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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.06.2010

Martha Gellhorn - Ausgew├Ąhlte Briefe
Miriam Hutter

Die vor allem f├╝r ihre detailgetreuen, subjektiven Berichte ber├╝hmt gewordene Kriegsreporterin, Martha Gellhorn, gibt uns in ihren Briefen einen Einblick in die faszinierende Gedanken- und ...



... Gef├╝hlswelt einer starken Frau.

Acht Jahre nach ihrem Tod am 15. Februar 1998 in London wurden die von Caroline Moorehead herausgegebenen "Selected Letters of Martha Gellhorn" bei Chatto & Windus ver├Âffentlicht, die nun beim D├Ârlemann Verlag in einer gelungenen ├ťbersetzung von Miriam Mandelkow auch auf Deutsch erschienen sind. Zus├Ątzlich findet sich hier ein von Sigrid L├Âffler verfasstes Nachwort, das die widerspr├╝chliche Pers├Ânlichkeit Gellhorns noch n├Ąher zu umrei├čen sucht.

Martha Gellhorn entstammt einer langen Familientradition starker Frauen: Die Gro├čmutter, Martha Ellis, die den j├╝dischen Medizinprofessor Washington E. Fischel heiratete, war die erste weibliche Pr├Ąsidentin der "American Ethical Union". Ihre Mutter, Edna Fischel Gellhorn war eine bekannte Frauenrechtlerin, welche die "National League of Women Voters" mitbegr├╝ndete, deren erste Vizepr├Ąsidentin sie war. Im Jahre 1964 erhielt sie die Ehrendoktorw├╝rde der Washington University.

Martha, dieser Tradition folgend, war die erste weibliche Kriegsreporterin und schrieb Artikel f├╝r renommierte Zeitschriften wie "Collier┬┤s" und "The New Yorker". Als Kriegsgegnerin reiste sie in Kriegsgebiete und lieferte von dort ihre Reportagen ├╝ber den Spanischen B├╝rgerkrieg, und den finnisch-russischen Krieg. Der Zugang zu den Schaupl├Ątzen des Zweiten Weltkriegs wurden ihr als Frau verwehrt, weshalb sie einen aufgebrachten Brief an Colonel Lawrence schrieb. Unerlaubter Weise berichtete sie dann aber von einem Lazarettschiff aus, das schlie├člich in der Normandie anlegte Im Mai 1945 sah Gellhorn Dachau, wenige Tage nach der amerikanischen Befreiung der Lager und schrieb, sie werde sich nie verzeihen nicht "gewusst, begriffen, herausgefunden, verstanden zu haben, was geschah."

Die Briefe der Kriegsreporterin, Journalistin und Schriftstellerin Martha Gellhorn an FreundInnen, Familie und Liebhaber sind eine wahre Entdeckung. Es ist ihr lebendiger Schreibstil, ihre komplexe Pers├Ânlichkeit, die durch jeden einzelnen ihrer Briefe hindurchschimmert, die dieses Buch so lesenswert machen.

Die Briefe dokumentieren Gellhorns Leben in den fr├╝hen 1930er Jahren, als sie St. Louis, ihren Heimatort verlie├č und nach Paris ging, um sich dort ins Leben, die Liebe und das Schreiben zu st├╝rzen, bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1998. Zu einem besseren Verst├Ąndnis der verschiedenen Lebensabschnitte und um bestimmte Sachverhalte zu verdeutlichen, die der LeserIn unklar bleiben k├Ânnten, f├╝hrt Caroline Moorehead als einf├╝hlsame und kenntnisreiche Kommentatorin durch die Briefsammlung.
Die Menschenrechtsjournalistin Moorehead hat bereits 2003 eine Biographie ├╝ber Martha Gellhorn verfasst: "Martha Gellhorn: A Life", die bisher jedoch nur auf Englisch vorliegt.
In ihren Briefen zeigt sich Gellhorn als eine durchweg lebensbejahende Frau, die bereit ist, alles, (auch ihr Gl├╝ck) zu geben f├╝r ein m├Âglichst intensives Leben: "Man mu├č schon bl├Âd sein, um freiwillig schmerzlich gef├Ąhrlich ungl├╝cklich zu sein statt gelangweilt: Und zu dieser Art Bl├Âdm├Ąnner geh├Âre ich" schrieb sie einmal an ihre ehemalige Lehrerin Hortense Flexner ├╝ber ihre Beziehung mit Hemingway.

