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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.11.2009

Roswitha Quadflieg - Der GlĂŒckliche - Roman zu zehn Stimmen
Katja Schickel

Dr. Leopold Wagner, dekorierter, aber desillusionierter Soldat des 1. Weltkriegs und Stadtarzt in Speyer wird 1938 in die geschlossene Heil- und Pflegeanstalt Lohr eingewiesen, nachdem er immer...



... wieder gegen die Nazis und den Papst polemisiert und schließlich Hitler beleidigt hatte.

Mit der Diagnose "Schizophrenie" verbringt er einundzwanzig Jahre dort und stirbt, 72-jÀhrig, drei Tage nach seiner Entlassung bei einem ungeklÀrten Unfall auf einer Wanderung im Stubaital.

Die Autorin Roswitha Quadflieg hat zehn Aussagen von Personen aus seinem Umfeld, (die Schwester, die Ehefrau, eine Tochter, der Sohn, die Schwiegertochter, eine Nichte, ein Enkel, ein Rechtsanwalt, ein Arzt und ein Zellengenosse), zu einer Collage montiert. Diese will einerseits Licht ins Dunkel dieses Lebens bringen, es rekonstruieren, andererseits zeigen, dass "Wahrheit" nicht wohlfeil zu haben ist, vor allem wenn es sich um eine Zeit handelt, die gerne als "dunkelstes Kapitel deutscher Geschichte" bezeichnet wird.

Wagner gilt als Querulant, er schikaniert seine Familie, ist selbstgefĂ€llig und eitel, ein eher unangenehmer Zeitgenosse. Ab 1933 gerĂ€t er jedoch ins RĂ€derwerk der Nazi-Diktatur, wird von der Gestapo verhaftet und spĂ€ter zwangseingewiesen. FĂŒr Abertausende von Menschen das Todesurteil, nachdem die Nationalsozialisten beginnen, ihr Euthanasie-Programm zu verwirklichen. Leopold Wagner ĂŒberlebt das Dritte Reich, "der GlĂŒckliche", wird jedoch erst 14 Jahre spĂ€ter entlassen.

WorĂŒber man nicht sprechen kann, darĂŒber soll man schweigen. Und genau das tun die zehn ZeugInnen auf vertrackte Weise in all ihrer dringlichen Redseligkeit, mit der sie ihre Geschichte zu Protokoll geben, vor allem die sieben Familienangehörigen. Was sie einzeln fĂŒr sich "wahr"-nehmen, entspringt und entspricht ihren Vorstellungen von der Zeit, in der sie leb(t)en, den UmstĂ€nden und ihrer je spezifischen Lebenssituation. Sie konstruieren (sich) eine Wirklichkeit, die mit der RealitĂ€t notwendigerweise nichts zu tun haben muss, Selbst- und Fremdwahrnehmung bilden hĂ€ufig einen unĂŒberbrĂŒckbaren Abgrund.

Diese Familie wird durch Aversion, Misstrauen und Hass zusammen gehalten, die psychischen Mechanismen sind Verschiebung, VerdrĂ€ngung und Projektion. Die Wurzeln dieser Familienverstrickung bleiben unbegriffen. Verbal wird verbittert abgerechnet, ominöse Schuld bei den anderen gesucht, die darunter liegenden GrĂŒnde erbittert ganz materiell aufgerechnet: Jede/r wird beschuldigt, sich bereichert, Geld unterschlagen, Erbschaften durchgebracht zu haben. Man fĂŒhlt sich immerzu ĂŒbervorteilt, ungerecht behandelt. Alle leben im Wahnsystem "Familie", die das gesellschaftliche wie das Anstaltssystem bedingt, ermöglicht, wiederholt und fortschreibt.

Schon die Eltern des Arztes werden von ihm genauso beschrieben wie er seine Familie sieht, und der Sohn vergöttert den abwesenden Vater, der fĂŒr ihn realiter immer unerreichbar war, bleibt lebenslang in einem ödipalen Konflikt gefangen. Die Ehefrau, die die SexualitĂ€t mit ihrem Mann als permanenten entsetzlichen Übergriff empfand und sich wĂŒnscht, die letzten beiden Kinder seien nie gezeugt worden, möchte dennoch der Konvention der liebenden, treu sorgenden Gattin und aufopfernden Mutter entsprechen. Idylle lĂ€sst sich so jedoch nicht herstellen, auch im Nachhinein nicht. Es ist und bleibt schrecklich ungemĂŒtlich. Von Liebe, Zuneigung, zumindest Empathie keine Spur. Motor dieser Ehegeschichte ist Aggression, vom Mann und Vater als patriarchales Privileg legitimiert, von der Frau und Mutter als ewig geduldete Leidensgeschichte zelebriert, zwei Seiten einer Medaille.

