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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.06.2010

Marie NDiaye - Drei starke Frauen
Marie Heidingsfelder

Die Gewinnerin des Prix Goncourt 2009 beschreibt drei Frauen im Spannungsfeld zwischen Europa und Afrika, zwischen Schicksal und Freiheit, zwischen offensichtlicher Schwäche und heimlicher Stärke



Drei starke Frauen

So unterschiedlich ihr Schicksal scheint, das in einer jeweils abgeschlossenen Geschichte gezeigt wird, so gleich sind sich Marie NDiayes Protagonistinnen in einer Eigenschaft: An einem bestimmten Punkt lösen sie sich aus der Benommenheit, den milchigen Träumereien" und treffen Entscheidungen.

Als ihr Vater sie zu sich ruft, verl√§sst die Anw√§ltin Norah ihr Mutterland Frankreich, ihre Tochter und ihren Partner und reist nach Afrika, um ihrem Bruder aus dem Gef√§ngnis zu helfen. Nach Jahren ohne Kontakt trifft sie auf den Mann, der ihre Mutter verlassen und ihren Bruder aus dem Leben in Paris zu seiner Familie im Dara Salam entf√ľhrt hat.
Fanta hingegen hat den Senegal mit ihrem franz√∂sischen Ehemann und ihrem Sohn verlassen. Doch allen Tr√§umen zum Trotz ist die junge Lehrerin weder reich noch frei, sondern ohne Arbeit hinter den J√§gerz√§unen des Kleinb√ľrgertums und der Unzufriedenheit ihres Mannes eingesperrt.
Khady Demba ist mit Anfang 20 bereits verwitwet, als die Familie ihres verstorbenen Mannes die kinder- und somit nutzlose Frau auf den gef√§hrlichen Weg nach Europa schickt. Sie wei√ü nicht, was das ist und wo das liegt und macht sich trotzdem auf die Suche nach dieser Utopie, diesem Nicht-Ort, der die Tr√§ume aller Mitreisenden erf√ľllt.

Im Laufe des Romans streifen sich die Geschichten dieser drei: Die sehr junge Khady arbeitet im Haus von Norahs Vater und soll als Witwe ihrer Kusine Fanta nach Frankreich folgen - Doch keine der Frauen bemerkt dieses Streifen. Es fungiert vielmehr als subtiler Hinweis auf das allgegenwärtige Spannungsfeld zwischen Senegal und Frankreich, Entwurzelung und Heimat, Weggehen und Heimkehr.

NDiayes Protagonistinnen sind nirgendwo "zu Hause", die unaufh√∂rliche Pr√§senz beider Kontinente, unverst√§ndliche Symbole, nie gekl√§rte Familiengeheimnisse und Dem√ľtigungen bestimmen ihr Leben: In eine Art inneres Exil gefl√ľchtet, in einer geistigen Kapitulation, oszillieren sie wie Spielb√§lle zwischen den Kulturen und den Anspr√ľchen ihrer N√§chsten - bis sie an einem bestimmten Punkt das ihnen angetragene Schicksal selbst w√§hlen. Selbst, wenn sich √§u√üerlich kaum etwas √§ndert, kippt ihre Welt und wird damit wirklich zu "ihrer". Es ist das pl√∂tzliche Bewusstsein der eigenen Existenz als Subjekt und das L√∂sen aus der Opferposition, das Norah, Fanta und Khady vereint und sie zu dem macht, was der Titel verspricht: Drei starke Frauen.

