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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.05.2009

Der GrÀfin zum 100. - Alice Schwarzer und Dieter Buhl
Kristina Tencic

Das diesjĂ€hrige JubilĂ€um der ehemaligen Zeit-Herausgeberin Marion GrĂ€fin Dönhoff gibt Anlass, sich dieser einzigartigen Frau zu widmen. Hier ein Vergleich zweier der portrĂ€tierenden BĂŒcher, bevor...



... die Welle der RĂŒckblicke auf ein bewegendes und bewegtes Leben im SpĂ€tjahr 2009 einsetzt.

Am wohlsten fĂŒhlte sie sich als einzige Frau unter zwanzig MĂ€nnern, ohne auch nur im geringsten daran zu zweifeln, dass sie da hingehörte, denn sie war "one of the boys". Auf diese Weise wird die 2002 verstorbene GrĂ€fin durchweg von allen Bekannten, FreundInnen und Verwandten beschrieben, welche in Alice Schwarzers Dönhoff-Biografie und Dieter Buhls Interviewsammlung zu Wort kommen.

Schon frĂŒh zeichnete sich ab, dass die am 2. Dezember 1909 auf einem der prachtvollsten ostpreußischen Gutshöfe, Schloss Friedrichstein, geborene Marion Dönhoff ein Idol des Feminismus werden wĂŒrde, selbst wenn sie sich selbst nie als ein solches bezeichnet hĂ€tte. Als einzige der Frauen aus der kinderreichen Familie studierte sie, promovierte und versorgte Schloss Friedrichstein und Gut Quittainen wĂ€hrend des Zweiten Weltkrieges. DarĂŒber hinaus schloss sie sich den WiderstĂ€ndlerInnen um Graf Stauffenberg an - wobei dies unter HistorikerInnen umstritten ist.

Nach der Flucht vor den herannahenden sowjetischen StreitkrĂ€ften kam die weltgewandte junge Frau nach Hamburg, wo ihr Talent fĂŒr das journalistische Schreiben und klare Analysieren bei der 1946 gegrĂŒndeten Wochenzeitung "Die Zeit" sofort Verwendung fand. Ihre SpezialitĂ€t, die Leitartikel und Kommentare, waren geprĂ€gt von Mut, glasklarem Verstand und sachlichem Intellekt. Einen Überblick ĂŒber die journalistischen Meilensteine der "Geburtshelferin der Ostpolitik" gibt Alice Schwarzer mit dem Abdruck einiger Artikel der GrĂ€fin.

Die alte Dame des Feminismus blickt auf Marion Dönhoff, mit der sie sich im Zuge der Recherche zu diesem bereits 1996 erstmals erschienenen Buches hĂ€ufig getroffen hat, selbstverstĂ€ndlich von einem gender-fokussierten Standpunkt aus. Doch man merkt schnell, dass dies ganz und gar nicht der zu vermutende gemeinsame Nenner der beiden KoryphĂ€en ist. Marion GrĂ€fin Dönhoff hat sich schlichtweg nicht um den "Weiberkram" gekĂŒmmert und war somit im Grunde genommen feministisch erfolgreicher als die VorkĂ€mpferinnen selbst, da sie bereits alles erreicht hatte, wĂ€hrend die anderen noch darĂŒber diskutierten. Alice Schwarzer bezeichnet sie als Frau, die "die Chuzpe hatte, so zu tun, als sei sie gar keine".

Der langjĂ€hrige Mitarbeiter Dönhoffs und politische Redakteur der "Zeit" Dieter Buhl betrachtet die GrĂ€fin hingegen aus einer persönlicheren, indes gleichzeitig politischen Perspektive. Er befragte Vertraute Dönhoffs, Mitglieder der Familie, aber auch berĂŒhmte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie etwa Richard von WeizsĂ€cker, Hildegard Hamm-BrĂŒcher und Henry Kissinger zu ihrem Sein und Wirken. So kommen einige interessante Details und WidersprĂŒche ans Licht, welche Alice Schwarzer nicht einfangen konnte, beispielsweise, dass Marion Dönhoff in ihrer Anfangszeit in Hamburg Gespenster sah, was aber wohl auf ihre Dehydrierung und MangelernĂ€hrung zurĂŒckzufĂŒhren ist. Auch die von der GrĂ€fin penibel umgangenen Fragen zu ihrem Liebesleben hat Dieter Buhl nicht ausgespart, wobei er, trotz vieler Geschichten aus dem NĂ€hkĂ€stchen, keine enthĂŒllenden Entdeckungen machte.

AVIVA-Tipp: Die Betrachtungen einer der wichtigsten moralischen Instanzen Nachkriegsdeutschlands durch die zwei renommierten JournalistInnen Schwarzer und Buhl können als ein EinfĂŒhrungs- und ein Vertiefungswerk verstanden werden. Hierbei ist Schwarzers "Marion Dönhoff – Ein widerstĂ€ndiges Leben" das EinfĂŒhrungswerk, da es sehr umfassend Dönhoffs Biographie wiedergibt und in journalistischer Manier ihr Leben und dessen ZusammenhĂ€nge hinterfragt. Dieter Buhls "Marion GrĂ€fin Dönhoff: Wie Freunde und WeggefĂ€hrten sie erlebten" ist wiederum zur vertiefenden LektĂŒre geeignet, da er nicht nur den Charakter Dönhoffs weiter beleuchtet und Anekdoten aus den Befragten herauskitzelt, sondern auch den politisch-kulturellen Kontext untersucht. Wer sich jedoch noch nicht mit der GrĂ€fin auseinandergesetzt hat, wird keinesfalls einen leichten Einstieg in das Buch finden. Eines bleibt jedoch gewiss: Sich mit der inspirierenden Persönlichkeit Dönhoffs zu beschĂ€ftigen, ist nicht nur aufgrund des heranrĂŒckenden JubilĂ€ums Pflicht, sondern trĂ€gt auch zu einem umfassenderen VerstĂ€ndnis deutscher Geschichte bei und macht obendrein Freude.

Zur Autorin: Alice Schwarzer wurde 1942 geboren und arbeitet als Journalistin und Essayistin. Jeder/m Deutschen bekannt ist sie als SchlĂŒsselfigur des erwachenden Feminismus in den 60er Jahren. Seit 1971 zĂ€hlt sie auch zu einer der erfolgreichsten Buchautorinnen Deutschlands, wovon die vielen Übersetzungen in andere Sprachen zeugen.

Zum Herausgeber: Dieter Buhl war ĂŒber dreißig Jahre lang politischer Redakteur der "Zeit" und enger Mitarbeiter Marion Dönhoffs. Außerdem war er Stipendiat des amerikanischen World Press Institute und wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.



Marion Dönhoff – Ein widerstĂ€ndiges Leben
Alice Schwarzer

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1996, 1. Auflage 2008
Paperback, 363 Seiten
ISBN: 978-3-462-04056-2
8,95 Euro



Marion GrÀfin Dönhoff: Wie Freunde und WeggefÀhrten sie erlebten
Dieter Buhl (Hg.)

btb Verlag, Taschenbuchausgabe Oktober 2008
Paperback, 409 Seiten
ISBN: 978-3-442-73737-6
10,00 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Weit ist der Weg nach Westen - Auf der Fluchtroute von Marion GrÀfin Dönhoff



Literatur Beitrag vom 09.05.2009 Kristina Tencic 





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