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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.07.2010

Sarah Schmidt - Bad Dates
Marie Heidingsfelder

Beim ersten Blick auf das Buch klingt Sarah Schmidt zwar genau so spannend wie Martina Musterfrau, doch wer es schafft, 32 Erz├Ąhlungen auf 164 Seiten unterzubringen, kann sich keine L├Ąngen leisten



Seit mehr als drei├čig Jahren lebt Sarah Schmidt in Berlin, Zeit genug f├╝r viele schlechte Dates - doch die Ansammlung misslungener Begegnungen ist keinesfalls die literarische Verarbeitung einer lang gehegten Gro├čstadtdepression, sondern eine heimliche Liebeserkl├Ąrung der Wahlkreuzbergerin an ihr Lebensgef├╝hl zwischen zu kalten Wintern und zu hei├čen Sommern.

Im Schnitt braucht die Autorin gut f├╝nf Seiten, um das einzufangen, was ein schlechtes Date ausmacht: Die falsche Zeit, der falsche Ort, die falschen Personen, der Frust und die tragische Komik der Situation. Hier zeigt sich die Qualit├Ąt einer Autorin, die seit f├╝nfzehn Jahren auf Leseb├╝hnen in Berlin unterwegs ist: Schnelle, messerscharfe Situationsanalysen, ein ebenso knapper wie unversch├Ąmter Stil und die F├Ąhigkeit, Pointen zu setzen. Das macht Spa├č, besonders weil die Ich-Perspektive den Erz├Ąhlungen eine hohe Glaubw├╝rdigkeit verleiht. Wie ein unsichtbarer Schatten kann man Sarah Schmidt auf ihren Streifz├╝gen durch Berlin folgen, die Welt durch ihre Augen sehen, selbst Erlebtes wieder wiederfinden, erfundene Figuren pl├Âtzlich leibhaftig in der U-Bahn sehen und aus der sicheren Perspektive der gerade nicht selbst Betroffenen schadenfroh lachen - sei es mit oder ├╝ber die Autorin.

"Ich bin zu einer Gartenparty eingeladen. Meine Schwestern sind auch da. Alle! Lustig sind Schwestern schon, da hat Irina selbstredend recht, doch Lustigkeit ist nicht alles, was eine Schwesternschaft ausmacht. Wenn beispielsweise meine Familie zusammenkommt, gibt es im Gro├čen und Ganzen ziemlich genau zwei M├Âglichkeiten, wie solch ein Abend verlaufen kann. Entweder schlie├čen drei Schwestern ein spontanes B├╝ndnis gegen die vierte. ┬┤Mensch Sabine, du siehst aber schlecht aus heute Abend┬┤, sagt man dann und wartet ab, ob jemand drauf einsteigt. Wer das Opfer wird, beschlie├čt der Rest der Schwestern in Sekundenbruchteilen. Die zweite Schmidt-Schwestern-M├Âglichkeit besteht darin, dass sich alle schnell und zielgerichtet betrinken, um anschlie├čend laut und peinlich zu werden."

So grausam und erfrischend ehrlich ist die Wirklichkeit, die Sarah Schmidt ihren LeserInnen offenbart. Zwischen Kindheitstraumata, schlimmen Pubert├Ątserinnerungen, betrunkenen M├Ąnnern, besorgten Handwerkern, einem fast erwachsenen Sohn, gef├Ąhrlichen und ungef├Ąhrlichen Liebschaften zieht Sarah Schmidt durch die Stra├čen von drei Jahrzehnten Berlin. Sie berichtet, analysiert und beurteilt ohne Blatt vor dem Mund und mit viel schwarzem Humor, was sie tut und was ihr geschieht - und beschert ihren LeserInnen so ein herrlich unkorrektes Lesevergn├╝gen. Wer Blut geleckt hat und Sarah Schmidt live erleben m├Âchte, kann dies jeden Sonntag um 13 Uhr im Schlot beim Fr├╝hschoppen tun, auf Berlins ├Ąltester Leseb├╝hne. Den ├╝brigen bleiben sch├Âne Stunden mit schlechten Verabredungen.

AVIVA-Tipp: "Bad Dates" ist das perfekte Buch, um nachts mit den ├Âffentlichen Berliner Verkehrsmitteln unterwegs zu sein: Es sch├╝tzt davor, angesprochen zu werden, macht Spa├č, hindert am Einschlafen - und vor allem z├Ąhlen die Umgebung und die n├Ąchtlichen Gestalten als Film zum Buch.

Zur Autorin: Sarah Schmidt wurde 1965 in Dinslaken, als f├╝nftes Kind und vierte Tochter geboren. 1976 emigrierte sie mit elf Jahren mitsamt der Familie nach Westberlin und ging dort durch die harte Schule von Schmargendorf, Sch├Âneberg, und Neuk├Âlln. 1981 zog die ehemalige Hausbesetzerin aus ├ťberzeugung nach Kreuzberg, wurde mit 19 von einem 17j├Ąhrigen schwanger und bekam einen Sohn. Sie schreibt seit 1994 und ist seit 1995 Stammmitglied im "Fr├╝hschoppen" - lange Zeit als einzige Frau auf Berlins Leseb├╝hnen. Neben ihren Ver├Âffentlichungen im Verbrecher Verlag schreibt sie unter anderem Salbader, TAZ, Zitty und den Tagesspiegel, zudem Fernseh-Drehb├╝cher und ein St├╝ck ├╝ber Billy Holiday. Alle drei Wochen erscheint ihre Kolumne "Sarah BSC" ├╝ber ihre geliebte Hertha auf der Seite "Leibes├╝bungen" in der TAZ. "Bad Dates" ist nach "Dann machen wir┬┤s uns eben selbst" (2004) ihr zweiter Roman. Weitere Infos und Kontakt unter: sarah-schmidt.de und www.verbrecherverlag.de

Sarah Schmidt
Bad Dates

Verbrecher Verlag, 2. Auflage 2010
Taschenbuch, 164 Seiten
ISBN: 978-3935843959
12 Euro
www.verbrecherei.de


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Dann machen wir┬┤s uns eben selbst, der Deb├╝troman von Sarah Schmidt

Literatur Beitrag vom 22.07.2010 Marie Heidingsfelder 





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