bei denen ein neuer Teil beginnt, kleine Hasen zu finden. Sehr passend, denn Hasen spielen eine nicht unwesentliche Nebenrolle in diesem Buch.
AVIVA-Tipp: Die niederländische Autorin, die den Roman auf Englisch geschrieben hat, stand damit auf der Shortlist des International Booker Preises und hat u. a. den Women´s Prize for Fiction gewonnen, was mehr als außergewöhnlich für einen Debütroman ist, – völlig zu Recht. Ein Roman darüber, wie die Geschehnisse der Zeit des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzung der Niederlande noch lange nachwirken. Und gleichzeitig darüber, wie eine Frau ihre erste lesbische Liebe erlebt.
Zur Autorin: Yael van der Wouden, geboren 1987 in Tel Aviv, aufgewachsen in den Niederlanden, ist Schriftstellerin und Dozentin im niederländischen Utrecht und lehrt Kreatives Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft. Für ihre Kurzgeschichten und Essays, die sich mit Jüdischsein und queerer Identität auseinandersetzen, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. 2017 war sie Mitgründerin des feministischen Verlags Chaos in Amsterdam.
Mehr Infos unter: www.yaelvanderwouden.com und www.dasmag.nl/over-uitgeverij-chaos
Der Roman In ihrem Haus stand 2024 auf der Shortlist des Booker Prize, sowie 2025 auf der Shortlist des Walter Scott Prize, des Dylan Thomas Prize und des Aspen Literary Prize. Er wurde 2025 mit dem Women´s Prize for Fiction, dem Jewish Book Award for Debut Novel, sowie dem Lambda Award for Lesbian Fiction ausgezeichnet.
Yael van der Wouden
In ihrem Haus
Originaltitel: The Safekeep
Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
ISBN 978-3-69045-006-5
Gutkind Verlag, 2025
320 Seiten, Hardcover mit Umschlag
Euro 24,00
Mehr zum Buch unter: gutkind-verlag.de
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