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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.09.2009

Sybille Bedford - RĂŒckkehr nach Sanary
Clarissa Lempp

Sybille Bedford lÀsst in diesem autobiografischen Werk das Bild des mondÀnen Europas auferstehen und beschreibt ihre Jugend als Europareisende zwischen Frankreich, England und den Weltkriegen.



Alles soll mit der "Allenstein-AffĂ€re" begonnen haben: 1907 wurde der im ostpreußischen Allenstein (das heutige Olsztyn/Polen) stationierte Offizier Gustav von Schoenebeck erschossen. Er selbst habe sich mehr fĂŒr seine zahmen Wölfe als fĂŒr seine schöne junge Gattin interessiert, die sich deshalb mehrere Liebhaber hielt, darunter den Hauptmann Hugo von Göben, der Schoenebeck erschoss. Der Fall ging durch die Presse und sorgte dafĂŒr, dass vom exzentrisch melancholischen Bruder des Ermordeten, dem frankophilen Baron von Schoenebeck, eine eigenartige Anziehungskraft ausging, die schließlich zur Ehe mit einer schönen und gebildeten britischen Kosmopolitin fĂŒhrte und diese wiederum zur Geburt der kleinen Sybille.

Nach ihrer Geburt zieht die Familie auf den Landsitz der Schoenbecks nach Baden. Hier in Feldkirch bleibt das Idyll nur ein kurzes und die lebenshungrige Mutter lĂ€sst sich bald scheiden. Sybille bleibt mit ihrem Vater und dessen Antik-Kunst- und Weinsammlung allein auf dem riesigen Gut des verarmenden Landadels. Sybille passt nicht in das kleine Leben der Dorfbevölkerung und ein anderes gesellschaftliches Leben gibt es nicht. Sie flieht zu ihrer verehrten Halbschwester und deren Mann. Dann stirbt ihr Vater. Der Teenager wird nun zu ihrer Mutter nach Italien ĂŒbergesiedelt, und aus dem jungen MĂ€dchen wird bald eine Europareisende. Die Mutter schickt sie zu Freunden nach London, wo Sybille, die zuletzt in Feldkirch eine Schule besucht hat, sich nun selbst unterrichtet. Die Ferien verbringt Sybille aber in Frankreich bei der Mutter, die nun ihren jungen italienischen Liebhaber geheiratet hat, in Sanary, an der CĂŽte d’Azur.

Sanary war vor allem in den 1930ern ein Auffangbecken europĂ€ischer und vor allem auch deutscher SchriftstellerInnen und KĂŒnstlerInnen. In dieser aufkommenden AtmosphĂ€re verbringt die junge Frau ihre Sommerferien und verliebt sich in die geheimnisvolle kĂŒhle Oriane. In den Wochen ohne die Mama, die sich zu einem Kuraufenthalt in die Schweizer Berge aufgemacht hat, genießen Sybille und ihr Stiefvater das Leben in vollen ZĂŒgen und nach einer verhĂ€ngnisvollen Partynacht werden sie zu stillen Komplizen. Als Sybille im nĂ€chsten Sommer zurĂŒckkehrt trifft sie ihre Mutter in einem erbĂ€rmlichen Zustand an, sie nimmt Morphium. Genau zu jener Zeit treffen die beiden aber auch neue Freunde, Freunde, die das Schaffen von Sybille beeinflussen, das Ehepaar Aldous und Maria Huxley.

Die WeltenbĂŒrgerin Bedford hat in diesem Roman einer Jugend, so der Untertitel, den "ersten Teil" ihrer Biografie verarbeitet. Das 1989 im Englischen erschienene Original "Jigsaw. An Unsentimental Education" wurde bereits 1992 im Deutschen veröffentlicht, allerdings unter dem Titel "Zeitschatten. Ein biografischer Roman". Die NeuĂŒbersetzung durch den Schirmer Graf Verlag hat sich vor allem bei der Wahl des Titels bewiesen, der die Frische und die Reisen als Zeitanker besser hervorhebt. 2005 erschien, ein Jahr vor Sybille Bedfords Tod, ihre offizielle Autobiografie Treibsand. Erinnerungen einer EuropĂ€erin.


Zur Autorin: Sybille Bedford wurde 1911 in Berlin als Tochter des Baron Maximilian von Schoenbeck und der EnglĂ€nderin Elizabeth Bernard geboren. Sie wuchs in Deutschland, England, Italien und Frankreich auf. Ihre Romane und ReiseerzĂ€hlungen spiegeln vor allem die Lebensgeschichte Bedfords wider. DarĂŒber hinaus arbeitete sie als Gerichtsreporterin auch fĂŒr Zeitschriften wie Esquire und Life. Ihre zweibĂ€ndige Biografie Aldous Huxleys wurde zum Standardwerk. Um die britische StaatsbĂŒrgerschaft zu erhalten, heiratete sie in den 1930er Jahren den britischen homosexuellen Offizier Walter "Terry" Bedford. Bis in die spĂ€ten 1970er lebte und bereiste Sybille Bedford Europa, Mexico und die USA bevor sie nach London zog, wo sie bis zu ihrem Tod 2006 lebte. 1981 erhielt sie die Auszeichnung zum Officer of the British Empire (Offizierskreuz).

AVIVA-Tipp: Bedfords spritzige Prosa, die Ă€ußeren und inneren Landschaften die sie ihren ProtagonistInnen zeichnet, sind warm und sinnlich und doch vom typisch britischen Understatement durchdrungen. Das gibt vor allem den Momenten, in denen große Namen auftauchen, wie eben Huxley oder der des Schriftstellers und RevolutionĂ€rs Ernst Toller, eine angenehme Leichtigkeit. Sybille Bedfords Romane sind die perfekte SommerlektĂŒre, sie ziehen die Leserin sofort in ihre Zeit und versprechen charmante Unterhaltung mit historischem Tiefsinn.


Sybille Bedford
RĂŒckkehr nach Sanary. Roman einer Jugend

Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Sigrid Ruschmeier
SchirmerGraf Verlag, erschienen MĂ€rz 2009
Leinen mit Schutzumschlag und LesebÀndchen, ca. 420 Seiten
ISBN 978-3-86555-062-0
22,80 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Romane "Ein Liebling der Götter" und "Ein trĂŒgerischer Sommer" sowie die Reiseessays "Am liebsten nach SĂŒden"

Literatur Beitrag vom 02.09.2009 Clarissa Lempp 





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