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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 18.08.2010

Alexandra Lavizzari - Glanz und Schatten. Truman Capote und Harper Lee - eine Freundschaft
Elina Ioschpa

Sie ist ein Raufbold, geht keinem Faustkampf aus dem Weg und macht mit ihrer Jungenbande die Stadt unsicher. Wenn sie genug Nasen blutig geschlagen hat, zieht sie sich am liebsten in ihr Baumhaus...



... zurück und liest. Er trägt weiße Shorts und elegant geschnittene Hemden, seine Haare sind immer fein gekämmt, er sieht aus wie ein Mädchen. Wegen seiner Fistelstimme nennen ihn die anderen Jungs "Sissy". Weil er in Prügeleien ständig den Kürzeren zieht, weckt er ihren Beschützerinstinkt. So wurden zwei Stars der amerikanischen Literatur, Truman Capote und Harper Lee, Freunde.

Vor 50 Jahren, am 11. Juli 1960, veröffentlichte Harper Lee ihren Weltbestseller "Wer die Nachtigall stört...". Bis heute gehört der Roman zu den meistgelesenen Büchern in den Vereinigten Staaten. Lee faszinierte die LeserInnenschaft nicht nur mit ihrem literarischen Werk, sie wurde auch als langjährige Freundin von Truman Capote bekannt. Stets wurde sie in einem Atemzug mit dem extrovertierten Kultautor genannt. Alexandra Lavizzari, die bereits in "Fast eine Liebe" über die Liebesbeziehung der Schriftstellerinnen Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers schrieb, schildert in "Glanz und Schatten" die intensive und fragile Freundschaft zwischen Lee und Capote. In lebhaften Bildern erzählt Lavizzari die Geschichte der beiden SchriftstellerInnen, die mit der Liebe zur Literatur begann und am Erfolg scheiterte.

Lavizzari skizziert, wie die beiden Kinder ganze Tage in Lees Baumhaus verbrachten, sich Detektivgeschichten vorlasen und auf einer alten Schreibmaschine ihre eigenen Erzählungen tippten. Das Baumhaus wurde ein Zufluchtsort vor dem tristen Alltag in Monroeville, Alabama. Die Kinder erlebten hautnah mit, wie sehr das Leben der Südstaaten-Provinz in den 1930er Jahren durch Sozial- und Rassenkonflikte bestimmt war. Sie entzogen sich der Gewalt und Intoleranz und flüchteten in die Welt der Literatur und hegten den Traum, große SchriftstellerInnen zu werden. An der Verwirklichung dieses Ziels arbeiteten sie jahrelang.

Im Jahr 1948 gelang Capote mit "Andere Stimmen, andere Räume" der lang ersehnte Durchbruch. Über Nacht wurde er zum Shooting Star der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Auch Harper Lees Erstlingswerk "Wer die Nachtigall stört…" übertraf alle Erwartungen. Kurz nach der Veröffentlichung im Jahr 1960 erhielt sie den Pulitzer-Preis, die höchste Auszeichnung für US-amerikanische Literatur. Über den großen Erfolg seiner Jugendfreundin konnte Capote sich jedoch nicht freuen. Er sah Lee als Konkurrentin und beneidete sie um den hoch angesehenen Preis. Als er aber auf ihre Hilfe für sein neues Romanprojekt "Kaltblütig" angewiesen war, bat er sie um Unterstützung. Gemeinsam machten die beiden sich auf die Reise nach Garden City, eine Kleinstadt in Kansas, um über einen Mord an einer Farmerfamilie zu recherchieren.

Dort, wo der exzentrische Schriftsteller mit seinem extravaganten Auftreten bei den SüdstaatlerInnen auf Ablehnung stieß, half Lee. Sie gewann schnell das Vertrauen der Menschen und öffnete Capote alle Türen. Zwei Monate beteiligte sie sich an Capotes Recherchen, begleitete ihn zu unzähligen Gerichtsterminen und fertigte für ihn Protokolle der Gerichts-Verhandlung an, die Capote in seinen Roman übernahm. "Kaltblütig" wurde schließlich Capotes größter Erfolg. Doch er spielte den Anteil Harper Lees an den Recherchearbeiten zum Buch gänzlich herunter und ließ sich als alleiniger Autor feiern.

Obwohl Harper Lee nach ihrem Bestseller "Wer die Nachtigall stört ..." alle Türen offen standen, zog sie sich, enttäuscht von ihrem Freund, aus der Öffentlichkeit zurück. Capote hingegen stürzte sich in das Partyleben der New Yorker Schickeria und verlor sich in Alkohol- und Drogenexzessen. Er starb 1984 im Alter von 60 Jahren an einer Überdosis Schmerz-Tabletten. Lee lebt heute zurückgezogen in New York und Monroeville. Der langjährigen Freundschaft der AutorInnen mit all ihren Höhen und Tiefen hat Lavizzari mit "Glanz und Schatten" ein lesenswertes Denkmal gesetzt.

AVIVA-Tipp: In "Glanz und Schatten" legt Lavizzari den Fokus auf die Kinderfreundschaft von Capote und Lee, die weitere Entwicklung der SchriftstellerInnen behandelt sie nicht mehr in aller Ausführlichkeit. Die Gegensätzlichkeit der Charaktere von Harper Lee und Truman Capote werden zwar eindringlich veranschaulicht, wirken aber streckenweise zu einseitig. Capote wird durchgängig als ruhmsüchtiger Exzentriker und Lee als scheue Eremitin dargestellt. Auch wenn es Lavizzari nicht gelingt ein umfassendes Bild der beiden AutorInnen zu zeichnen, so überzeugt ihr Buch als eine Einführung in das Leben und Werk von Harper Lee und Truman Capote und macht auf deren Hauptwerke neugierig.

Zur Autorin Alexandra Lavizzari, geboren 1953 in Basel, studierte Ethnologie und Islamwissenschaft. Sie ist Autorin von Romanen (zuletzt: "Wenn ich wüsste wohin" 2007), Gedichten und biografischen Essays. In der edition ebersbach erschien neben Beiträgen in Sammelbänden ihr Buch über das Leben berühmter Kindsmusen "Lulu, Lolita und Alice (2005) sowie ihr Essay "Fast eine Liebe. Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers" (2008). Alexandra Lavizzari lebt in England und in der Schweiz. (Quelle: Verlagsinformationen)

Alexandra Lavizzari
Glanz und Schatten

edition ebersbach, erschienen August 2009
Klappen-Broschur, 180 Seiten
ISBN 978-3-938740-90-3
16,80 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Fast eine Liebe. Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers" von Alexandra Lavizzari
"Grenzgängerinnen der Moderne" herausgegeben von Unda Hörner, Alexandra Lavizzari, Susanne Nadolny und Jutta Rosenkranz

Literatur Beitrag vom 18.08.2010 AVIVA-Redaktion 





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