Zu solcher Art Meinungsbildung gibt es, das weiß die Autorin, immer einen gegensĂ€tzlichen Standpunkt, Rede und Gegenrede. Aber: "Manche Behauptung ist so falsch, dass nicht einmal ihr Gegenteil richtig ist" (Karl Kraus). Die ProtagonistInnen dieses Romans reden ĂŒbereinander, alle gegen alle, in stĂ€ndiger Konkurrenz und Eifersucht, manchmal stellvertretend fĂŒr andere; sie widersprechen sich, fallen sich gegenseitig ins Wort, wollen nicht zuhören, es sind Monologe mit dem Wissen ihrer Vergeblichkeit oder wĂŒste Beschimpfungen - lauter Ablenkungsmanöver. Nichts lĂ€sst sich mehr klĂ€ren, weil es kein GegenĂŒber gibt, mit dem man Aussprache suchte, nur das kalte Beharren auf der eigenen Position. Das Beklemmende zeigt sich in den wie beilĂ€ufig eingestreuten Bemerkungen: VerdĂ€chtigungen, wilde Spekulationen, offensichtliche LĂŒgen. Man traut sich nicht ĂŒber den Weg.

WĂ€hrend der Nazizeit hat man sich "arrangiert", um nicht noch mehr aufzufallen, oder war dem Regime in glĂŒhender AnhĂ€ngerschaft verbunden. Dieses Familienleben ist lĂ€ngst desavouiert, es wird zwar Auskunft gegeben, aber eigentlich möchte man sich weder auseinandersetzen noch etwas klĂ€ren. Die Wahrheit existiert nur als etwas Fragmentarisches. Allzu genau möchte man es dann doch nicht wissen, aus unterschiedlichen Motiven am liebsten unter die Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen.

"Wer sich an die Hölle gewöhnt, kommt in ihr aus, fĂŒhlt sich sogar wohl in ihr" lautet eins der ResĂŒmees. Wiederholung inklusive. Manchmal hat sie auch noch einen anderen Namen: Neuengamme beispielsweise.

AVIVA-Tipp: Roswitha Quadflieg gelingt es, diese VerhĂ€ltnisse so zu beschreiben, dass man ihrer Enge nicht entgeht, sie auch wahrnehmen muss als etwas durchaus Bekanntes, eben nicht lĂ€ngst Vergangenes, dass in dem Nicht-Eindeutigen aber immer auch ein Überschuss enthalten ist. Etwas Sperriges, WiderstĂ€ndiges, das man unbedingt weiter erkunden möchte. Sie hat nicht nur grĂŒndlich recherchiert, die persönlichen Statements klug gegeneinander geschnitten. Die Autorin hat auch historische Quellen benutzt, die das Ungeheuerliche dieser Zeit ins GedĂ€chtnis zurĂŒckrufen und zeigen, dass wir gut daran tun, uns mit einfachen ErklĂ€rungen nicht zufrieden zugeben. Eine Deutschstunde der besonderen Art: nicht pĂ€dagogisch-moralisch, sondern einfach bis zum Ende gleichermaßen spannend und erschreckend.

Zur Autorin: Roswitha Quadflieg, 1949 in ZĂŒrich geboren, wuchs in Hamburg auf. Ihr Kunststudium begann sie 1969 und 1973 grĂŒndete sie die Raamin-Presse. Publikationen der Schriftstellerin seit 1985: "Der Tod meines Bruders" (1995), "Bis dann" (1994), "Alles Gute" (1999), "Requiem fĂŒr Jakob" (2005), "Beckett was here" (2006), verschiedene TheaterstĂŒcke und ein Hörspiel. Roswitha Quadflieg lebt in Freiburg und Hamburg.
(Quelle: Stroemfeld Verlag)
Weitere Infos und Kontakt unter: www.roswithaquadflieg.de

Roswitha Quadflieg
Der GlĂŒckliche: Roman zu zehn Stimmen

Stroemfeld Verlag, 1. Auflage, erschienen: August 2009
136 Seiten, Broschiert
ISBN: 978-3-86600-049-0
14,80 Euro
www.stroemfeld.de

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"Familienleben - ein biographischer Roman von Viola Roggenkamp"

"Janet Malcolm - Zwei Leben, Gertrude und Alice"

Literatur Beitrag vom 23.11.2009 AVIVA-Redaktion 





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