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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.11.2009

Seyran Ates - Der Islam braucht eine sexuelle Revolution
Britta Leudolph

Die sexuelle Selbstbestimmung ist f├╝r viele muslimische Frauen eine Utopie, deren Verwirklichung sie in Lebensgefahr bringen kann. Seyran Ates erkl├Ąrt in ihrer Streitschrift, dass sich die...



...Unterdr├╝ckung direkt aus dem Koran ableiten l├Ąsst und dass dieser deshalb dringend reformiert werden muss.

"Als ich f├╝nfzehn war, verhinderte mein ├Ąltester Bruder, dass ich eine Hose bekam, die hinten einen Rei├čverschluss hatte (der letzte Schrei damals). Mir war sofort klar, dass es daran lag, dass mein Po dadurch zu sehr betont wurde. Aber niemand sprach das aus. Mein Bruder sagte nein, und meine Eltern gehorchten ihm. Sie fanden es gut, dass er auf die Ehre und Moral seiner Schwester achtete. Die deutschen Freundinnen meines Bruders trugen solche Hosen. Das war f├╝r ihn nat├╝rlich etwas anderes. Ich erinnere mich noch heute, wie sich damals die Scham einstellte, die mich lange begleiten sollte. Die Scham dar├╝ber, ein M├Ądchen zu sein."

Mit dieser - vergleichsweise harmlosen - Erz├Ąhlung aus ihrer eigenen Jugend beginnt Seyran Ates ihre Streitschrift f├╝r eine sexuelle Revolution im Islam. An erster Stelle steht die Analyse, welchen Stellenwert die Sexualit├Ąt im Islam inne hat: w├Ąhrend sie einerseits als menschliches Bed├╝rfnis wie Essen und Trinken anerkannt wird, erf├Ąhrt sie auf der anderen Seite eine entscheidende Einschr├Ąnkung: Sexualit├Ąt, in ihrer "[...] reinen, sauberen Form [...]" gibt es nur in der Ehe. Dies gilt gleicherma├čen f├╝r Frau und Mann, wobei dem Mann mehrere Frauen erlaubt sind, ganz nach dem Vorbild des Propheten Mohammed.

Seyran Ates macht sehr deutlich, dass die Frau im Islam, wie immer der Koran und die Hadithen interpretiert werden, eine untergeordnete Stellung einnimmt, was sie mit eindeutigen Zitaten nachzuweisen wei├č. Die Konsequenzen aus dieser Weltanschauung sind fatal: Frauen gelten als minderwertig, zugleich herrscht ein Jungfernkult, der jedoch ausschlie├člich um die weibliche Jungfernschaft betrieben wird. Die Autorin verweist hier immer wieder auf die vorherrschende Doppelmoral: nat├╝rlich haben muslimische M├Ądchen und Jungen sexuelles Interesse, w├Ąhrend jedoch den Jungen dieses Interesse zugestanden wird, sie oft gar ermutigt werden, sich auszuprobieren, kann au├čerehelicher Sex f├╝r eine Muslima das Todesurteil bedeuten.

Frau Ates fordert die sexuelle Selbstbestimmung f├╝r MuslimInnen. Dabei greift sie auf die StudentInnenbewegung der 1960er in den westlichen Demokratien als Vorbild zur├╝ck. Doch will Frau Ates hier nicht zu viel? Einerseits haben die 68er nicht die katholische Kirche revolutioniert, sondern Ver├Ąnderungen in demokratischen Gesellschaften angesto├čen, die ihrerseits einen weiten Vorlauf hatten. Heute ist die T├╝rkei der einzige muslimische Staat, der von Freedom House als "[...] zum Teil freie Demokratie [...]" klassifiziert wird, alle anderen muslimischen Staaten gelten als unfrei. Deshalb muss die Autorin in ihren Ausf├╝hrungen, woher die sexuelle Revolution des Islam kommen m├Âge, auch vage bleiben. Andererseits kann die Autorin nicht weniger fordern: Dort, wo Frauen die gesellschaftliche Teilhabe verwehrt wird, herrscht Stagnation, eine echte Demokratie l├Ąsst sich nicht mit nur einer H├Ąlfte der Bev├Âlkerung verwirklichen: "Eine Religionsgemeinschaft, die die Gleichberechtigung der Geschlechter ablehnt und das durch ein Symbol wie das Kopftuch f├╝r alle gut sichtbar demonstriert, ist demokratiefeindlich."

Zur Autorin: Seyran Ates wurde am 20. April 1963 in Istanbul geboren. Im Alter von sechs Jahren folgte sie ihren Eltern nach Berlin. Hier legte sie ihr Abitur ab und studierte anschlie├čend Jura. Frau Ates k├Ąmpft f├╝r die Rechte der Frauen und befasst sich als Rechtsanw├Ąltin haupts├Ąchlich mit Strafrecht und Familienrecht, zudem engagiert sie sich in der deutschen Ausl├ĄnderInnenpolitik.
Bereits 1984 ver├╝bte ein Mitglied der "Grauen W├Âlfe" ein Attentat auf sie, das sie nur knapp und schwer verletzt ├╝berlebte. Die Frau die sich damals zusammen mit Seyran Ates im Frauenladen TIO aufhielt und durch sie beraten wurde, starb. 2006 gab sie wegen gewaltt├Ątiger Angriffe und Bedrohungen durch Prozessgegner vor├╝bergehend ihre Anwaltszulassung zur├╝ck. Nach der Ver├Âffentlichung von "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" erhielt Frau Ates erneut Morddrohungen. Wegen der unmittelbaren Gefahr f├╝r ihre Familie und sich, gab Seyran Ates im Oktober 2009 ├╝ber den Ullstein Verlag bekannt, sich ganz aus der ├ľffentlichkeit zur├╝ckzuziehen. Weitere Infos und Kontakt:
Beispiel: www.seyranates.de

AVIVA-Tipp: Seyran Ates┬┤ Analyse der muslimischen Sexualmoral ist scharfsinnig, und, wie es scheint, von einer ordentlichen Portion Wut getragen. An einigen Stellen schl├Ągt sie mit ihren Formulierungen ├╝ber die Str├Ąnge, was ihrer Kernaussage jedoch nicht abtr├Ąglich ist: Der Islam macht beiderlei Geschlechter zu Unm├╝ndigen: Die Frauen, weil er sie als dem Mann als Unterworfene darstellt, die M├Ąnner, indem er ihnen unterstellt, ihre Triebe nicht im Zaum halten zu k├Ânnen. Diese Sexualisierung hat in der Realit├Ąt verheerende Folgen.
Die Streitschrift enth├Ąlt einen eindeutigen Appell an die westliche Gesellschaft: Die Menschenrechte d├╝rfen nicht der vermeintlichen Toleranz gegen├╝ber religi├Âsen Praktiken geopfert werden: universelle Werte wie Freiheit, Gleichheit oder das Selbstbestimmungsrecht m├╝ssen f├╝r alle gelten und eingefordert werden. Frau Ates┬┤ Thesen sind mutig, provokant und bitter n├Âtig.

Der Islam braucht eine sexuelle Revolution - Eine Streitschrift
Seyran Ates
Ullstein Verlag, erschienen im Oktober 2009
Gebunden, 219 Seiten
ISBN 978-3-550-08758-5
19,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA Berlin:

"Der Multikulti-Irrtum" von Seyran Ates.

"Gro├če Reise ins Feuer" von Seyran Ates

Literatur Beitrag vom 19.11.2009 Britta Leudolph 





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