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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.08.2010

Doron Rabinovici - Andernorts
Sharon Adler

Eine haarstr├Ąubend-genial konstruierte Geschichte des in Tel Aviv geborenen und in Wien lebenden, mehrfach ausgezeichneten Schriftstellers, Essayisten und Historikers Doron Rabinovici.



"Heimat ist, wo einem fremder zumute ist als an jedem anderen Ort."
Symbolhaft f├╝r diese Geschichte um Ethan Rosen und dessen Zerrissenheit steht dieses Statement, eingebettet ist es in eine Geschichte voller scheinbarer Widerspr├╝che und augenscheinlicher Gegens├Ątze.

Ausgel├Âst durch einen Nachruf auf Dov Zedek, den alten Freund seines Vaters, der vor vielen Jahren auch sein Vertrauter geworden ist, nimmt f├╝r Rosen eine schier unglaubliche Geschichte voller Verwicklungen ihren Lauf.

Er, Dozent f├╝r Sozialforschung am Wiener Institut, hatte es abgelehnt, einen Nachruf zu schreiben, denn er hasste nichts mehr als Fest- oder Trauerreden, Ansprachen oder pers├Ânliche Briefe. Sein Gebiet waren schon immer soziologische Analysen oder Polemiken. Diese schickte er selbst seinen Geliebten. Am Tag nach seiner R├╝ckkehr aus Israel, das der Sabre vor einigen Jahren verlassen hatte, fand er in einer Wiener Zeitung einen Kommentar ├╝ber Zedek vor, der ihn dazu veranlasste, in der gleichen Zeitung eine Antwort aufzusetzen. Eine Antwort, die den Verfasser scharf angriff, ihn indirekt wegen seiner antisemitischen Tendenzen kritisierte und ihm schlie├člich vorwarf, einem "ungenannt bleibenden Israeli ... heimatliche Selbstvergessenheit zu besch├Ânigen." Rosen, ├╝berm├╝det und gereizt von der Reise, dem Treffen mit seinen Eltern in Israel und diversen katastrophal-skurrilen Erlebnissen auf dem Flug Tel Aviv-Wien, schreibt sich in Rage. Verfasst einen Aufruf, die Erinnerung an die Shoah wach zu halten, ganz egal wo, auf jeden Fall aber im Geburtstland des F├╝hrers.

Pech f├╝r ihn, dass der Verfasser des urspr├╝nglichen Nachrufs Ethan Rosen selbst zitiert hatte, denn der polemisierte selbst noch vor einiger Zeit auf hebr├Ąisch gegen die organisiert-kommerzialisierten Gruppenreisen nach Auschwitz.
Noch mehr Pech, dass sein Widersacher ausgerechnet der Wissenschaftler Rudi Klausinger ist, der sich um die gleiche Professur an der Wiener Universit├Ąt beworben hatte wie Rosen.
Und zu allem ├ťberfluss reklamiert der von der Suche nach seinem leiblichen Vater getriebene Klausinger ausgerechnet Rosens Vater zu seinem eigenen.

Der wiederum, ein alter Wiener Jude, der Auschwitz ├╝berlebte, braucht n├Âtig eine neue Niere. Die Suche nach einem geeigneten Spenderorgan m├╝ndet in die Recherche nach der eigenen Herkunft und f├╝r beinahe alle Angeh├Ârigen ist nach den Ergebnissen nichts mehr so, wie es vorher war.

Was hier nach m├╝hselig konstruierten Handlungsstr├Ąngen klingt, ist jedoch ein genialer Entwurf einer Geschichte um Heimat und Heimatlosigkeit, Vertrautheit und Fremde, Verbundenheit und Ausgeschlossensein, Weggehen und Ankommen, Verlust und Vertrauen, Fanatismus und Religion.
Gleichzeitig ist "Andernorts" auch eine Geschichte voller Aberwitz und Irrsinn, voller Z├Ąrtlichkeit und Liebe.
Ein Roman, der Lust macht auf das Leben, so verr├╝ckt es auch sein mag.

AVIVA-Tipp: "Andernorts" lebt von messerscharfen Satzkonstruktionen, die, ohne glattgeb├╝gelt zu wirken, tief einsinken in das Bewusstsein der Leserin und dort noch lange nachhallen. Eine Geschichte, die in ihrer Direktheit trifft und verst├Ârt, in ihrer Sch├Ânheit ber├╝hrt und mit einem unerkl├Ąrlichen Trost zur├╝ck l├Ąsst.

Zum Autor: Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Der Schriftsteller, Essayist und Historiker wurde mehrfach ausgezeichnet, 1994 mit dem 3sat Stipendium des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, 1997 mit dem Ernst-Robert-Curtius-F├Ârderpreis f├╝r Essayistik, 1998 mit dem Hermann-Lenz-Stipendium, 1999 mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis, 2000 mit dem M├Ârike-F├Ârderpreis der Stadt Fellbach und dem Heimito-von-Doderer-F├Ârderpreis, Preis der Stadt Wien f├╝r Publizistik, 2002 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg und mit dem Jean-Am├ęry-Preis. Weitere Ver├Âffentlichungen: Ohnehin. Roman. (Suhrkamp, 2004), Credo und Credit. Einmischungen. (edition suhrkamp, 2001), Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat. (J├╝discher Verlag in Suhrkamp, 2001), Suche nach M. Roman. (Suhrkam,p 1997 und suhrkamp taschenbuch, 1999), Papirnik. Stories. (edition suhrkamp, 1994), Gemeinsam mit Ulrich Speck und Natan Sznaider Herausgeber des Bandes: "Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte" (edition suhrkamp, 2004), Der ewige Widerstand. ├ťber einen strittigen Begriff. (styria, 2008), Das Jooloomooloo, ein Kinderbuch mit Illustrationen von Christina Gschwantner (jooloomooloo, 2008), Gemeinsam mit Isolde Charim Herausgeber des Essaybandes: "├ľsterreich. Berichte aus Quarantanien" (suhrkamp edition, 2000), Gemeinsam mit Robert Misik Herausgeber des Essaybandes: "Republik der Courage. Wider die Verhaiderung" (Aufbau Verlag, 2000). (Quelle: Doron Rabinovici)
Weitere Infos und Kontakt: www.rabinovici.at


Doron Rabinovici
Andernorts

Suhrkamp Verlag, erschienen 16. August 2010
19,90 Euro
Gebunden, 285 Seiten
ISBN: 978-3-518-42175-8

Literatur Beitrag vom 16.08.2010 Sharon Adler 





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