Sprache mit Sogwirkung

So beeindruckend NDiayes Protagonistinnen und ihre St√§rke ist, was an dem Roman Seite f√ľr Seite mitrei√üt, ist die Sprache der franz√∂sischen Autorin. Die Geschichten entwickeln eine Plastizit√§t und beinahe k√∂rperliche Intensit√§t, die den Atem raubt. Wie aus den Romanen von Gabriel Garcia Marquez kommt den LeserInnen eine fiebrige, klebrige Hitze entgegen, die - zusammen mit ausgiebig geschilderten Krankheiten und Blessuren - best√§ndig an die eigene K√∂rperlichkeit erinnert.
"Auf dem R√ľckweg vibrierten sie von der dem Markt eigent√ľmlichen Erregung, als w√§re die ganze Fieberhaftigkeit und das heftige L√§rmen der Menge in ihren K√∂rper eingedrungen und die m√ľssten sich davon erleichtern, ehe sie nach Hause kamen, und sie h√∂rten nicht auf, Khady zu schikanieren, sie zu schubsen oder zu zwicken, gereizt und erregt von der Festigkeit ihres unempfindlichen Fleischs, der verstockten K√§lte ihres Ausdrucks, denn sie wussten oder ahnten, dass sie jedes Begriffsverm√∂gen abschaltete, wann man sie qu√§lte, sie wussten oder ahnten, dass die sch√§rfsten Spitzen sich in ihrem Geist in r√∂tliche Schleier verwandelten, die sich teilweise, aber nur fl√ľchtig mit den anderen vermengten, mit ihren bleichen, wohltuenden Tr√§umereien - sie wussten, sie ahnten es und √§rgerten sich dumpf dar√ľber." (S.275, Khady).

In solchen Passagen zeigt sich, in welcher Perfektion Marie NDiaye ihre Sprache beherrscht: Spielend wechselt sie von kurzen, abgehackten Haupts√§tzen zu durchdachten Reflexionen bis hin zu den atemlosen Wortschlangen des Zitates. Immer wieder nimmt sie schon Geschriebenes wieder auf und erzeugt so eine tiefe Eindringlichkeit und einen unwiderstehlichen Sog: Man m√∂chte die Augen vor dem unbarmherzigen Leuchten verschlie√üen, der Enge entkommen und das Karussell der immer gleichen Gedanken stoppen und man versteht, warum sich Khady, "des Lebens m√ľde und der wirkungslosen Kr√§nkungen √ľberdr√ľssig", in ein unbestimmtes geistiges Rauschen flieht, in dem "blasse Luftgespinster ihre Gedanken ersetzen."

AVIVA-Tipp: "Drei Starke Frauen" ist ein gro√üartiger Roman, sowohl stilistisch mitrei√üend, als auch inhaltlich ber√ľhrend. Fern von der bekannten Opferdarstellung und der aktuellen Afrika-Vermarktung durch die Weltmeisterschaftseuphorie, setzt sich Marie NDiaye mit dem komplexen Knoten von Themen auseinander, die ihre drei Frauen - stellvertretend f√ľr andere im Spannungsfeld zwischen Europa und Afrika - tats√§chlich bewegen: Heimat, Entfremdung, Familie, Entwurzelung - und die m√∂gliche Selbstbestimmung.

Zur Autorin: Marie NDiaye wurde 1967 in Pithiviers, s√ľdlich von Paris, als Tochter einer franz√∂sischen Mutter und einem senegalesischen Vater geboren. Ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, stand f√ľr die exzellente Sch√ľlerin fr√ľh fest, bereits mit 18 schickte sie ihr erstes Manuskript an den renommierten Verlag √Čditions de Minuit - und wurde angenommen. Es folgten weitere preisgekr√∂nte Romane und Dramen, in denen sie √Ėffentlichkeit und KritikerInnen mit ihrem kraftvollen Stil beeindruckte. Mit dem "Prix Goncourt" f√ľr "Drei starke Frauen" ist ihr 2010 der endg√ľltige Durchbruch gelungen: Zum erstem mal ging der wichtigste franz√∂sische Literaturpreis an eine afro-franz√∂sische Frau. In 2010 erh√§lt sie den "J√ľrgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis". Marie NDiaye sei mit ihrer "poetisch-dramatischen Sprache" von den deutschsprachigen B√ľhnen noch zu entdecken, sagte die Stifterin Ute Nyssen. Die Auszeichnung ist mit 15 000 Euro dotiert.
Seit der Wahl von Nicolas Sarkozy zum Staatspräsidenten lebt Marie NDiaye mit ihrer Familie in Berlin.


Marie Ndiaye
Drei starke Frauen

Originaltitel: Trois femmes puissantes, 2009, Gallimard
Aus dem Franz√∂sischen √ľbersetzt durch Claudia Kalscheuer
Suhrkamp Verlag, erschienen Juni 2010
Gebunden, 342 Seiten
ISBN-13: 978-3518421659


Weitere Infos finden Sie unter:

www.suhrkamp.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Marie Ndiaye erhält den Prix Goncourt 2009

"Rosie Carpe" von Marie NDiaye


Literatur Beitrag vom 29.06.2010 Marie Heidingsfelder 





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