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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.01.2010

Frauen im Gulag - herausgegeben und ├╝bersetzt von Nina Kamm
Gabi Banas

Frauen berichten von einem Leben hinter Gef├Ąngnismauern, in Gefangenenlagern und in der Verbannung. Weggesperrt, 10, 15, 20 oder gar 25 Jahre vom Leben ausgeschlossen, getrennt von der Familie, ...



... den Liebsten. Sie schreiben ├╝ber sich, aber mehr noch ├╝ber die Schicksale ihrer Gef├Ąhrten, Gefangene in Lagern und Gef├Ąngnissen wie sie selbst.


"Die ungeheuerlichen Selektionen der Stalinzeit schienen eine neue Art von Menschen hervorgebracht zu haben: untert├Ąnig, unbeweglich, initiativlos, stumm. Gerade deshalb darf der Ruf der wenigen ├ťberlebenden nicht ungeh├Ârt verhallen, der Ruf derer, die die Ideale einer wahren Menschlichkeit in unsere Zeit trugen - durch die Schrecken einer ungerechten Rechtsprechung, durch Erniedrigung und Qualen, durch Hungersnot und uns├Ągliche Entbehrungen...", so Vera Schulz in ihren Erinnerungen. Sie ist eine der 19 Frauen in dem Buch "Weggesperrt", die ihre Lebensgeschichte erz├Ąhlen. Ihr Mitgef├╝hl, ihre Unbeugsamkeit in einem unmenschlichen System, das darauf ausgerichtet war, die Gefangenen zu erniedrigen, zu zerbrechen, zu verh├Âhnen, und das die Entsolidarisierung der Gesellschaft forcierte, sind Zeugnis f├╝r die moralische St├Ąrke dieser Frauen.

In ihren Berichten vermitteln sie der Leserin ein Bild der fast flie├čbandm├Ą├čigen, organisierten Produktion von "Volksfeinden" w├Ąhrend der Stalinschen "gro├čen S├Ąuberungen" in den 1930er Jahren, ebenso wie das der Lager, Gef├Ąngnisse und der Verbannung. Viele der Aufzeichnungen wurden heimlich, hinter Stacheldraht, begonnen und einige auch dort zu Ende geschrieben, ohne Hoffnung auf baldige Ver├Âffentlichung und den Tod stets vor Augen.

Olga Sliosberg kommt in ihren Erinnerungen zu dem Schluss, dass "das Bedeutsamste und Beste in meinem Leben meine Aufzeichnungen waren". Bis zu ihrer Verhaftung im April 1936 hatte sie das Durchschnittsleben einer parteilosen, gebildeten sowjetischen Frau gef├╝hrt, aber erst als ihr Leben von einem Tag auf den anderen zerst├Ârt wurde, war in ihr der unb├Ąndige Wille erwacht, gegen diese Ungerechtigkeit zu k├Ąmpfen. 20 Jahre und 41 Tage verbrachte Olga Sliosberg in Gefangenschaft. Ihr erster Mann, Sackheim, Dozent an der Universit├Ąt, wurde 37-j├Ąhrig 1936 in den Kellern des Lubjanka-Gef├Ąngnisses erschossen, und ihr zweiter Mann Nikolai Adamow, den sie auf Kolyma kennen lernte, starb an den Folgen der Lagerjahre. Die besten Jahre ihres Lebens hatte die Mutter zweier Kinder, die bei Verwandten aufwuchsen, in Gefangenschaft verbringen m├╝ssen.

Im April 1936 wird sie mit dem ber├╝chtigten "schwarzen Raben", dem Polizeiauto f├╝r Gefangenentransporte, abgeholt und findet sich in einer ├╝berf├╝llten Zelle in der Lubjanka wieder. Sie ist vollkommen ├╝berzeugt, dass alles ein Irrtum ist, will beweisen, dass ihr Mann und sie unschuldig sind. Nach unertr├Ąglichem Warten auf ein Untersuchungsverfahren wird sie wegen Nichtanzeige ihres Ehemannes, der trotzkistische Zusammenk├╝nfte organisiert habe (Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches), als Verbrecherin "entlarvt". 20 qualvolle Jahre durch Gef├Ąngnisse und Lager - Kasan, Solowki, Kolyma, Butyrki-Gef├Ąngnis, Karaganda - beginnen.

