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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.08.2010

Double Sexus. Louise Bourgeois, Hans Bellmer
Marie Heidingsfelder

Fehlende, exponierte oder vervielfachte Glieder, verformte Körper, androgyne Wesen - Anlässlich der Ausstellung Double Sexus erschien im Distanz Verlag ein großartiger Bildband mit...



...ausgewählten Werken von Louise Bourgeois und Hans Bellmer


Die sexuell aufgeladenen Werke der franz√∂sischen K√ľnstlerin und des deutschen K√ľnstlers weisen bemerkenswerte Parallelen auf, obwohl sie sich nie begegneten: Verformte K√∂rper, fehlende oder verdoppelte Gliedma√üen, m√§nnliche und weibliche Geschlechtsformen aus ihrem K√∂rperzusammenhang gel√∂st und miteinander verschmolzen.
Die Ausstellung "Bellmer-Bourgeois. Double Sexus" setzte erstmals √ľber 70 skulpturale, zeichnerische und fotografische Arbeiten der beiden in Dialog zueinander. In f√ľnf Sektionen wird der weibliche K√ľnstlerblick auf den menschlichen K√∂rper dem m√§nnlichen gegen√ľbergestellt. Im Fokus stehen traditionellen Geschlechterrollen, Sexualit√§t und der surrealistische Umgang mit ihr.

Anl√§sslich den Ausstellungen in Berlin und Den Haag erschien im Distanz-Verlag ein Bildband zu den pr√§sentierten Werken von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Schon auf den ersten Blick ist der Katalog ... sch√∂n. Sowohl √§u√üerlich, als auch innerlich. Er ist schwer, in helles Leinen gebunden, mit metallic-rosafarbener Schrift und einem ebenso farbigen Leseb√§ndchen. Wie bereits die Ausstellung ist er in sich sehr sorgf√§ltig gestaltet und konstruiert: Die Bilder der Skulpturen sind gro√üformatig abgedruckt und weder am Papier, noch am Fotografen wurde gespart. Dazu bietet der Katalog ein Vorwort, einen Epilog, die Biografien der K√ľnstlerin und eine Auflistung der Werke. Die f√ľnf Sektionen der Ausstellung: "Puppe und Prothese", Verdopplungen und Verbindungen", "Forme - Informe", "Diana von Ephesus" und "Geschichte des Auges" werden in Begleit-Texten aufgegriffen. Sie beschreiben und erkl√§ren nicht nur einzelne Werke, sondern beleuchten auch den theoretischen Kontext und den Hintergrund von Louise Bourgeois und Hans Bellmer. Was neben diesem hohen Standard aber besonders positiv auff√§llt, sind die Prosatexte von Elfriede Jelinek und Henry Miller, die sich mit ihrer bewusst provozierenden Schilderung von Sexualit√§t einem als verlogen und falsch empfundenen b√ľrgerlichen Wertesystem entgegensetzen. Der Dialog zwischen Bourgeois und Bellmer wird auf diese Weise mit literarischen Einfl√ľssen gekreuzt und √∂ffnet neue Bedeutungshorizonte und Denkperspektiven.

Louise Bourgeois

"I have endeavored during my whole lifetime as a sculptor to turn woman from an object into an active subject". Der Herzinfarkt im Mai 2010 riss Louise Bourgeois trotz ihrer 98 Jahre mitten aus dem Leben. Einem Leben, das sie seit dem Mathematik und Beaux-Arts-Studium in Paris der Kunst verschrieben hatte: Sechs Tage pro Woche verbrachte sie trotz oft schlafloser Nächte in ihrem Atelier und war noch Ende April 2010 in Berlin um ihre Ausstellung Double Sexuszu begleiten.
Au√üerhalb der Kunstwelt ist sie vor allem durch ihre "Spiders"-Skulpturen bekannt, die in den 1980er Jahren entstanden: Riesige, bedrohlich wirkende Spinnen aus Stahl, die ihren Weg aus dem Atelier in Museen und auf √∂ffentliche Pl√§tze der ganzen Welt antraten. Die gr√∂√üte hei√üt "Maman", aber was auf den ersten Blick an eine traumatische Mutter-Tochter-Beziehung denken l√§sst, ist in der Formsprache Bourgois¬ī eine ganz andere Metapher: Die Spinne verk√∂rperte f√ľr sie die Lebenseinstellung, ihrer Mutter, die Weberin war: "I do, I undo, I redo. Dieses Motto, die F√§higkeit die eigene Umwelt immer wieder zu gestalten, zu zerst√∂ren und zu reproduzieren, hat Louise Bourgeois √ľbernommen. Die Mutter war f√ľr sie Freundin, Vertraute und Verb√ľndete gegen den Vater, der eine Tochter nicht ernst nahm.

