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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.09.2010

L├ęa Cohen - Das Calderon Imperium
Adriana Stern

Erst im Jahr 1992, fast f├╝nfzig Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges, kommen drei Frauen dem gut geh├╝teten Geheimnis um das Calderon Imperium, dem perfekt versteckten Verm├Âgen ...



... des j├╝dischen Tabakkonzernbesitzers Jules Calderon auf die Spur.

Robert Calderon, der Sohn von Jules, tritt in die Fu├čstapfen seine Vaters und vergr├Â├čert das betr├Ąchtliche Verm├Âgen durch kaufm├Ąnnisches Geschick erheblich. Gleichzeitig spendet er f├╝r viele wohlt├Ątige Zwecke, was zu einem hohen Ansehen der Calderons in Bulgarien f├╝hrt. Zum Besitz geh├Âren nun auch eine Versicherungsgesellschaft, ein Bankhaus und Immobilien in den besten Lagen Sofias.

Jules Calderon vertraut in seinem Leben nur vier Menschen: seiner Frau Sophie, seinem Sohn Robert, seinem Sekret├Ąr und seinem Prokuristen Nuschkov. Mit der Hilfe seines Notars Teodor Marinov verschwindet sein Verm├Âgen 1943 nach der Kollaboration des Zaren mit den Nationalsozialisten von einem Tag auf den anderen in einem Konsortium namens ALTERNUS mit Sitz in Zypern. Damit ist der gesamte Besitz f├╝r die bulgarischen Machthaber und ebenso f├╝r die Nationalsozilisten unerreichbar. Daran ├Ąndert sich auch nichts, als die Kommunisten die Macht in Bulgarien ├╝bernehmen. Robert wird 1949 von den kommunistischen Machthabern erschossen, weil er ├╝ber den Verbleib des Verm├Âgens weiterhin beharrlich schweigt und der Prokurist Nuschkov verschwindet spurlos.

Das Verm├Âgen und der Zugriff darauf ist auf vier Vollmachten verteilt worden "Ich Alexej, f├╝r AL, Teodor Marinov f├╝r TE, Robert Calderon f├╝r R und Nuschkov f├╝r NUS" Weil Robert als Sohn jedoch f├╝r die Machthaber zu leicht erreichbar ist, wird die vierte Vollmacht auf Roberts Freund Jaques ausgestellt. Als Alexej Bulgarien verl├Ąsst, vertraut Teodor Marinov ihm seine Vollmacht an.

Es bedarf einiger detektivischer F├Ąhigkeiten, diese Hintergr├╝nde aus dem Buch herauszulesen, denn die Autorin erz├Ąhlt ihre Geschichte aus den Perspektiven ihrer drei Hauptprotagonistinnen Eva Marinov, Lora Levi/ Benbassat und Lisa Calder, die entweder gar keine Ahnung haben, was die Existenz dieses Imperiums betrifft oder jeweils nur ├╝ber Wissensbruchst├╝cke verf├╝gen. Die vierte Perspektive ist die des mysteri├Âsen Viktor.

L├ęa Cohen verteilt das gesamte Hintergrundwissen auf mehr als dreihundertf├╝nfzig Seiten in Form von Erinnerungsr├╝ckspr├╝ngen, inneren Monologen und gef├╝hrten Dialogen im Jetzt. Mit diesem komplizierten und komplexen Aufbau des Buches entspricht die Autorin dem Aufbau des Calderon Imperiums, dessen wahre Struktur selbst vom Geheimdienst nicht zu entschl├╝sseln war, und verlangt der Leserin damit aber auch einige Kombinationsgabe ab.

Die Geschichte beginnt am 14. April 1992, als Eva Marinov, Tochter des Notars und Rechtsanwaltes Teodor Marinov, ihren schon l├Ąngst vergessenen Onkel Alexej, einen Freund ihres Vaters, in Sofia trifft. Zum ersten Mal erf├Ąhrt sie von ihm etwas ├╝ber die wahren Hintergr├╝nde des Todes eines Freundes ihres Vaters, Robert Jules Calderon.
Zu diesen ersten wenigen Puzzlest├╝cken, die die Autorin bis Seite Einhundert preisgibt, gesellen sich im Laufe der n├Ąchsten fast dreihundert Seiten die restlichen. Auf ihnen wird dann auch deutlich, dass ein mysteri├Âser Mann namens Viktor nicht nur in dem Leben von Eva Marinov eine gro├če Rolle gespielt hat, sondern sich seine Anwesenheit wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht und sich in jeder der Perspektiven der drei Frauen auf unterschiedliche Weise wiederfindet.
Erst im letzten Teil erz├Ąhlt Viktor selbst seine Geschichte, die damit auch seine wirkliche Identit├Ąt und die wahren Beweggr├╝nde seines Handelns aufdeckt.

L├ęa Cohen hat ihre eigene Erfahrung dazu genutzt, das Thema der Enteignung j├╝dischen Verm├Âgens w├Ąhrend des Zweiten Weltkrieges in Bulgarien aufzugreifen. Sie ist die Tochter eines Anwaltes, der f├╝nfundvierzig Jahre lang Dokumente ├╝ber j├╝disches, konfisziertes Eigentum aufbewahrte und sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den Gesch├Ądigten ├╝bergab, damit das Eigentum endlich in den rechtm├Ą├čigen Besitz zur├╝ckkommen konnte.

AVIVA-Tipp: Auch wenn das Buch entgegen der Ank├╝ndigung im Klappentext weniger ein Thriller ist und auch in Teilen eher unstrukturiert wirkt, ist es dennoch ├╝beraus lesenswert. L├ęa Cohen vermittelt ein umfassendes Wissen ├╝ber die politische und gesellschaftliche Geschichte Bulgariens und schreibt abgesehen von dem eher schwierig zu lesenden Beginn durchaus spannend. Die Lebensgeschichten der drei sehr unterschiedlichen Frauen sind facettenreich und ber├╝hrend geschildert! Und nicht zuletzt geb├╝hrt der Autorin Dank f├╝r den mutigen Schritt, das Schweigen ├╝ber die Verbrechen an J├╝dinnen und Juden in Bulgarien w├Ąhrend der Kollaboration mit Deutschland gebrochen zu haben.

Zur Autorin: L├ęa Cohen geboren in Sofia, studierte in ihrer Heimatstadt Klavier und in Utrecht Musikgeschichte. Sie war Leiterin der Philharmonie in Sofia und nach 1989 Botschafterin Bulgariens in Belgien, Luxemburg, der Schweiz und Liechtenstein. Sie lebt nahe Neuch├ótel und in Sofia.
Zum ├ťbersetzer: Thomas Frahm, geb. 1961, freier Autor, ├ťbersetzer, Bulgarien-Journalist und Publizist, lebt in Sofia/ Bulgarien.
(Quelle Bundeszentrale f├╝r politische Bildung)

L├ęa Cohen
Das Calderon Imperium

Verlag: Paul Zsolnay Verlag, erschienen: 08.02.2010
Originalausgabe: Consortium Aternus im Verlag Riva, Sofia 2005
├ťbersetzung aus dem Bulgarischen: Thomas Frahm
Hardcover, 384 Seiten

ISBN: 978-3-552-05490-5
21,50 Euro

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Literatur Beitrag vom 11.09.2010 AVIVA-Redaktion 





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