"Ich kann mich mit allem auf der Welt arrangieren au├čer Langeweile, und ich will kein guter Mensch sein."

Nichtsdestotrotz zeigt sich ihr sozialkritisches Bewusstsein, wenn sie beispielsweise 1938 in einem Brief an den "roten" Anwalt Campbell Beckett schreibt, sie w├╝nsche "an der Seite derer [zu] sein, die daran arbeiten, den Menschen eine Chance zu geben". Dies stellte sie erstmals unter Beweis, als sie, ÔÇô beauftragt von einer amerikanischen Regierungskommission ÔÇô, von dem Befinden der kleinen Leute in der Wirtschaftskrise berichtete. (Wie Moorehead anmerkt, wurde sie gefeuert, nachdem sie einige Arbeiter dazu ermutigt hatte ein paar Fensterscheiben einzuwerfen, um auf ihre unertr├Ąglichen Lebensbedingungen aufmerksam zu machen).

Es waren nicht nur Kriegsgebiete, die Gellhorn besuchte: Sie liebte das Reisen und mit ihm das Entdecken neuer Welten. An den Orten, die ihr besonders gut gefielen, lie├č sie sich f├╝r l├Ąngere Zeit nieder. So verbrachte sie einige Jahre (mit Hemingway) in Kuba, eine l├Ąngere Zeit in Kenia, und auch England und Italien wurden ihr f├╝r einige Zeit zur Heimat. Immer aber wurde sie durch ein Gef├╝hl des inneren Getriebenseins von diesen Orten wieder weggef├╝hrt, sobald sie sich dort mit viel Liebe ein Heim eingerichtet hatte: "Mein ganzes Talent scheint darin zu bestehen, Nester zu bauen, die ich dann nicht aushalte."

Gellhorn empfand sich selbst als "Entwurzelte", was sich nicht nur auf eine ├Ârtliche Heimat bezog, sondern auch auf ihre Selbstpositionierung als Autorin. Sie f├╝hlte sich weder in den USA noch in England als Teil des journalistischen Milieus, und auch dem Literaturbetrieb sah sie sich nicht zugeh├Ârig. Diese Au├čenseiterinnenrolle bestimmte auch ihr Verh├Ąltnis zu anderen Menschen. So schrieb sie in einem Brief an die Schauspielerin und Autorin Betsy Drake: "Ich finde, wir sind anderen entfremdet, allen anderen" und "Ich glaube die Einsamkeit muss man hinnehmen wie den Boden unter den eigenen F├╝├čen."

Zu ihrer Mutter Edna Fischel Gellhorn hatte Martha eine innige Beziehung. Immer wieder stellt sie in ihren Briefen fest, dass es die Mutter sei, die sie in ihrem Leben am meisten geliebt habe. Dies schob sie weniger auf die Blutsverbindung, als auf die Bewunderung, die sie f├╝r ihre Mutter als Mensch hegte. Bis zu ihrem Tod 1970 war sie ihr ein Vorbild gewesen.

Doch liebevolle Worte finden sich nicht nur in den Briefen Gellhorns an ihre Mutter. In den meisten Briefen wendet sich Gellhorn sehr herzlich an ihre AdressatInnen. So kommen nur wenige Briefe ohne ein abschlie├čendes "Ich liebe Dich" aus. Dass sie aber auch ├╝beraus grausam sein konnte, gegen├╝ber ihren Freunden, oder ihrem Adoptivsohn Sandy, wird der Leserin nicht vorenthalten. Letzterem schrieb sie einmal w├╝tend ├╝ber seine "Nutzlosigkeit", wenn sie w├Ąre wie er, w├╝rde sie sich "von der Klippe st├╝rzen" und der todkranke Leonard Bernstein musste sich von ihr sagen lassen, er solle nicht so selbstmitleidig sein".

