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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.05.2009

Karin Reschke - Kalter Hund
Claire Horst

Karin Reschkes j├╝ngster Roman l├Ąsst das Berlin der F├╝nfzigerjahre wieder aufleben. Rose w├Ąchst bei Mutter und Gro├čeltern auf, den Kontakt zum Vater hat die Mutter ihr verboten. Zum Gl├╝ck gelingt...



... es ihr, seine Briefe an sie abzupassen ÔÇô denn mit ihrem Vater kann Rose ├╝ber alles reden, sogar ├╝ber ihre ersten Liebesbeziehungen.

Mister Feuervogel ist der erste Junge, mit dem Rose sexuelle Erfahrungen macht. Ihre Treffen finden in einem Keller statt, den Rose sich als R├╝ckzugsraum ausgestattet hat. Wenn die Verwandten aus Breslau oder Kattowitz kommen, die nur ├╝ber den gerade ├╝berstandenen Krieg reden und Rose bestaunen "wie ein Weltwunder", verkriecht sie sich hierher zum Lesen. Mister Feuervogel geht auf die gleiche Schule wie Rose und hat ein erfolgreiches Schmuggelgesch├Ąft aufgezogen. Seine Kisten verstaut er im selben Kellerraum: "Stangenweise schleppte er Zigaretten an, amerikanische, englische. Er verschacherte elektrische Lockenst├Ąbe, Kofferradios, Kartons mit Luftballons und kistenweise Whisky. Wagenladungen von Whiskyflaschen." Zwischen den Kartons tauschen die Jugendlichen Z├Ąrtlichkeiten aus.

Wie ihre Beziehung zu Mister Feuervogel versteckt Rose auch die zu ihrem Vater, einem Journalisten, vor der Mutter. Zun├Ąchst besteht diese nur aus dem H├Âren seiner Radiosendungen. Rapmund erz├Ąhlt darin zum Beispiel von dem evangelischen Dichter Jochen Klepper, der sich gemeinsam mit seiner j├╝dischen Frau und der Tochter 1942 das Leben nahm. Roses Familie findet derartige Berichte eine Schande: "Hinter den Kulissen w├╝hlen, Dreck ans Licht zerren, das ist seine St├Ąrke", meint ihre Mutter Lissy dazu.

Lissy lebt ein Leben voller Geheimnisse, die ihre Tochter zun├Ąchst nicht versteht. Nie hat die Mutter Geburtstag, immer bleibt sie 36. ├ťber die Gr├╝nde f├╝r ihre Scheidung spricht sie ebenfalls nicht. Und als Rose eines Tages herausfindet, dass ihre Mutter t├Ąglich in den Osten f├Ąhrt, um dort beim Rundfunk zu arbeiten, f├Ąllt sie aus allen Wolken. Sagten die Gro├čeltern nicht immer, dass dort die Kommunisten sitzen? Die Feinde?

Reschke erz├Ąhlt von Dingen, an die sich wahrscheinlich alle erinnern k├Ânnen, die in den F├╝nfzigerjahren aufgewachsen sind. V├Ąter und Br├╝der kehren nach zehn Jahren aus Russland wieder, M├Ąnner erwarten, dass ihre S├Âhne H├Ąrte zeigen. Potsdam besteht nur aus Ruinen, und fast alle Familien haben schon einmal Briefe ans Rote Kreuz geschrieben, um ein Kind wiederzufinden. Apfelbrause und Kalter Hund stehen f├╝r die guten Dinge des Lebens, f├╝r die seltenen Ausfl├╝ge ins Umland von Berlin.

Neben Roses Vater gibt es noch einen Mann, ├╝ber den nicht gesprochen wird in der Familie: Ihr Onkel Arnold ist in Frankreich desertiert und wird nach seiner Heimkehr vom eigenen Vater abwechselnd gesiezt und ignoriert. Man will wieder wer sein in diesem Deutschland der Nachkriegszeit, und das, was dem Aufstieg hinderlich sein k├Ânnte, wird am besten weggeschwiegen. Schweigen k├Ânnen alle sehr gut in diesem Buch, und dem entspricht auch die Schreibweise Reschkes. Sehr zur├╝ckgenommen wird hier erz├Ąhlt, so dass selbst drohende Katastrophen wie eine Naturgegebenheit wirken. "Er schwieg, alle verlegten sich aufs Schweigen, die einzige M├Âglichkeit, Gef├╝hle unter Kontrolle zu halten. F├╝r mich war der Auftritt des ├ältesten ein Schauspiel mit unklarem Ausgang. Das Schweigen dieser 3 Menschen wurde so tief, und die Gefahr eines Ausbruchs lag so sehr in der Luft, da├č ich schlie├člich aufstand und aus der K├╝che ging."

In Roses Leben spielen Freundinnen keine Rolle. Die Beziehungen zu Jungen, die sie f├╝hrt, scheinen eher zuf├Ąllig, selbst als sie sich wirklich verliebt. Als stille Zuh├Ârerin erscheint sie, die allen Familienmitgliedern ein Ohr leiht und schlie├člich f├╝r den Vater ein H├Ârspiel einspricht: Die Laura aus Tennessee Williams┬┤ "Die Glasmenagerie" ist wie geschaffen f├╝r sie, die dem Leben mehr zusieht als es selbst zu leben.

AVIVA-Tipp: Reschkes Rose wirkt merkw├╝rdig losgel├Âst von der Realit├Ąt und vermittelt dennoch ein lebendiges Bild der F├╝nfzigerjahre, in denen sie zum Erwachsensein findet. Gl├╝cklicherweise geht es in diesem klugen Buch um viel mehr als den "Weg zum Gl├╝ck", den der Klappentext in Groschenheft- Manier ank├╝ndigt.

Zur Autorin: Karin Reschke, geboren in Krakau, aufgewachsen in Berlin und noch immer in der Stadt zu Hause. Sie schrieb u.a. "Memoiren eines Kindes" (1980), "Verfolgte des Gl├╝cks" (1982), "Birnbaums Bilder" (1998) und "SpielEnde" (2000) und erhielt u.a. den Bettina-von-Arnim-Preis und den FAZ-Preis f├╝r Literatur.

Karin Reschke
Kalter Hund

Verlag Weissbooks, erschienen 2009
Gebunden, 163 Seiten
18,80 Euro
ISBN 978-3-940888-37-2

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck.
Wenn du l├Ąchelst, bist du sch├Âner. Kindheit in den 50er und 60er Jahren von Claudia Seifert.
"Premiere f├╝r Han Li" von Susanne Alge.

Literatur Beitrag vom 04.05.2009 Claire Horst 





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