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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.03.2009

Véronique Olmi - Die Promenade
Claire Horst

Die dreizehnjährige Sonja wächst in den Siebzigerjahren als Enkelin russischer ImmigrantInnen in Nizza auf. Seit die Eltern sich getrennt haben, lebt das Mädchen bei ihrer Großmutter,...



...der Babuschka, die immer noch an Russland hängt.

Doch das Land, nach dem sie Heimweh hat, existiert nicht mehr. Es ist das zaristische Russland. Die in Frankreich sehr bekannte Autorin V√©ronique Olmi lie√ü sich f√ľr ihren neuen Roman von der Geschichte ihrer eigenen Gro√ümutter inspirieren, die nach der Revolution aus Russland nach Frankreich floh und wie zahlreiche andere russische ExilantInnen in Nizza landete.

Sonjas Gro√ümutter hat ebenfalls eine bewegte Geschichte hinter sich. Vielleicht war sie einst eine beeindruckende Pers√∂nlichkeit. In Sonjas Augen ist sie jedoch nur noch eine Nervens√§ge voller √Ąngste, die ihr das Leben schwer macht. Nur selten l√§sst sie das M√§dchen allein auf die Stra√üe, denn der russische Geheimdienst ist √ľberall. Schwimmen darf Sonja im augusthei√üen Nizza h√∂chstens zwei Minuten am Tag, sonst k√∂nnte sie ertrinken. Doch die gr√∂√üte Obsession von Mascha Sergejewna, so hei√üt die Gro√ümutter, ist das Schicksal der letzten russischen Prinzessin Anastasia, um die sich zahlreiche Legenden ranken.

Dabei verliert sie beinahe den Kontakt zur Realit√§t: "Sie hatte sich im Jahr 1901 verschanzt, dem Jahr, in dem sie beide geboren waren, Anastasia Romanow und sie. Sie h√§ngt an diesem Jahr, als w√§ren in ganz Russland nur zwei Kinder zur Welt gekommen: Ihre Hoheit und sie. (...) Manche reservieren einen Tisch im Restaurant, (...) meine Gro√ümutter hat den Beginn des 20. Jahrhunderts reserviert." F√ľr Sonja ist diese R√ľckw√§rtsgewandtheit der Gro√ümutter schwer zu ertragen.

So ist der t√§gliche Spaziergang mit Babuschka aus mehreren Gr√ľnden eine Qual. Zum einen f√ľhrt er zu Schulterschmerzen, weil die alte Frau sich mit ihrem ganzen Gewicht auf das M√§dchen st√ľtzt, zum anderen sch√§mt Sonja sich vor den Blicken der Passanten. Die Gro√ümutter ist so russisch! Sonja w√ľnscht sich oft, einen "normalen" franz√∂sischen Vornamen zu tragen und so zu sein wie alle.

Stattdessen lebt sie notgedrungen in Anastasias Welt. Ihren Vater sieht sie seit der Trennung kaum noch, ihre Mutter ist nach Paris gezogen und hat versprochen, sie bald nachzuholen. In der Zwischenzeit erf√§hrt sie alles √ľber Anastasia und die Zarenfamilie, von denen Babuschka besessen ist. Beim Einschlafen hat sie alles vor Augen: die blutbeschmierten W√§nde, den Keller, in dem die Familie erschossen wurde, die aufgestapelten und zertrampelten Romanows. Mit ihren Schuldgef√ľhlen, es besser zu haben als Anastasia, kommt sie kaum zurecht.

Die Gro√ümutter hat es sich in den Kopf gesetzt, die Welt √ľber den wirklichen Ausgang der Geschichte zu informieren. Denn es war alles ganz anders als man glaubt, wie sie immer wieder andeutet. Regelm√§√üig schreibt sie daher an den Chefredakteur der Zeitschrift "Historia", um ihn zu einem Gespr√§ch aufzufordern. Mit immer wieder neu aufwallenden Emotionen liest sie Sonja diese Briefe vor ‚Äď eine Folter f√ľr das M√§dchen. "Ich war in Abwehrstellung, bereit, den ewigen Refrain zu h√∂ren, der mir jedes Mal Angst macht, vielleicht wiederholt Babuschka ihn gerade deshalb so oft: Ich bin ein gutes Publikum."

Sonja ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zur Gro√ümutter und dem Wunsch, ein unbeschwertes Leben wie ihre Schulfreundinnen zu f√ľhren. Als die Gro√ümutter krank wird, unternimmt sie alles, um die alte Frau vor Entm√ľndigung zu sch√ľtzen. Ganz alleine versucht sie sie zu pflegen, organisiert Geld und sorgt sogar f√ľr einen Antwortbrief des Chefredakteurs. Mit lakonischem Humor erz√§hlt Olmi von neu entstehenden Freundschaften mit Menschen, die Sonja dabei helfen, von den Konflikten mit NachbarInnen und √ĄrztInnen und vor allem von der Ann√§herung an die Gro√ümutter.

AVIVA-Tipp: V√©ronique Olmi erz√§hlt mit gro√üer Hingabe die Geschichte der jungen Sonja, die sich von ihrer Familiengeschichte befreien m√∂chte, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Der Roman ber√ľhrt durch die einerseits oft traurigen, andererseits sehr komisch erz√§hlten Erlebnisse des M√§dchens. F√ľr deutsche LeserInnen ist es zudem spannend, von der russischst√§mmigen Bev√∂lkerung Frankreichs zu erfahren, √ľber die hier wenig bekannt ist.

Zur Autorin: V√©ronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt heute mit ihren zwei Kindern in Paris. In Frankreich wurde sie als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes f√ľr ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seit 1990 hat die ausgebildete Schauspielerin zw√∂lf Theaterst√ľcke verfasst, am Anfang stand sie bei deren Auff√ľhrung auch selbst auf der B√ľhne und/oder f√ľhrte Regie. Ihre Theaterst√ľcke wurden in viele Sprachen √ľbersetzt, einige St√ľcke liegen auch in deutscher √úbersetzung vor und wurden und werden in Deutschland, √Ėsterreich und der Schweiz aufgef√ľhrt

Weiterlesen von Véronique Olmi auf AVIVA Berlin:
"Ein Mann eine Frau"
"Nummer Sechs"

Veronique Olmi
Die Promenade

Originaltitel: La Promenade des Russes
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Verlag Antje Kunstmann, erschienen März 2009
18,90 Euro
240 Seiten
ISBN 978-3-88897-552-3

Literatur Beitrag vom 23.03.2009 Claire Horst 





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