Neben der Auseinandersetzung mit der Kindheit und dem Prozess von Werden und Vergehen geht es Bourgeois immer wieder um Ambivalenzen, Verwandtschaften und Spannungen zwischen weiblich und m√§nnlich. Ihre Skulpturen sind eindeutig, in ihrer Ausrichtung aber oft zweideutig sexuell konnotiert: Sie spielte mit Geschlechtsmerkmalen, √ľberdimensionierte, zerlegte, kombinierte und exponierte sie. Gepr√§gt durch die zweite Welle der Frauenbewegung kritisierte sie in ihren Werken die unaggressive Weiblichkeit von Frauen, blieb aber Einzelg√§ngerin.

"Mein Feminismus kommt in meinem intensiven Interesse an dem, was Frauen tun, zum Ausdruck. Aber mir hilft es nicht, mich mit Leuten zu Verb√ľnden, es hilft mir wirklich nicht." Was ihr half, war das Schaffen. Gegen √Ąngste, Traumata und Erinnerungen war ihr die Arbeit zwar kein Heilmittel, aber eine Form der kontrollierten Auseinandersetzung - und Beruhigungsmittel in schlaflosen N√§chten. Louise Bourgeois arbeitete mit unterschiedlichsten Materialien: Ihre Skulpturen sind aus Stoff, Marmor, Stahl, Holz, Bronze, Wachs oder auch Latex und bis zu 10 Meter hoch. In ihren Ausstellungen pr√§sentierte sie √ľbergro√üe Phalli, deformierte K√∂rper, amputierte Glieder und kannibalistische Festmahle - immer mit einem verschmitzten L√§cheln, das ihre fast 100 Lebensjahre L√ľgen strafte.

Trotz ihrer unglaublichen Schaffenskraft und der einzigartigen Formsprache blieb Louise Bourgeois lange im Schatten ihres Mannes, dem amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie 1938 nach New York ging. Erst mit 68 Jahren erhielt sie ihren ersten Auftrag f√ľr eine Skulptur im √∂ffentlichen Raum, drei Jahre sp√§ter,1982, widmete ihr das Museum of Modern Art in New York eine Retrospektive, mit der sie nach Jahren der Heimlichkeit und Anonymit√§t weltber√ľhmt wurde. Mit ihr starb eine der bedeutendsten K√ľnstlerinnen der Gegenwart.
Louise Bourgeois hat 1987 selbst die schönsten Worten zu ihrem Leben geschrieben: "Man ist allein geboren. Man stirbt allein. Der Sinn des Zeitraums dazwischen ist Vertrauen und Liebe."

AVIVA-Tipp: Der Katalog "Double Sexus" ist mehr als ein blo√ües "Begleitheft" zur Ausstellung, sondern weist √ľber deren Rahmen hinaus. Die gro√üen Themen Sexualit√§t, Geschlechterrollen, Hybridit√§t und Macht werden erkl√§rt, ge√∂ffnet und weiter gedacht - und er ist sch√∂n.


Double Sexus. Hans Bellmer, Louise Bourgeois
Herausgegeben von Silke Krohn und Udo Kittelmann
Mit Texten von Elfriede Jelinek, Henry Miller und anderen
Distanz Verlag, erschienen im April 2010
Leinengebunden mit Lesebändchen, 160 Seiten
ISBN-13: 978-3899554038
39,90 Euro

Literatur Beitrag vom 16.08.2010 Marie Heidingsfelder 





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