Auch in ihren Liebesbeziehungen schien Martha Gellhorn immer die ├ťberlegene, St├Ąrkere gewesen zu sein, was wohl auch mit ihrem Drang nach Unabh├Ąngigkeit zusammenhing. Sich selbst sah sie dabei weniger als starke Frau an, als dass sie sich mit dem "Mann-Sein" identifizierte. So schrieb sie in einem ihrer Briefe:
"Nun bin ich also zu meinem ewigen Verdru├č kein Mann, und wenn ich eine Frau sein soll, werde ich das Beste draus machen und mich von dieser biologischen Panne nicht st├Ąrker als n├Âtig beeintr├Ąchtigen lassen."
Der ihr eigene Lebensmut blieb ungebrochen bis zum Schluss, bis ihre Kr├Ąfte so weit schwanden, dass sie ihrem Leben, in einem letzten Akt, der von ihrem Streben nach Unabh├Ąngigkeit zeugte, ein Ende bereitete.

AVIVA-Tipp: Die "Ausgew├Ąhlten Briefe" bieten der LeserIn auf vielf├Ąltige Weise Genuss: wir erhalten einen tiefen Einblick in das Denken und F├╝hlen einer au├čergew├Âhnlichen Frau und zugleich sind diese Briefe Zeugnis einer aufregenden Zeit. An eine Vielzahl bedeutender Pers├Ânlichkeiten des 20. Jahrhunderts gerichtet, geh├Âren Eleanore Roosevelt, H.G. Wells, Sybille Bedford, Leonard Bernstein und viele andere zu Gellhorns AdressatInnen
Einziger Wermutstropfen bleibt, dass die Auswahlkriterien f├╝r die Briefzusammenstellung unerw├Ąhnt bleiben und man sich w├╝nschte, alle verf├╝gbaren Briefe lesen zu d├╝rfen.

Zur Autorin: Martha Gellhorn wurde am 8.November 1908 in St. Louis/Missouri geboren. Sie kam aus einer wohlhabenden angesehenen Familie. Ihre Mutter war eine anerkannte Frauenrechtlerin und ihr Vater, der aus Breslau stammte war als Arzt erfolgreich. Martha besuchte das Frauen-College in Bryn Mawr, wo sie ihre ersten journalistischen Erfahrungen sammelte. Schon bald konnte sie auch in Europa f├╝r verschiedene Zeitschriften schreiben, wobei sich ihr Fokus erst mit dem Spanischen B├╝rgerkrieg auf die Kriegsberichterstattung verschob. Sie hat au├čerdem drei Erz├Ąhlb├Ąnde und zwei Romane ver├Âffentlicht, die jedoch nicht an den Erfolg ihrer Reportagen heranreichten.

Zur Herausgeberin: Caroline Moorehead ist bekannt f├╝r ihre Biographien, die sie nicht nur ├╝ber Martha Gellhorn, sondern auch ├╝ber beispielsweise Bertrand Russell und zuletzt ├╝ber Lucie de la Tour Du Pin verfasst hat. Von Martha Gellhorn hat sie au├čerdem verschiedene Erz├Ąhlb├Ąnde herausgegeben. Gerade erst erschienen ist Mooreheads Sachbuch "Human Cargo: A Journey Among Refugees".


Martha Gellhorn
Ausgew├Ąhlte Briefe

Originaltitel: "Selected Letters of Martha Gellhorn"
Herausgegeben und kommentiert von Caroline Moorehead
├ťbersetzung: Miriam Mandelkow
Nachwort von Sigrid L├Âffler
D├Ârlemann Verlag Z├╝rich, erschienen 2009
ISBN-13 9783908777502
420 Seiten, gebunden
24,90 Euro

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Literatur Beitrag vom 11.06.2010 AVIVA-Redaktion 





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