Den Winter 1943 beschreibt sie als besonders hart, t├Ąglich m├╝ssen die Frauen zehn Stunden bei minus 50 Grad im Holzeinschlag arbeiten. Zum Abendbrot gab es dann einen Heringsschwanz "nicht gr├Â├čer als ein Finger". Unter diesen Bedingungen gingen die Menschen einfach ein, sie "kratzen ab". Auch Olga Sliosberg, die ├╝ber die Jahre eine kr├Ąftige Arbeiterin gewesen war, wird fast zur "Abkratzerin". Keine der Mitgefangenen will mehr mit ihr zusammenarbeiten, denn die von dem "schurkischen Lagersystem" auferlegte Norm muss erf├╝llt werden - auf Kosten des Lebens und der Gesundheit der Gefangenen machen die Natschalniks der Lager Karriere, bekamen Orden und Pr├Ąmien.

Aber die Arbeit ist auch das Einzige, was den Frauen geblieben war. Sie hatten keine B├╝cher, lebten in Dreck und Dunkelheit, ertrugen Erniedrigungen und Gewaltt├Ątigkeiten. Und so schreibt Olga, dass "einzig die Arbeit menschlich und rein war, es war Bauernarbeit".

In ihren Aufzeichnungen nehmen die Schicksale der mit ihr lebenden Frauen einen gro├čen Raum ein. So war die ├ärztin Polina Gerzenberg - polnische J├╝din und Mitglied des Sejm - einige Zeit auf Kolyma ihre Pritschennachbarin. Als ihr bei der Entlassung (laut dem russisch-polnischen Vertrag mussten alle Polen, die 1939 auf polnischen Gebiet verhaftet worden waren, freigelassen werden) auferlegt wird, sie solle "keinerlei Verleumdungen ├╝ber die Sowjetunion verbreiten", antwortet sie, sie werde "immer und ├╝berall die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die ganze Wahrheit verk├╝nden".

Auf dem Gefangenentransport 1949 nach Karaganda teilt Sliosberg sich die Schlafst├Ątte mit der Kiewer Studentin Olga, die 1947 zu 20 Jahren verurteilt wurde. Der Staatsanwalt hatte die unm├Âglichsten Vernehmungsprotokolle fabriziert, ihr sogar eine Verbindung zur Gestapo angedichtet. Beide Frauen schlie├čen Freundschaft, doch diese Freundschaft bereitet Olga Sliosberg "viel Kummer, denn die junge Olga ist Antisemitin", erz├Ąhlt unz├Ąhlige Geschichten "von Juden, die es immer und ├╝berall verstehen, sich gut einzurichten".

Olga Sliosberg h├Ątte die f├╝r sie peinigenden Gespr├Ąche leicht beenden k├Ânnen und nur zu sagen brauchen, dass sie selbst J├╝din sei. Aber sie f├╝rchtete, dass sich "dieses Dummerchen von mir abgewendet h├Ątte, und ohne die Lebensmittel und die Decke, die mir meine j├╝dischen Verwandten geschickt hatten, erfroren und verhungert w├Ąre". Und so erduldete sie deren Antisemitismus. Erst in Karaganda offenbart sie sich der Studentin, die ihr "so wehgetan hat".

Wie fast alle Frauen - soweit sie es noch erlebt haben - wird auch Olga Sliosberg nach dem XX. Parteitag rehabilitiert. In ihrer Rehabilitationsbescheinigung des Obersten Gerichts der UdSSR vom 06.04.1956 steht, dass "das Verfahren gegen Adamowa-Sliosberg wegen fehlenden Tatbestandes eines Verbrechens eingestellt wird".

Ihre und die Aufzeichnungen der anderen Frauen sind eine bedr├╝ckende Anklage gegen den Terror unter Stalin und zugleich von zeitloser G├╝ltigkeit und Notwendigkeit. Fast alle Materialien dieses Buches sind das erste Mal ver├Âffentlicht worden, im Verlag Sowjetski pisatel 1989, und nun auch in deutscher Sprache.

Dieser Artikel von Gabi Banas ist unter dem Titel "Weggesperrt" in der Zeitschrift J├╝disches Berlin Nr.120/2010 im Januar 2010 erschienen und wurde AVIVA-Berlin von der Autorin freundlicherweise zur Verf├╝gung gestellt.


Weggesperrt. Frauen im Gulag
Herausgegeben und ├╝bersetzt von Nina Kamm
Dietz Verlag, erschienen Juni 2009
Broschiert, 416 Seiten
ISBN: 978-3-320-02185-6
19,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Erika Riemann - Die Schleife an Stalins Bart

Literatur Beitrag vom 06.01.2010 AVIVA-Redaktion 





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