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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.09.2010

Family Files - Zeitgen├Âssische Fotografie und Videokunst aus Israel
Elina Ioschpa

Vor einem Wellblechhaus in der West Bank k├╝sst eine hochschwangere Frau mit langen gelockten Haaren liebevoll ihren Ehemann, der eine Soldatenuniform tr├Ągt. Mitten in einer kleinen Stra├če in...



...Hebron stehen f├╝nf Br├╝der, jeder von ihnen mit Kippoth und Schl├Ąfenlocken und ihre Schwester, die dem j├╝ngsten die H├Ąnde auf die Schulter gelegt hat, in einer Reihe und blicken in die Kamera. Drei ├Ąltere Damen stehen eng an einander gelehnt, an ihren Unterarmen sind numerisch aufeinander folgende t├Ątowierte Nummern zu sehen, mit denen sie in Auschwitz registriert wurden.

Die Menschen auf den Schwarz-Wei├č-Fotografien scheinen nicht viel gemeinsam zu haben. Sie geh├Âren nicht zur selben Generation und schon auf den ersten Blick sind religi├Âse Unterschiede zu erkennen. Trotz aller Gegens├Ątze verbindet sie etwas, sie sind eine Familie, n├Ąmlich die der K├╝nstlerin Vardi Kahana. F├╝r die Ausstellung "Family Files", die vom 09. Juni bis 12. September 2010 im J├╝dischen Museum in M├╝nchen zu sehen war, haben neben Kahana f├╝nfzehn weitere israelische K├╝nstlerInnen ihre ganz pers├Ânlichen Familienalben zusammengestellt.

Im gleichnamigen Katalog zur Ausstellung k├Ânnen nun alle KunstliebhaberInnen, die es nicht in die bayrische Metropole geschafft haben, die beeindruckenden Arbeiten zu sich nach Hause holen. In kurzen Texten in deutscher und englischer Sprache werden die Werke der FotografInnen vorgestellt. Die LeserInnen bekommen einen Einblick in die Machart der Fotografien und erfahren ├╝berraschende Hintergrundinformationen zu den Bildern. Alle 16 K├╝nstlerInnen haben in einem kurzen Statement die Grundidee ihres Konzepts formuliert. Die Textbeitr├Ąge sind von besonderer Relevanz, denn ohne sie w├Ąren viele der Fotografien, bei denen die K├╝nstlerInnen mit dem Wahrheitsgehalt der Bilder spielen, kaum verst├Ąndlich.

Ganz besonders trifft dies auf die Fotografien von Itay Ziv zu. In einem Zitat offenbart er seine Vorgehensweise:
"Ich habe meine Familie, Freunde und mich selbst als orthodoxe Familie verkleidet. Ich habe versucht, eine neue Identit├Ąt und k├╝nstliche Autobiografie f├╝r meine Familie und mich zu schaffen, indem ich mich an religi├Âse Werte hielt: endlose Liebe, Reinheit, Erl├Âsung und das Befolgen des `rechten Weges┬┤."

Ein Jahr lang befolgte Ziv strikt alle religi├Âsen Gesetze und beschloss f├╝r sein Fotoprojekt auch seine Familie mit einzubeziehen. Mit den "Verkleidungen" wollte er seinen vor├╝bergehenden Lebenswandel f├╝r die Kamera sichtbar machen. Ziv und sein Vater tragen wei├če Hemden, schwarze Hosen und eine Kippa und sind auf den Fotografien nicht von orthodoxen Juden zu unterscheiden. Nur das Zitat des K├╝nstlers demaskiert sie und verweist auf ihr s├Ąkulares Leben. Mit seiner Arbeit scheint Ziv seine bisherige Lebensweise zu hinterfragen. Denn in den Fotografien ist eine Sehnsucht nach einem anderen, einem religi├Âsen, Leben zu sp├╝ren.

Auch Nurit Yarden veranschaulicht mit ihrer Arbeit den illusorischen Charakter des Mediums Fotografie. Sie zeigt den BetrachterInnen, dass sich hinter Familienportr├Ąts meist mehr verbirgt als nur das, was tats├Ąchlich zu sehen ist. Ihr Verfahren ist einfach und effektvoll zugleich. Sie positioniert zwei identische Familienfotos aus ihrer Kindheit nebeneinander und versieht sie mit unterschiedlichen Untertiteln. Auf beiden Fotos ist eine gl├╝ckliche Familie abgebildet: Vater und Mutter sitzen nebeneinander, der Sohn steht hinter ihnen und umarmt sie, die kleine Tochter sitzt auf dem Scho├č des Vaters, alle l├Ącheln: Unter der ersten Aufnahme ist zu lesen: "Wir hatten einen gro├čartigen Tag.", die zweite mit dem gleichen Motiv ziert ein anderes Statement: "Meine Mutter hat den ganzen Tag geschwiegen." Mit nur einem Satz dekonstruiert Yarden die Familienidylle. Sie zeigt, dass die "Wahrheit" hinter dem gl├╝cklichen L├Ącheln verborgen bleibt und fragt damit nach dem Wert von Familienportr├Ąts.

Neben den ungew├Âhnlichen Konzeptfotografien der K├╝nstlerInnen begeistert "Family Files" mit zwei wunderbaren Texten der Autoren Patrick Healy und Etgar Keret. Healy formuliert in seinem wissenschaftlichen Essay "Familienangelegenheiten oder die Familie z├Ąhlt" die Kulturgeschichte des Begriffs "Familie". Keret erz├Ąhlt in seiner Kurzgeschichte "Meine ultraorthodoxe Schwester" mit viel Humor von den H├Âhen und Tiefen der Beziehung zu seiner einstigen Verb├╝ndeten, die ihm seit ihrer Hochzeit fremd geworden ist. Beide Texte sind eine gute Erg├Ąnzung zu den fotografischen Arbeiten, sie erschlie├čen das Thema Familie mit Humor und wissenschaftlicher Genauigkeit und beleuchten neue Aspekte der Definition von "Familie".

AVIVA-Tipp: Junge FotografInnen aus Israel stellen in dem Bildband ihre Familien vor. Vardi Kahana zeigt die religi├Âsen und politischen Unterschiede innerhalb ihrer Gro├čfamilie. Itay Ziv experimentiert spielerisch mit der Identit├Ąt seiner Liebsten und Nurit Yarden enth├╝llt mit einem simplen k├╝nstlerischen Verfahren verborgene Familiengeheimnisse. Nicht nur die drei, sondern alle sechzehn K├╝nstlerInnen, deren Werke in "Family Files" abgebildet sind, geben einen spannenden und pers├Ânlichen Einblick in ihre Familienalben und zeigen eine gro├če Vielfalt der Lebensentw├╝rfe im heutigen Israel.

Zu den Herausgeberinnen:

Galia Gur Zeev
wurde in Tel Aviv, Israel, geboren. Sie studierte von 1984 bis 1988 an der "Bezalel Academy of Art and Design" in Jerusalem. Ihre Werke wurden im "Israel Museum" in Jerusalem und im "Tel Aviv Museum of Art" ausgestellt und geh├Âren zur Sammlung dieser H├Ąuser. Seit 2006 kuratiert Gur Zeev Fotoausstellungen des "Erez Israel Museums" in Tel Aviv. www.galiagurzeev.com

Ronit Eden wurde in Beer Sheva, Israel, geboren. Sie studierte Design und Architektur an der "Hasadna School" in Tel Aviv. Seit 1989 arbeitet sie als Innenarchitektin und Ausstellungsdesignerin. Eden lebt in Amsterdam, wo sie Ausstellungen kuratiert und gestaltet. www.roniteden.com

K├╝nstlerInnen der "Family Files": Reli Avrahami, Raed Bawayah, Noa Ben Nun Melamed, Elinor Carucci, Oded Hirsch, Erez Israeli, Vardi Kahana, Tomer Kep, Felix Kris, Roni Lahav, Noa Sadka, Tal Shochat, Boaz Tal, Nurit Yarden, Galia Gur Zeev, Itay Ziv.

Family Files
Zeitgen├Âssische Fotografie und Videokunst aus Israel

HerausgeberInnen: Galia Gur Zeev, Ronit Eden
Kehrer Verlag, erschienen 2010
Festeinband, 144 Seiten, 58 Farb- und 32 Schwarz Wei├č Abbildungen
Deutsch, Englisch
ISBN 978-3-86828-144-6
24,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Begegnungen ÔÇô 60 Jahre Israel in Berliner Theatern, mit einer Ausstellung der Werke von Vardi Kahana (2008)

Language and Gender ÔÇô Eine Ausstellung in der Galerie Artneuland, mit Werken der K├╝nstlerin Nurit Yarden (2008)

Jellyfish ÔÇô vom Meer getragen - Meduzot, ein Film von Etgar Keret und Shira Geffen

Literatur Beitrag vom 28.09.2010 AVIVA-Redaktion 





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